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    AIDHAUSEN

    Foto-Ausstellung: Rückblick in eine vergangene Welt

    Der Blick auf die halb vergilbten Fotos täuscht: Das Landleben war früher kein träumerisches Idyll. Der Alltag war harte Arbeit und verlief nach festen Regeln.

    Schmucke Fachwerkhäuser, gepflegtes Brauchtum und ausgeprägter Gemeinschaftssinn – diese Vorstellungen verbinden viele Menschen mit dem Leben auf dem Dorf. Doch wie viel ist noch übrig vom verbindenden „Wir“? Die Idylle „Heimatdorf“ hat Risse und bröckelt.

    Wie sehr sich das Landleben gewandelt hat, zeigt die Ausstellung „Leben auf dem Dorf“, die gerade in der Mehrgenerationenwerkstatt in Aidhausen zu sehen ist. Reich bebildert, blickt die Gemeinschaftsarbeit des Amtes für ländliche Entwicklung und des Bezirks Unterfranken zurück auf Kindheit und Jugend, auf Familie, religiöses Leben und Arbeitswelt und viele weitere Facetten des früheren Landlebens. Christine Fuhl vom ortsgeschichtlichen Arbeitskreis in Aidhausen hat die Ausstellung mit Fotos aus Aidhausen ergänzt. „Ich hätte die ganze Ausstellung mit eigenen Bildern bestücken können“, sagt die engagierte Heimatforscherin.

    „Gute alte Zeit“ war beschwerlich

    „Das Dorf indessen hat sich gewaltig geändert, alte Strukturen sind zerbrochen, der Landwirt ist in einem weitaus geringeren Maße der Bewahrer und Gestalter“, sagt der ehemalige Bezirksheimatpfleger von Unterfranken, Reinhard Worschech, in seinem Geleitwort. Eindrücklich zeugen die Bilder von Tätigkeiten, Bräuchen, Lebensgewohnheiten und auch Gegenständen, die längst von der Bildfläche verschwunden und in Vergessenheit geraten sind. „Mir zeigen die Bilder vor allem, wie arbeitsreich und mühsam das Leben früher war“, sagt Fuhl. Die „gute alte Zeit“ war beschwerlich: Mit Waschbrett, Kernseife und Holzstampfer rückten die Frauen am Waschtag der schmutzigen Wäsche zu Leibe. In mühsamer Handarbeit ernteten die Bauern die Früchte ihrer Äcker. Welch eine Kunst, Heu oder Stroh meterhoch auf die Fuhrwerke aufzutürmen und mit Kühen oder Pferden in die Scheune zu schaffen. „Alles war geprägt vom bäuerlichen Leben“, schließt Christine Fuhl aus den Fotos. „Das ist jetzt alles nicht mehr da.“ In Aidhausen gebe es gerade mal noch zwei Landwirte mit Rinderhaltung und fast keine Schweine mehr.

    Erstaunlich, welch Vielzahl an Berufen das Dorf früher nährte. Neben den Landwirten fanden unter anderem Schmiede, Korbflechter, Krämer, Nachtwächter, Metzger, Hirten, Schuster und Gastwirte mit ihrem Handwerk ihr Auskommen.

    Die Kindheit im Dorf war geprägt vom Umgang mit der Natur und den Tieren. Gänse hüten, Kartoffeln aufklauben, Heu wenden – Mithelfen war schon frühzeitig angesagt. Jede Hand wurde bei der vielen Arbeit gebraucht. Die Kinder wuchsen in ihre Aufgaben und in die Dorfgemeinschaft hinein. Wie gut müssen die Dreschwecken allen geschmeckt haben, wenn die Arbeit getan war.

    Unbeschwert erscheint auf den Fotos die damalige Jugendzeit: „Club der Ungeküssten“, Fahrradverein, Hausmusik, Tanz, ja selbst das Bild von der Musterung des Aidhäuser Jahrgangs 1943 strahlt jugendliche Verwegenheit und Sorglosigkeit aus. Doch sicherlich hatte auch dieser Lebensabschnitt seine Schattenseiten.

