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    Bad Kissingen

    Fehlt nur noch die Musik

    Der Titel konnte Verwunderung auslösen: "Mitternachtsspektakel", und das am hellichten Nachmittag im Rossini-Saal.

    Dmitry Masleev. Foto: Gerhild Ahnert

    Also zu einer Zeit, in der keine Skelette aus den Gräbern steigen und die Vampire in ihren Särgen ruhig schnarchend vom Blut nur träumen. Aber der Blick aufs Programm bot die eine Erklärung: gleich zweimal Totentanz, von Franz Liaszt und Camille Saint-Saëns. Die andere : Es wurde tatsächlich gespenstisch.
    Denn es spielte Dmitry Masleev. Der Mann aus Sibirien erreicht Anschlagszahlen pro Sekunde, die auch die schnellsten Stenotypistinnen in aller Welt vor Neid erblassen lassen. Und das Erstaunliche dabei: Das Tempo geht nicht einmal zu Lasten der Genauigkeit. Seine Treffsicherheit hält absolut Schritt.
    Aber nicht die Gestaltung. Schon der erste Satz der 2. Sonate von Robert Schumann mit dem verlockenden Titel "So rasch wie möglich" war so schnell, dass man sich fragte, wie Masleev das abschließende Presto-Rondo abgrenzen wollte. Natürlich schaffte er es, aber die Frage ließ offen, was an dieser Sonate eigentlich romantisch sein sollte.

    Der Auswahl aus Tschaikowskys 18 Stücken für Klavier op. 72 bekamen die Tempi weitestgehend ganz gut, weil so Ironisierungen entstanden, die nicht unbedingt beabsichtigt waren. Aber unter einem "Tempo de Valse" stellt man sich eigentlich etwas Elegantes vor.

    Natürlich war es eindrucksvoll, wie Masleev mit großer Pranke in den beiden Totentänzen die mächtigen Akkordblöcke aufeinandertürmte und die Skelette tanzen ließ. Aber den großen Eindruck hinterließen nicht etwa fahle Klangfarben, sondern der permanente Schalldruck, dem man als Zuhörer dabei ausgeliefert war.
    Bei Rachmaninow hat eigentlich schon vor einiger Zeit eine Gegenbewegung zum Verdonnern eingesetzt. Gut, seine Etudes-tableaux halten das aus. Aber bei der "Polka de W. R." hätte man sich schon eine etwas persönlichere Gestaltung gewünscht. Schließlich war das eine durchaus liebevoll gemeinte Paraphrase eines Satzes, den Rachmaninows Vater seinem Sohn gerne vorgespielt hat.

    Bei den vier Zugaben bewegt sich Dmitry Masleev auf den Spuren von Grigory Sokolov: Sätze von Scarlatti, Tschaikowsky, Haydn und Prokofieff. Bei dem Rondo aus Haydns C-dur-Sonate hätte man ihm gerne zum halben Tempo geraten: Auch ein Rondo muss mal atmen. Aber in Prokofieffs Scherzo aus der 2. Sonate zeigte er Ansätze zur Gestaltung.

    Dmitry Masleev ist technisch kaum zu toppen. Er muss hinter den Tempi allerdings noch die Musik entdecken. Er sollte sich damit beeilen. Er ist schon 29.

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