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    HASSFURT

    Fixierungen im Altenheim: Der Weg in die Freiheit

    Zwischen Sicherheit und Alptraum: Fixierungen im Altenheim sind umstritten. Stürze sollen vermieden werden, der Preis heißt Freiheitsentzug. Doch es gibt eine Lösung.

    Es begann als lokales Projekt im Jahr 2007: Zur Reduzierung freiheitsentziehender Maßnahmen in der Pflege entwickelte ein Amtsrichter gemeinsam mit dem Leiter der örtlichen Betreuungsbehörde im Landkreis Garmisch-Partenkirchen ein Konzept, das heute deutschlandweit als Markenzeichen gilt. Erfahrene Pfleger bekommen eine spezielle Ausbildung zum Verfahrenspfleger und sind bei der Entscheidung für oder gegen eine Fixierung das Dreh- und Angelkreuz zwischen allen Beteiligten. Auch in Unterfranken wird der Werdenfelser Weg geschätzt. Dort sind die Zahlen der Fixierungen massiv zurückgegangen. Warum, erzählt Tina Lenhart. Sie hat den Pflegestützpunkt des Landkreises Haßberge geleitet, als das Konzept 2012 dort eingeführt wurde.

    Alternativen zur Fixierung

    Frage: Wie würden Sie Ihre persönliche Erfahrung mit dem Werdenfelser Weg beschreiben? Ist er in der Praxis gut umsetzbar?

    Tina Lenhart: Der Werdenfelser Weg ist ein praktikables Konzept, das bereits seit mehreren Jahren erfolgreich in Bayern läuft. Im Mai 2012 hatten wir unsere Auftaktveranstaltung im Landkreis Haßberge – wir waren damals der erste Landkreis in Unterfranken, der das Konzept umgesetzt hat. In der Praxis hat sich der Ansatz bewährt, da Verfahrenspfleger, die Erfahrungen in der Pflege haben, über Alternativen beraten und deren Umsetzung begleiten.

    War es schwer, alle von dem Weg zu überzeugen? Immerhin ist es ein mühsamer Weg.

    Lenhart: Grundsätzlich war das Bewusstsein für den neuen Verfahrensweg bereits vorhanden, da der Werdenfelser Weg vielen in der Pflege ein Begriff war. Die Frage der Sinnhaftigkeit des Werdenfelser Weges stellt sich den Pflegeeinrichtungen und auch den Leitungskräften in der Pflege in den meisten Fällen nicht. Allerdings hat sich gezeigt, dass in der Umsetzung die Verfahrenspfleger immer wieder notwendig waren, um einen neuen Impuls zu setzen, welche Alternativen zu Fixierungen angebracht wären.

    Schutz oder Freiheitsentzug?

    Wie haben die Pflegekräfte die Umstellung wahrgenommen?

    Viele Pflegekräfte haben immer noch im Hinterkopf, dass das Bettgitter ja in erster Linie ihre Bewohner schützt und wird bei vielen gar nicht als Freiheitsentziehung und im schlimmsten Fall als gefährliches Instrument gesehen. Allerdings war die Sichtweise bei denjenigen, die nachgestellte Bilder von Unfällen und Todesfällen durch Fixierungen gesehen haben, eindeutig gegen Fixierungen.

    Die Angst, es könnte ohne Fixierung zu Stürzen kommen und man ist dann als Pfleger/in verantwortlich für die Folgen, war in der Vergangenheit sehr ausgeprägt. Was passiert denn bei Ihnen in so einem Fall?

    Lenhart: Die Urteilslage ist hier mittlerweile sehr klar. Erst wenn grob fahrlässig gehandelt wird, können rechtliche Folgen für die Beteiligten entstehen. Vielmehr ist es so, dass bei einer Fixierung sichergestellt werden muss, dass dem Patienten oder Bewohner während der Fixierung nichts geschieht. Er zum Beispiel nicht durch das Bettgitter durchrutschen kann oder in eine Oberkörpertieflage gerät, was beides zum Tod führen kann. Eine Fixierung stellt insofern keine Sicherheitsmaßnahme dar, sondern potenziell eine Gefahrenquelle, die es zu überwachen gilt.

    Wie wichtig ist die Vernetzung zu anderen Einrichtungen, der Erfahrungsaustausch?

    Lenhart: Die Vernetzung mit anderen ist sehr wichtig. Im Landkreis Haßberge haben wir in diesem Zuge zum Beispiel kurz nach der Einführung einen Flyer für Angehörige erstellt, da viele Pflegekräfte uns gesagt haben, dass Angehörige oft gegen die Entfernung der Bettgitter sind. Auch bei den Angehörigen ist das Sicherheitsempfinden sehr hoch. Im Austausch in den Einrichtungen kann es deshalb auch zu sehr emotional geladenen Diskussionen kommen, die manche Pflegekraft in einen Gewissenskonflikt bringt. Aktuell sind wir dabei, einen neuen Angehörigenflyer zu entwerfen, auf dem nachgestellte Bilder möglicher Unfälle von Fixierungen zu sehen sind. Diese haben Altenpflegeschüler nachgestellt.

