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    Bad Brückenau

    Bad Brückenauer Netz aus Erinnerungen soll wachsen

    13 Schüler des P-Seminars beschäftigten sich mit dem Thema "Jüdisches Leben in Brückenau". Und sie erstellten eine Broschüre.

    Vor einigen Tagen haben 13 Schüler ein großes Projekt abgeschlossen. Eineinhalb Jahre lang hatten sie sich im Rahmen des P-Seminars (siehe Infokasten) "Jüdisches Leben in Brückenau" mit der ganzen Bandbreite dieses Themas beschäftigt.

    Damit das Thema mit Beendigung des Seminars nicht auch beendet, oder sogar vergessen wird, haben die jungen Leute eine Broschüre herausgegeben. Ihr Engagement hat Sarah Hofmeister begründet: "So ein tiefes Thema kann nicht oberflächlich behandelt werden." Aus grundlegendem Interesse an Geschichte, dem jüdischen Leben und dem Heimatort heraus oder auch, um neue Themen für sich zu entdecken, fanden sich die Oberstufenschüler zusammen und gelangten zu tieferen Einblicken in die Materie.


    26 Seiten Geschichte der Juden in Brückenau

    Auf 26 Seiten wird nun die Geschichte der Juden in Brückenau beleuchtet, von den ersten Erwähnungen im 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Von jüdischen Mitbürgern ist die Rede, die ohne Separierung oder Diskriminierung, mit Protestanten und Katholiken zusammen lebten, arbeiteten und sich für das Gemeinwohl einbrachten. Es gab eine jüdische Kurtradition, Handwerksbetriebe mit koscherer Produktion und eine Matzenbäckerei.

    Lange war Antisemitismus im Alltag nicht spürbar gewesen. Dies änderte sich zunehmend in den 1930er Jahren. Isolierung, Aberkennung von Bürgerrechten und staatliche Repression mündeten 1938 in der Reichskristallnacht, der auch die Brückenauer Synagoge zum Opfer fiel. Originaltexte aus dem Brückenauer Anzeiger vom 11. November 1938 und Berichte von Zeitzeugen lassen die Vergangenheit beklemmend nahe kommen. Die Erinnerung an das jüdische Leben in Brückenau sollte nicht mit der Zwangsdeportation und Ermordung in den Flüchtlingslagern enden. Die Schüler des P-Seminars wollten gemäß dem Untertitel "Erinnerung, Mahnung, Auftrag" die Brücke über die Gegenwart hinaus in die Zukunft schlagen. Die Erinnerung an eine jüdische Gemeinde inmitten von Brückenau soll wach gehalten werden.


    1000 Stück der Broschüre überreicht

    Ab sofort, für jeden frei verfügbar, liegt nun die vom P-Seminar entworfene Broschüre "Jüdisches Leben in Brückenau" vor, die die Schüler in 1000-facher Auflage Bürgermeisterin Brigitte Meyerdierks (CSU) und Bibliothekar Jan Marberg übergeben haben. "Wir unterstützen das gerne," betonte Jan Marberg, ist doch die Bibliothek ein "Wissensspeicher. Wir haben die Aufgabe, Erinnerung und Mahnung zu bewahren." Bürgermeisterin Brigitte Meyerdierks freute sich über das Engagement der Schüler und über den "weiteren Schritt, den wir gehen". Bereits im vergangenen Jahr hatte sie die Gymnasiasten kennengelernt, als diese die Verlegung von Stolpersteinen erneut auf die Tagesordnung des Stadtrates gebracht hatten. War das Thema vor knapp zehn Jahren abgelehnt worden, im vergangenen Jahr konnten die Jugendlichen überzeugen. Auch die Rathauschefin war anfangs "kritisch" zur Stolpersteinverlegung eingestellt gewesen. Doch "muss honoriert werden, wenn sich junge Menschen mit einem Thema so tief beschäftigen. Ich habe zugestimmt, um der Arbeit Respekt zu zollen."

