• aktualisiert:

    BAD KISSINGEN

    Wirte sehen ihre Vielfalt in Gefahr

    Gastronomen haben reichlich Kummer. Das brachte der Bayerische Gastgebertag des Hotel- und Gaststättenverbands ans Licht.

    ARCHIV - Vier Leute stoßen mit vier Gläsern Bier an, aufgenommen am 21.04.2009 in Leipzig. Foto: Peter Endig (dpa-Zentralbild)

    Von ganzem Herzen sind viele Gastronomen für ihre Gäste da. Aber der Berufsstand hat reichlich Kummer. Das ganze Ausmaß brachte der 1. Bayerische Gastgebertag des Hotel- und Gaststättenverbands ans Licht (wir berichteten). Lauter als bisher will die Organisation künftig auf die gesellschaftliche Bedeutung der Gastronomie hinweisen.

    Jeder 17. Arbeitsplatz hängt von der Gastronomie ab

    Von ihr hänge in der Bundesrepublik immerhin jeder 17. Arbeitsplatz ab, hieß es.

    „Jeder kommt inzwischen auf die Idee, Essen, Wohnraum und Veranstaltungsräume anzubieten“, kritisierte Landesgeschäftsführer Thomas Geppert vor den Gästen im Regentenbau. Und dies oft zu besseren Rahmenbedingungen, als sie für die Verbandsmitglieder gelten. „Es wird Zeit, dass wir unseren Markt zurückholen“, warb er für die Einzigartigkeit gut geführter Gaststätten.

    Zukunft des bayerischen Wirtshauses hängt von der Politik ab

    Der Verband sei mit Beratung und Hilfestellung auf einem guten Weg. Viele Gastronomen hätten viel investiert. „Aber wenn das bayerische Wirtshaus eine Zukunft haben soll, dann sind in erster Linie Sie gefragt“, rief er Heimatminister Markus Söder zu.Nur in einem Dreiklang aus Politik, Verband und Unternehmer sei die Vielfalt des Gastgewerbes zu erhalten. Oder es drohe – wie in Amerika – die Reduzierung auf Fastfood an Hotspots. Als eigenen Beitrag sieht der Verband die Neugründung seines Forums Junge Gastgeber bei der Tagung.

    „Überflüssige Bürokratie“

    Angela Inselkammer, Präsidentin des Landesverbands, forderte mit der Flexibilisierung des Arbeitszeitgesetzes auch eine Lockerung der Dokumentationspflichten. Zumindest für Betriebe unter 20 Beschäftigten sollte dies möglich sein. „Auch die Mitarbeiter wollen das“, sagte sie mit Blick auf die Arbeitszeiterfassung.

    Die Branche integriert

    Gerade für kleine Betriebe sei „überflüssige und zeitraubende Bürokratie“ ein großes Gefährdungspotenzial. Zumal die Produktivität laut einer Verbandsstudie mit 22,80 Euro je Stunde der übrigen Wirtschaft (50,20 Euro) hinterherhinke.

    Dabei biete die Gastronomie große Chancen für den Staat. Etwa durch den hohen Mitarbeiterbedarf. Und: „Die Branche integriert“, wies sie auf 310 000 Menschen mit Migrationshintergrund aus 150 Nationen hin, die in Gaststätten arbeiten. 30,2 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten seien Ausländer – so viele, wie in keiner anderen Branche.

    Jobmotor Gastgewerbe

    Hoffnungen in die künftige Bundesregierung setzt Guido Zöllick. „Wir erwarten eine Anerkennung des Gastgewerbes als Jobmotor“, sagte der Präsident des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands. Schnellstmöglich gehöre die Ungerechtigkeit beseitigt, dass auf Essen to go, Hundefutter und Tütensuppen nur sieben Prozent Mehrwertsteuer fällig werden, aber 19 Prozent auf die frisch zubereitete Suppe in Restaurants und Wirtshäusern.

    Söder will die Dehoga-Forderungen mit nach Berlin nehmen

    Heimatminister Horst Söder versprach, die Forderungen mit nach Berlin zu nehmen. Er plädierte in seiner launigen Rede dafür, Kontrollen mehr auf schnelllebige Gastronomieangebote zu konzentrieren, als auf altangestammte Häuser. Skeptisch zeigte er sich zu der Frage, ob es tatsächlich im wünschenswerten Maß gelingen werde, Bürokratie abzubauen. Während die eine oder andere Verordnung abgeschafft werde, entstünden anderswo schon wieder neue, bemängelte er.

    Differenziert diskutierten Tourismus-Experten aller Landtagsfraktionen über Senkung der Mehrwertsteuer auf gastronomische Leistungen. Jutta Widmann (Freie Wähler) plädierte dafür, sie auf sieben Prozent abzusenken, weil die Eigenkapitalquote vieler Gastronomiebetriebe bedrohlich klein sei. Klaus Stöttner (CSU) und Ulrich Leiner (Grüne) sehen mit Blick auf die Gerechtigkeit zu anderen Branchen einen Mittelweg von 12 bis 14 Prozent.

    Arbeitszeit monatlich abrechnen

    Martina Fehlner (SPD) gab der Hoffnung Ausdruck, dass sich die Dokumentation der Arbeitszeit noch einspiele. Wobei die Politikerrunde einer monatlichen Saldierung der Arbeitsstunden nicht abgeneigt war. Die starre tägliche Höchstarbeitszeit sei an Wochenenden oder zu besonderen Anlässen praxisfremd.

    Für Chancen durch neue Bewirtungskonzepte warb die Tagung durch eine weitere Gesprächsrunde auf der großen Bühne. Barbara Glauben-Woy und Bernd Glauben (Coburg) plädierten für die Abkehr von Standardgerichten auf der Speisekarte. Durch Spezialisierung auf Steaks, Meeresfrüchte und Sushi haben sie anhaltenden Erfolg. „Dazu braucht es aber einen langen Atem“, sagte Bernd Glauben.

    Mit guten Beispielen voran

    Ben Försch (Erlangen) gewinnt mit Umweltbewusstsein Gäste. So spart er 90 Prozent Müll und bis zu 50 Prozent Strom ein. „Das kommt bei den Gästen gut an“, ist er sich sicher.

    Über die Kommunikationsplattform Foodtrucks Deutschland im Internet könnten stationäre Restaurants ihre kulinarischen Angebote zusätzlich an wechselnden Standorten anbieten. Mitbegründer Klaus Wünsch sieht darin ein weiteres Standbein, um am schwierigen Markt zu bestehen. Den Gastgebertag nutzten einige Hersteller, um innovative Speisen und Getränke sowie digitale Helfer zur Bewältigung der Bürokratie zu präsentieren.

    Weitere Artikel
    Fotos

      Kommentare (0)

      Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!