    Gibt es Zahlen, die belegen, dass die Zahl der Fixierungen im Landkreis zurückgegangen sind?

    Lenhart: Da wir nicht mehr direkt am Projekt beteiligt sind, können wir auch keine Zahlen vorlegen. Allerdings wissen wir, dass im Einführungsjahr 2012 Freiheitsentziehende Maßnahmen um etwa 55 Prozent zurück gegangen sind. Da richterliche Genehmigungen in der Regel auf zwei Jahre gewährt werden, sind in dieser Zahl auch diejenigen enthalten, die eben einen älteren Beschluss hatten.

    Wird man durch den Werdenfelser Weg achtsamer gegenüber den pflegebedürftigen Menschen?

    Lenhart: Definitiv, insgesamt wird der Umgang mit pflegebedürftigen Menschen durch das Konzept mehr reflektiert. Hochziehen der Bettgitter, das vorher als normal hingenommen wurde wird aus dem Blickwinkel der Betroffenen betrachtet. Es werden Alternativen gesucht, das macht Arbeit aber führt zu einer anderen Sichtweise auf die Personen.

    Psychischen Folgen

    Setzt man sich intensiver mit den psychischen Folgen einer Fixierung auseinander?

    Lenhart: Ich denke schon. Für den einen oder anderen Pflegebedürftigen mag eine körperferne Fixierung wie ein Bettgitter einen Sicherheitsaspekt darstellen, den sie selbst wünschen. Man kann sich daran festhalten und Grenzen erfahren. Bei denjenigen allerdings, die sich nicht mehr mit Worten oder Gesten äußern können und unruhig auf ein bestehendes Bettgitter reagieren, müssen Pflegekräfte und Angehörige überlegen, welche besseren Möglichkeiten es gibt. Insbesondere bei Demenzerkrankten und vor allem denjenigen, die sich verbal nicht mehr adäquat äußern können, wird hier intensiver auf die Psyche eingegangen.

    Haben Sie eine Beispielgeschichte, anhand derer sich das Ziel des Werdenfelser Weges gut beschreiben lässt?

    Lenhart: Ein 95jähriger Mann kam nach einem Sturz vom Krankenhaus in die Pflegeeinrichtung. Seine Geh- und Stehfähigkeit war deutlich eingeschränkt, jedoch überschätzte er diese immer wieder und versuchte alleine aufzustehen. Aus Sicherheitsgründen hatte er im Bett ein Bettgitter. Sowohl die Töchter als auch die Pflegekräfte waren der Meinung, dass bei dem Herrn eine Demenz vorläge. Beim Gespräch mit ihm wurde danach gefragt, ob er sein Bettgitter behalten möchte.

    Denn wenn der Betroffene einwilligungsfähig ist und selbst ein Bettgitter wünscht, ist die Fixierung nicht als Freiheitsentziehende Maßnahme zu werten. Die Mann antwortete: „Meine Dame, ich empfinde das als Freiheitsberaubung!“. Ich wies ihn darauf hin, dass er ja bereits gestürzt sei und sich erheblich verletzt habe. Er bestand jedoch auf seine Selbstbestimmtheit und meinte „wenn ich falle, dann stehe ich eben wieder auf.“ Mit diesem Satz wird deutlich, dass auch jeder Mensch das Recht hat zu stürzen.

    Matratze auf den Boden legen

    Wie wurde in dem Fall entschieden?

    Lenhart: In den folgenden Tagen wurde er immer klarer. Die Verwirrtheit, die anfangs als Demenz gewertet wurde, war insofern zum großen Teil auf die Medikamente in der Klinik zurück zu führen. In Absprache mit den Pflegekräften und den Töchtern wurde ein Niederflurbett eingesetzt mit einer Matratze auf dem Boden. Weitere Verletzungen durch Stürze konnten nicht gänzlich umgangen werden. Allerdings wäre bei ihm die Gefahr, dass er versucht, das Bettgitter zu überwinden und sich dabei verletzt erheblich größer gewesen.

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    Der Werdenfelser Weg

    Das Werdenfelser Land, eine Region in Oberbayern, war vor zehn Jahren namensgebend für ein Konzept zur Vermeidung unterbringungsähnlicher Maßnahmen. Der Werdenfelser Weg hat entscheidend dazu beigetragen, dass sich der Blick auf Fixierungen und auf andere freiheitsentziehende Maßnahmen (FeM) wie Bettgitter oder Vorsatztische verändert hat. Aber nicht nur die Diskussion ist eine andere geworden, auch die Anzahl der gerichtlichen Genehmigungen gemäß § 1906 Abs. 4 BGB hat sich stark verringert.

    Nahm die Zahl der Fixierungen von 1992 bis 2010 fast ausnahmslos zu, ist seitdem ein kontinuierlicher Rückgang zu verzeichnen. Wurden 2010 bundesweit noch rund 98 000 Genehmigungen erteilt, so waren es 2014 noch etwa 60 000 Genehmigungen. Der Werdenfelser Weg setzt auf spezialisierte Verfahrenspfleger im Rahmen des gerichtlichen Genehmigungsverfahrens, die über pflegerische Kompetenzen verfügen.

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