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    Bad Kissingen

    Die sterbende Pharaonin zeigt deutliche Grenzen auf

    Das war also das vorletzte Konzert dieses Kissinger Sommers, in dem, wohl der Romantik und ihrem Lebensgefühl geschuldet, gestorben wurde.

    Vesselina Kasarova singt die Kleopatra. Foto: Gerhild Ahenrt

    Kleopatras Tod" war das zweite Konzert der Bamberger Symphoniker, dieses Mal mit ihrem Chefdirigenten Jakub Hruša, überschrieben. Denn im Mittelpunkt des ersten Teils stand die Scène lyrique "La mort de Cléopâtre" von Hector Berlioz.

    Es fällt zugegebenermaßen schwer, darüber zu berichten. Denn der Eindruck war ein höchst zwiespältiger. Es ist ja verständlich, dass die auf allen Ebenen gescheiterte ägyptische Königin, die sich von einer Giftschlange in den Selbstmord beißen lässt, allmählich den Verstand verliert, dass ihr die Emotionen durchgehen, dass sie wirres Zeug redet. Und Berlioz hat diese Zerrissene ja auch in den Schluss hineinkomponiert, an dem Kleopatra nur noch in Wortfetzen und Silben redet, um dann ganz zu verstummen. Das wäre eine plausible Entwicklung gewesen.

    Die Mezzosopranistin Vesselina Kasarova, in diesem Jahr "artist in residence" beim Kissinger Sommer, kann wirklich viel. Aber mit Berlioz' Kleopatra hat sie sich keinen Gefallen getan, denn die zeigte ihr, sozusagen noch auf dem Totenbett, Grenzen auf. Man hat sich ja eigentlich schon daran gewöhnt, dass Vesselina Kasarova immer ein bisschen Startschwierigkeiten hat, und man verzeiht ihr das, weil man auf das Folgende gespannt sein kann. Aber hier war der Start wirklich misslungen. Hier hatte sie wirklich Probleme, ihren Stimmsitz zu finden.
    Zum anderen hat sie die Neigung, die zu singenden Töne zu vereinzeln, in die passende Höhe zu ziehen und in die einschlägigen Registerfächer zu sortieren. Das irritiert einigermaßen bei einem französischen Gesang, der vor allem das Legato liebt.

    Was allerdings schon ärgerlich war, war die absolute Textunverständlichkeit. Man hatte den Text zum Mitlesen sogar vor sich, fand aber nur selten ein paar Lautkombinationen, die ein Verorten des Gesangs im Textverlauf ermöglichten. Schade, denn das Orchester entfachte einen Klangzauber, vom dem sich die Solisten sehr schön hätte tragen lassen können. Aber durch ihre Gesangsart stand sie immer vor, aus anderer Perspektive neben dem Orchester.

    Eingebettet war die Scène lyrique durchaus passend und geistreich in ebenfalls "individualpolitische" Musik: Zunächst spielten die Bamberger, ebenfalls von Berlioz, die Ouvertüre zu der Oper "Les Frang-juges", einer Antwort auf Beethovens "Fidelio", die allerdings in ihrer Gänze zwar fertig wurde, aber nie zur Aufführung gelangte. So plastisch, wie die Bamberger sie spielten, musste es eine ziemlich beklemmende Angelegenheit gewesen sein.

    Und anschließend Richard Wagners Vorspiel zu "Rienzi", der wie Kleopatra seinem Untergang entgegen geht. Und da konnte man plötzlich lachen. Denn die Marschpassagen, die Wagner schon recht schmissig, ganz im Sinne Verdis, konzipiert hatte, spielten die Bamberger mit solchem frischen Schmiss, dass man plötzlich die alten flackernden Filme mit Kaiser Wilhelm II. vor Augen hatte, der zeitraffermäßig irgendwelche Ehrenformationen abschritt. So schnell kann auch Musik die Geschichte in das Bewusstsein der Gegenwart holen.

    Der zweite Teil des Konzerts gehörte Johannes Brahms und seiner 4. Sinfonie. Und einer Interpretation, in der Jakub Hruša nicht so sehr die Raffinesse der Konstruktion, sondern die Kraft der Musik in den Vordergrund rückte. Er demokratisierte sozusagen die Einzelstimmen und bot seinen Musikern beste Gelegenheit der (Selbst-)Darstellung. Und trotzdem blieb die Musik wegen der Pointiertheit der Ausführung immer sehr gut durchhörbar. Ein kraftvoller Schluss nach einem schwierigen Beginn. Thomas Ahnert

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