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    Bad Kissingen

    Klänge aus der Dunkelkammer

    Grigory Sokolov hat das Parkett des Großen Saales gesprengt. Und er hat eine neue Methode der Rationalisierung gefunden: Mozart und Beethoven am Stück.

    Wie schnell man sich doch irren kann. Da haben wir beim Konzert der "Neuen Triofreunde" noch einen Etappensieg gefeiert: das erste Mal Kammermusik im Großen Saal mit geöffnetem Balkon. Und dann legt Grigory Sokolov, von dem man es eigentlich noch nicht erwartet hatte, nach: und zwar nicht nur Balkon, sondern auch Grüner Saal. Der Zeitpunkt rückt wohl näher, an dem es für ihn an der Abendkasse keine Karten mehr gibt.
    Natürlich gab's wieder den wohlbekannten "Budenzauber": der Große Saal abgedunkelt bis zur Unkenntlichkeit, das Recital mal wieder ins Mystische gezogen. Was schon aus einem ganz praktischen Grund ärgerlich war: Sokolov hat sich wohl angewöhnt, in Blöcken zu spielen, Werke einfach aneinanderzuhängen: im konkreten Fall vor der Pause eine Stunde Mozart, nach der Pause eine Stunde Beethoven am Stück. Ob man der Individualität der Werke gerecht wird, wenn man sie in eine Reihe zwingt, ist die eine Frage. Die andere: Was macht ein Mensch, der sich bei elf Einzelteilen Mozart im Programm mal orientieren will, wo Sokolov gerade ist? Entziffern kann er gar nichts.
    Natürlich ist es legitim, Mozarts c-moll-Fantasie KV 475 und seine c-moll-Sonate KV 457 zu koppeln, auch wenn sie nicht zur selben Zeit entstanden sind. Aber Mozarts gemeinsame Veröffentlichung und durchaus vorhandene harmonische und thematische Bezüge legen das nahe - Sokolov hat das vor ein paar Jahren im Großen Saal schon einmal so gemacht. Aber so zu tun, als sei die vier Jahre später entstandene C-dur-Sonate eine Art Overtüre zu diesem Zwilling, lässt sich weder sachlichnoch dramaturgisch begründen.
    Naja, gut gespielt war's trotzdem. Sokolov erlag natürlich nicht der Gefahr, der C-dur-Sonate, der sogenannten "Sonata facile", wegen des Beinamens, wegen der Tonart oder ihrer Akkordarmut Banalität zu unterstellen, aber er versuchte auch gar nicht erst, Bedeutung zu unterstellen, wo keine ist. Er nahm sie genauso ernst wie alle anderen Sonaten auch und gestaltete sie nicht mit einer hochdramatischen Dynamik, sondern mit einer ausgefeilten Artikulation im mittleren Bereich. Das ist ein Luxus der Erfahrung, den sich das Alter leisten kann.
    Die Fantasie und Sonate c-moll wiesen schon ein wenig, allerdings in höchst angenehmer Art, auf die Beethoven-Abteilung voraus. Denn Sokolov fand hier eine ganze Menge überraschender neuer Sichtweisen und Strukturierungen, die den langen "Schlauch" dann eben doch sehr kurzweilig werden ließen, die auf Kontraste und viele Neuansätze zielte - lauter schöne Perlen, aber halt auch etwas aufgefädelt.
    Aus seinem Beethoven-Block nach der Pause konnte man nicht ganz schlau werden: zum einen nicht aus der Zusammenkopplung der beiden Sonaten e-moll op. 90 und c-moll op. 111, die außer ihrer Zweisätzigkeit nichts miteinander zu tun haben. Bei Beethoven lagen zwischen den beiden Sonaten sieben Jahre, bei Sokolov nicht einmal sieben Sekunden.
    Bei der e-moll-Sonate steuerte Sokolov einen starken Konfrontationskurs, zielte ganz auf die Ecken und Kanten, glättete keine Brüche, zerlegte die Musik in ihre Einzelteile - und ließ sie liegen. Natürlich war für Beethoven die Sonate eine Art gerichtlich auferlegte Pflichterfüllung. Aber für Sokolov?
    Über die Hundertelfer, Beethovens letzte Sonate - natürlich wollte er noch mehr komponieren - konnte man sich eigentlich nur noch wundern. Denn Sokolov setzte seinen Konfrontationskurs fort. In dem Allegro con brio setzte er sich so unter Druck, dass sogar er auch mal aus der Spur geriet. Und die Arietta war anderseits so langsam, dass sie in ihre Einzeltöne zerfiel, dass jede Spannung wich, dass er ihr ihr Geheimnis nahm.
    Grigory Sokolov hat in seinem Spiel noch nie etwas über sich selbst herausgelassen. Man hatte auch hier wieder das zwingende Gefühl, dass er sich seine herausragende technische Überlegenheit angeeignet hat, um die Musik auf Distanz halten zu können, dass er immer die unpersönliche Objektivierung auf Höchstniveau sucht.
    Na gut, er hat mittlerweile einen Kultstatus, in dem er nichts mehr falsch machen kann. Deshalb auch für die Statistiker noch schnell die üblichen sechs Zugaben - dieses Mal: Franz Schubert: Moment musical op. 94/1; Frédéric Chopin : Nocturne op. 32/1; ders.: Nocturne op. 32/2; Robert Schumann: Arabesque op. 18; Jean Philippe Rameau: L'indiscrète aus den Pièces de clavecin en concerts; Frédéric Chopin: Prélude c-moll op. 28/20. Die hat er dankenswerterweise nicht aneinandergehängt, sondern zwischendurch immer das Podium verlassen. Thomas Ahnert

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