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    LKR Bad Kissingen

    "Ich lasse mich nicht einschüchtern"

    Die Ermittlungen gegen eine Pfarrerin in Haßfurt beobachtet der Bad Brückenauer Pfarrer Gerd Kirchner genau. In seiner Kirche leben zwei Äthiopier im Asyl.

    Bad Brückenaus Pfarrer Gerd Kirchner stellt sich demonstrativ vor seine jungen Asylbewerber aus Äthiopien. Foto: Susanne...

    Die Staatsanwaltschaft Bamberg ermittelt gegen die evangelische Pfarrerin Doris Otminghaus in Haßfurt. Denn: Sie gewährt vier Flüchtlingen Kirchenasyl, deshalb soll es um "Beihilfe zum unerlaubten Aufenthalt in Deutschland" gehen. Bayerns Justiz scheint damit ein tausende Jahre altes Gewohnheitsrecht ins Visier zu nehmen. Auch Pfarrer Gerd Kirchner aus Bad Brückenau ist darüber bestürzt. Droht ihm auch ein Ermittlungsverfahren? Denn er bietet gerade zwei Männern aus Äthiopien Schutz. "Ich lasse mich nicht einschüchtern", sagt er.

    Kirchner weiter: "Die Kirche ist ein Zufluchtsort - und das muss so bleiben." Und Pfarrerin Otminghaus sagt: "Vom Asylexperten der evangelischen Kirche habe ich erfahren, dass momentan 30 Personen von den Ermittlungen betroffen sind in Bayern." Gegen sie selbst wird wegen neunmaliger Beihilfe ermittelt, "wobei wir derzeit nur vier Menschen im Kirchenasyl betreuen". Die anderen fünf haben das Pfarrhaus in Haßfurt schon seit längerem verlassen.

    In der Obhut ihrer Kirchengemeinde waren oder sind Menschen, die nach dem Dubliner Abkommen Deutschland hätten verlassen müssen, weil sie über ein sicheres Drittland eingereist waren und dort ihren Asylantrag stellen müssen. Und auch jene, die bereits abgelehnt wurden, wie ein Afghane, der in das jetzt zum sicheren Land erklärte Afghanistan hätte zurückreisen müssen. "Die Staatsanwaltschaft macht da also keinen Unterschied", so Otminghaus.

    Seit vier Wochen leben die Äthiopier dank der Unterstützung von Pfarrer Gerd Kirchner im Gemeindehaus der Friedenskirche in Bad Brückenau. Die beiden geben an, in Äthiopien nicht mehr vor der Polizei und dem Staat sicher gewesen zu sein. Über Italien sind sie nach Deutschland gekommen, sie haben hier Asyl beantragt. Das wird aber wohl nicht gewährt werden: Sie müssen in dem Land einen Antrag stellen, durch das sie Deutschland erreicht haben. Gewährt ihnen in der Zeit der Bearbeitung durch deutsche Behörden aber eine Kirche Asyl, können sie nach einem viertel Jahr im Kirchenasyl einen Asylantrag in Deutschland stellen, der nach deutschem Recht behandelt wird.

    Der Grund, warum sich die Friedenskirche-Gemeinde entschlossen hat zu helfen, erklärt Kirchner: "In Italien kümmern sich die Behörden nur um 15 Prozent der Flüchtlinge - der Rest lebt auf der Straße und ist sich selbst überlassen." Das wollten die Bad Brückenauer ihren "Jungs", wie Kirchner sie nennt, nicht zumuten. "Jetzt bleiben sie die paar Wochen hier. Sie bringen sich ein, sie putzen, sie kochen. Es ist toll: Jetzt riecht es hier im Pfarrhaus nach Orient und nicht mehr nach Linoleum." Die jungen Männer leben auf knapp 20 Quadratmeter in einem Zimmer, sie telefonieren viel mit der Heimat. Ansonsten sind sie zur Untätigkeit verdammt und nehmen jede Abwechslung gerne an: Spielen Fußball mit anderen Kindern, helfen der Seniorengruppe, lernen Deutsch vom rasch organisierten Helferkreis.

    Die Polizei in Bad Brückenau weiß vom Kirchenasyl, sie hat es auch der Staatsanwaltschaft in Schweinfurt gemeldet, was ein gängiges Vorgehen ist. "Doch wir haben keine Rückmeldung erhalten", sagt Herbert Markert von der Inspektion. "Das Kirchenasyl hier hatte keine Auswirkungen auf die Verantwortlichen der Kirche." Die Staatsanwaltschaft Schweinfurt informierte auf Nachfrage, dass derzeit kein Ermittlungsverfahren gegen Pfarrer im Landkreis Bad Kissingen laufen.

    Angst, dass doch noch gegen ihn ermittelt werden könnte, hat Gerd Kirchner nicht. "Allerdings habe ich das Gefühl, da zieht sich eine Schlinge zu, wenn der Staat so massiv eingreift." Die Kirche sei ein "Fleck für Menschlichkeit, ein letztes Refugium": "Wenn der Staat dort die Muskeln spielen lässt, ist das nicht richtig - das wäre die falsche Richtung". Heinrich Bedford-Strohm ist Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Gegenüber dem Bayerischen Rundfunk sagte er, das Kirchenasyl habe eine lange Tradition in der Kirchengeschichte und dass man bisher mit Gesprächen Ermittlungen habe vermeiden können. Er wisse von momentan 17 Ermittlungsverfahren gegen Pfarrer, denen Rechtsbeistand gegeben werde. "Wir haben wirklich andere Probleme, als dass wir zu viel Empathie und zu viel humanitäres Engagement haben. Deshalb ist es schlicht und einfach der falsche Ort, um jetzt aktiv zu werden. Niemand gefährdet den Rechtsstaat. Wir stehen alle dazu."
    Gerd Kirchner ist betroffen: "Frau Otminghaus und ich machen etwas, was nicht in der Verfassung verankert ist, aber es ist ein Jahrtausende altes Gebrauchsrecht der Kirche. Wie kommt eine Staatsanwaltschaft jetzt darauf, dieses Recht anzufechten?" Und Doris Otminghaus sagt: "Ich sehe es als Einschüchterungsversuch." Und einschüchtern lassen werde sie sich nicht. "Dafür erfahre ich derzeit auch viel zu viel Solidarität."

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