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    FRIESENHAUSEN

    Auf der Jagd nach Karten

    Die Laienschauspieler aus Friesenhausen sind Kult. Und die Eintrittskarten begehrt. Deshalb sichern sich ihre treuen Fans schon in der Nacht einen Platz in der langen Warteschlange.

    Es ist finster. Ein eisiger Wind weht. Um das Sportheim am Ortsrand von Friesenhausen treiben sich eingemummte Gestalten herum. Einbrecher? Auch in den Autos am Parkplatz regt sich etwas. Komplizen in Fluchtfahrzeugen? Kurz vor 7 Uhr öffnen sich wie auf Kommando die Autotüren und zahlreiche Personen strömen auf das Gebäude zu: Es sind Jäger! Bewaffnet mit Listen und gut gefüllten Geldbörsen sind sie auf der Jagd nach einer begehrten Beute: Sie wollen Theaterkarten für eine Aufführung der „Fahrenden Gaukler“ ergattern.

    Es ist der erste Sonntag im Dezember – der Tag, an dem jedes Jahr der Vorverkauf für die kommende Theatersaison startet. Stefan Conrad kommt und schließt das Friesenhäuser Sportheim auf. Dann verteilt er Wartenummern. Jeder weiß ganz genau, in welcher Reihenfolge die rund 20 Frühaufsteher – zu Fuß oder mit dem Auto – vor dem Sportheim eintrafen. Wer aus Friesenhausen oder den umliegenden Ortschaften kommt, macht mit der Nummer in der Hand auf dem Absatz kehrt. Denn zu Hause ist das Bett noch warm und eine Mütze Schlaf kann man sich noch gönnen.

    So macht es auch Christine Rössler aus Reckertshausen. „Die Karten gibt es ja erst in zweieinhalb Stunden.“ Sieben Karten will sie kaufen, möglichst weit vorne. Denn ihre Mutter und deren Nachbarn aus Reckendorf seien schließlich schon Senioren, bei denen es mit dem Hören nicht mehr so gut bestellt sei. „Auf die Karten sind sie immer ganz scharf“, sagt Rössler. „Kein Wunder, die Friesenhäuser sind einfach die Besten.“

    Wer von weiter her kommt, fährt nicht mehr heim, sondern macht es sich in der Wirtsstube des Sportheims bequem. Die Helfer – alles Theaterspieler – fahren Kaffee, Tee, Glühwein, hausgemachte Liköre und jede Menge Kuchen auf. Da lässt es sich gut warten. Die meisten der Theaterfans kennen sich. „Es sind jedes Jahr dieselben“, lacht Stefan Conrad. Zwei von ihnen sind Reiner Schneider und Klaus Schleicher aus Sylbach. Der eine will 17, der andere sage und schreibe 24 Karten kaufen. Nein, Strafe sei es keine, so früh raus zu müssen, lachen sie. Die kostenlose Bewirtung und die gute Gesellschaft entschädigen allemal. „Bei den Friesenhäusern sind alle Spieler gut“, schwärmen die beiden, „aber der Georg und die Susanne, das sind die Reißer. Das sind schon halbe Profis.“

    Die jährlich anreisenden Busse voller Theaterfans, unter anderem aus Sand, Schlerieth, Haßfurt und Wülflingen, wurden schon vorab bedient. „Die müssen schließlich ihre Fahrten planen“, erklärt Conrad.

    Bevor der Vorverkauf vor sechs Jahren ins Sportheim wechselte, fand er noch im Haus des Vorsitzenden Reinhold Mahr statt. Bis man im Wohnzimmer der Mahrs zum Zug kam, musste man sich in die lange Schlange vor dem Haus einreihen. „Das war oft saukalt und die Leute haben tüchtig gefroren“, erinnert sich Stefan Conrad. Der guten Laune tat dies keinen Abbruch, denn gegen die Kälte trank man nicht nur mit heißem Kaffee, sondern auch mit gehörig Glühwein an. Otmar Steuter und seine Frau Lydia erinnern sich noch gut an diese Zeit. Sie habe die Gelassenheit der Hausherrin immer bewundert, sagt die Ermershäuser Gemeinderätin: „Alle sind durchs ganze Haus marschiert und oft waren die Schuhe nass und schmutzig.“

    Zum Theater in Friesenhausen kam das Ehepaar Steuter über den Fußball. Otmar Steuter trainierte die Fußballer in dem Aidhäuser Gemeindeteil. Arno Schlund und Georg Schuhmann glänzten nicht nur auf dem Fußballplatz. Sie gehörten auch auf der Bühne zu den Stars und luden ihren Trainer zu einer Vorstellung ein. Die Steuters sind seit über 20 Jahren treue Fans der „Fahrenden Gaukler“. 36 Karten wollen sie dieses Jahr kaufen – für Verwandte, Freunde, als Weihnachtsgeschenke. Bei solch einer Anzahl müsse man terminlich flexibel sein, wissen die Ermershäuser. „Wir richten uns nach dem Termin, für den wir Karten bekommen. Es bleiben nie welche übrig“, sagen sie.

    Unter den Wartenden sitzt auch Georg Schuhmann - einer der Hauptakteure bei den „Fahrenden Gauklern“. Müssen die Schauspieler auch Schlange stehen? „Nein“, lacht er, die Karten für den Eigenbedarf konnten Vereinsmitglieder bereits am Vorabend erwerben. Allerdings nur in stark begrenzter Zahl. Jetzt braucht Schuhmann weitere 30 Karten für Geschäftskunden, die er über seinen Arbeitsplatz kennt. „Denen habe ich erzählt, warum ich so wenig Zeit für meine Arbeit habe“, scherzt er.

    Nun kommen sie Jahr für Jahr aus Rostock, Lübeck, Zwickau und Aschaffenburg angereist, um ihn auf der Bühne zu sehen. „Sie mieten sich für ein Wochenende mit ihren Familien im Landhotel ein, besuchen Königsberg oder gehen wandern und freuen sich auf einen schönen Theaterabend.“ Verständigungsprobleme? Ach woher: „Die haben ja schon mit mir zu tun gehabt...“

    Inzwischen ist die Gaststube im Sportheim bis auf den letzten Platz gefüllt. Der Lärmpegel und die Spannung steigen. Kurz vor halb zehn ist es endlich soweit. Bühne frei für den Herrn der Karten: Reinhold Mahr, Vorsitzender des Sportvereins, breitet Stapel für Stapel der bedruckten Eintrittskarten auf einem Tisch aus, tatkräftig unterstützt von seiner Frau Petra. Punkt 9.30 Uhr wird die Nummer Eins aufgerufen. Ob von den 160 Plätzen noch genügend am Wunschtermin frei sind? Manch einer, der keine Ausweichtermine für eine der zahlreichen Vorstellungen zwischen dem 2. Januar und dem 18. Februar parat hat, startet vor der Tür einen Anrufmarathon. Gegen Eins ist die Vorstellung beendet. Etwa zwei Drittel aller Karten sind verkauft. „Ab 14 Uhr startet bei den Mahrs dann der Telefonterror“, weiß Stefan Conrad. Dann kann man versuchen, die letzten Karten telefonisch zu ergattern.

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