    "Wir hatten anfangs nicht in den Dimensionen gedacht", erinnert sich Lea Raab. "Inzwischen sind wir ein Teil des Projekts geworden und haben ein Gefühl für die Zeit vor dem Holocaust bekommen." Als Erfolg des belegten Seminars, aber auch als sehr persönlichen Erfolg, sehen die Schüler die im Stadtrat beschlossene Verlegung von acht Stolpersteinen an. Im Laufe des Seminars haben sie nicht nur Wissen angeeignet, Erfahrungen gewonnen und Fertigkeiten erlernt, das Thema wirkte auf jeden auch in ganz besonderer Weise. Die Sensibilität für das Thema ist gewachsen, die baldigen Abiturienten sehen sich "in der Verantwortung für die Erinnerung", sagt Jonathan Jehn. Sarah Hofmeister schaut in Städten ganz aktiv nach Stolpersteinen. Sie versteht die Symbolik: "Das Herunterschauen auf die Stolpersteine ist wie eine Verbeugung vor den Menschen, denen sie gewidmet sind."


    Stolpersteine verlegt

    Gymnasiallehrer Dirk Hönerlage leitete das P-Seminar und hat beobachtet, dass "die junge Generation das Thema für sich entdeckt hat". Er lobt die Broschüre als Ergebnis der langen Arbeit und betont: "Die Broschüre hat Mehrwert. Es bleibt was über das Seminar hinaus." Die Erinnerung an jüdisches Leben in der Kurstadt wird nun durch die Stolpersteinverlegung auf einer "niederschwelligen Ebene" weitergeführt. Um die Finanzierung der Stolpersteinverlegung hat sich das P-Seminar ebenfalls gekümmert. Patenschaften entstanden für jeden der acht Steine, auch die Schüler des Seminars haben die Patenschaft für einen Stolperstein übernommen. Das Schicksal von Reni Zeller, 1942 im Alter von zwölf Jahren ermordet, rührt sie an, sie identifizieren sich mit ihr. Das größte dezentrale Mahnmal sowie das Netz an Erinnerungen und Identifizierungsplätzen wachsen mit jedem Stolperstein.

    Das P-Seminar hat bereits für weitere Stolpersteine Patenschaften finden können. Der Schulverein verwaltet die Gelder treuhänderisch. Bei anderer Gelegenheit werden weitere Stolpersteine verlegt werden: "Die Erinnerung soll immer wieder aufgerüttelt werden", gibt Dirk Hönerlage zu bedenken. "Dass es ein offenes Mahnmal ist, ist kein Manko, sondern Konzept."


    Information über die Seminare und Verlegung des Stolpersteine

    P-Seminar: In der Oberstufe an Bayerns Gymnasien werden zusätzlich zum Unterricht Projekt-Seminare (P-Seminare) angeboten. Ziel ist das eigenständige Arbeiten, die Entwicklung von Selbst- und Sozialkompetenzen sowie das Aneignen von Methoden und Handlungskompetenzen. Ganz konkrete Einblicke sollen die Schüler anhand des gewählten Projekts erwerben, um die abstrakten Vorstellungen bezüglich Studien- und Berufsorientierung besser einordnen zu können. In drei Halbjahren arbeiten die Schüler eigenständig, der Lehrer fungiert als Begleiter. Prüfungen werden nur selten abgehalten, Rückmeldegespräche stellen für die weitere schulische Entwicklung Hilfen dar.

    W-Seminar: Zusätzlich zum P-Seminar muss jeder Schüler ein wissenschaftspropädeutisches Seminar (W-Seminar) belegen. Hier sollen fachübergreifende Kompetenzen erworben werden, wie Reflexions-, Urteils- und Medienkompetenzen sowie eine fragende und kritische Grundeinstellung. (Quelle: Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung, ISB).

    Verlegung der Stolpersteine: Am 23. Februar wird Gunter Demnig an vier Stellen in Bad Brückenau insgesamt acht Stolpersteine verlegen. Die Aktion beginnt um 12 Uhr an der Ecke Unterhainstraße/ Alter Schlachthofweg. Stolpersteine werden an folgenden Orten verlegt: zwei Steine für Siegmund und Mathilde Stern im Alten Schlachthofweg 22, drei Steine für Familie Max, Dorothea und Reni Zeller in der Ludwigstraße 24, zwei Steine für die Geschwister Klara und Lothar Tannenwald in der Ludwigstraße 31 und einen Stolperstein für Berta Spier in der Ludwigstraße 20. Begleitend hat das P-Seminar ein Faltblatt mit Biografien der jüdischen Bürger erstellt, für die die Stolpersteine verlegt werden. Die Broschüre "Jüdisches Leben in Brückenau" ist ab sofort kostenlos in der Stadtbücherei und im Kulturbüro zu erhalten.

    Stephanie Elm

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