    Leichenzug durchs Dorf

    Von der Hochzeit über das Familienleben – meist mit einer wie die Orgelpfeifen aufgereihten Kinderschar – bis hin zum Tod begleitet die Ausstellung das frühere Leben im Dorf. Anfang und Ende des Lebens fanden mitten in der Gemeinschaft statt. Bis der Verstorbene mit einem großen Leichenzug durchs Dorf zum Friedhof gebracht wurde, blieb er im Sterbehaus aufgebahrt.

    Sei es bei der Hausschlachtung, beim Bierbrauen oder beim Hausbau – gegenseitige Hilfe war nötig und selbstverständlich. Doch es wurde nicht nur gemeinsam getrauert und gearbeitet. Auf zahlreichen Festen und Feiern wurde getanzt, gegessen und getrunken. Das hielt nicht nur Leib und Seele zusammen, sondern auch die Gemeinschaft. In Chören, Blaskapellen, Heimat- und Turnvereinen wurden Geselligkeit, Kultur und Tradition gepflegt.

    Die dörfliche Gemeinschaft ist es, die dem Betrachter der Ausstellung vor allem ins Auge sticht. Das Gemeinwesen, die Identifikation mit dem Heimatort, war eine Kraft, die die Orte durchströmte und die Menschen verband. Mit Stolz und Ernst nahm man Ehrenämter wahr. Festgeschriebene Rechte und Genossenschaften regelten das dörfliche Leben. Hand- und Spanndienste verpflichteten jeden, für die Gemeinschaft mit Hand anzulegen, ob beim Holzmachen oder im Straßenbau.

    Natürlich lag auch damals vieles im Argen. Das Leben war hart, die Arbeit eine Plackerei und das festgefügte Regelwerk ließ kaum Freiheiten. Die heile Welt im Dorf gab es nie. Für manche wurde es im Dorf zu eng. Sie verließen ihre Heimat und wanderten aus, um ihr Glück in einer anderen Welt zu suchen. 161 Menschen finden sich in der ausgehängten Namensliste, die vor allem im 19. Jahrhundert Aidhausen den Rücken kehrten.

    Kann eine solche Ausstellung mit alten Bildern mehr bewirken, als Erinnerungen wachrufen? „Ein Rückblick heißt keinesfalls, dass man zu den alten Zeiten zurückkehren will“, sagt der Aidhäuser Bürgermeister Dieter Möhring. „Aber die Fotos können uns zeigen, was früher in den Dörfern los war, woher unsere Traditionen kommen und wie viel Gutes erhaltenswert ist“, hofft er auf eine positive Wirkung. Vielleicht würden die Bilder neue Ideen anstoßen und dazu anregen, Altes mit Neuem zu verknüpfen. Mit den Dorferneuerungen bemühe man sich, die Qualität der Ortschaften zu erhalten und Traditionen mit ländlicher Weiterentwicklung zu verbinden. „Das wichtigste dabei ist es, soziale Strukturen im Dorf zu stärken“, ist Möhring überzeugt. Das soziale Miteinander müsse auch nach der Dorferneuerung gefördert werden, „und zwar von der Kindheit an“.

    Ausstellungszeiten

    Die Ausstellung in der Mehrgenerationenwerkstatt kann bis zum 13. Februar zu den Öffnungszeiten des Aidhäuser Dorfladens besucht werden. Am Sonntag, 28. Januar, um 14 Uhr findet ein Vortrag zum Thema „Das Leben im Dorf“ statt. Kaffee und Kuchen laden zu Gesprächen ein. Christine Fuhl vom geschichtlichen Arbeitskreis Aidhausen und der Aidhäuser Bürgermeister, Dieter Möhring, laden hierzu ein. FOTO: Gudrun Klopf

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