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    Hassfurt

    Kfz-Kennzeichen: Das Geschäft teilen sich jetzt drei

    Nach dem Umzug der Zulassungsstelle in Haßfurt hat der eingesessene Betrieb zwei Konkurrenten bekommen. Er fürchtet um seine Existenz und versteht den Landkreis nicht.

    Vor wenigen Tagen hat die Verkehrsbehörde des Landkreises Haßberge samt Kfz-Zulassungsstelle an ihrem neuen Standort „Am Ziegelbrunn 36“ in Haßfurt den Betrieb aufgenommen. Mit dem Umzug hat sich die Zahl der Anbieter von Kfz-Kennzeichen im unmittelbaren Umfeld der Zulassungsstelle verdreifacht. Gab es vorher einen Anbieter in Haßfurt – unmittelbar neben der bisherigen Zulassungsstelle im Gebäude des Landratsamtes „Am Herrenhof 1“ –, sind es jetzt drei. Neben dem alteingesessenen Anbieter sind zwei Filialen überregional agierender Schilderhersteller hinzugekommen. Das Haßfurter Familienunternehmen bangt nun um seine Existenz.

    Seit 30 Jahren in Haßfurt, seit 25 Jahren in Hofheim

    „Uns gibt es seit 30 Jahren in Haßfurt“, erzählt Klaus Ringer. Seit 25 Jahren hat er auch eine Filiale in Hofheim, nahe der Zweigstelle der Kfz-Zulassungsstelle des Landratsamtes im Gebäude der Verwaltungsgemeinschaft. Wie lange er und seine Frau ihr Geschäft noch führen können, wagt er nicht vorauszusagen. Nicht, weil dem 52-Jährigen sein Job als Schildermacher keine Freude mehr bereiten würde. Was er fürchtet, ist die neue Konkurrenz in unmittelbarer Nähe.

    Schilderbetrieb hat im Vorgarten eröffnet

    Ringer ist der Zulassungsstelle hinterhergezogen. „Am Ziegelbrunn“ 30 lautet die Anschrift seines neuen Ladens. Die Zulassungsstelle ist keine 100 Meter entfernt. Doch dazwischen, im Vorgarten des Nachbarns der Zulassungsstelle, steht seit kurzem ein Werkstatt-Container. Darin bietet ein Unternehmen ebenfalls Kfz-Schilder an. Und direkt im Gebäude der Verkehrsbehörde hat sich ein weiterer überregionaler Anbieter mit einer Filiale eingemietet, quasi Tür an Tür zur Zulassungsstelle.

    Klaus Ringer ist enttäuscht

    Gerne wäre Ringer dort untergekommen. Doch er kam bei der Mietvergabe nicht zum Zug. Als örtlichen Unternehmer wurmt ihn das. „Wir hatten gehofft, 30 Jahre gute Arbeit zu leisten, das zählt etwas“, sagt er enttäuscht.

    Wurde hier ein lokales Unternehmen bewusst übergangen? Davon könne keine Rede sein, stellt Horst Hofmann, Geschäftsleiter des Landratsamtes Haßberge, auf Nachfrage dieser Redaktion klar. Für die Vermietung des Raumes im Gebäude der Verkehrsbehörde an einen Schilder-Präger war aus Sicht der Kreisbehörde kein Vergabeverfahren notwendig. Die Vermietung sei überörtlich im Bayerischen Staatsanzeiger sowie in örtlichen Zeitungen inseriert worden. Daraufhin hätten sich mehrere Interessenten gemeldet.

    Keine Verpflichtung, den Höchstbietenden zu nehmen

    Bei der Entscheidung für einen Mieter, hätten mehrere Kriterien gezählt, erläutert Hofmann, beispielsweise die Bereitschaft, qualifiziertes Personal einzusetzen, möglichst günstige Preise für die angebotenen Kfz-Schilder, Offenheit und Transparenz im Umgang mit der Kreisbehörde. Die Regionalität eines Bewerbers sei dagegen kein Kriterium gewesen. Entschieden hat der Kreisausschuss, und dieser sei nicht verpflichtet gewesen, den Höchstbietenden als Mieter zu nehmen. Dabei habe es deutliche Unterschiede bei den Angeboten gegeben, berichtet Hofmann.

    Höhe der Miete bleibt geheim

    Wie hoch der Mindestmietsatz lag, den das Landratsamt angesetzt hatte, möchte er nicht öffentlich machen. Dies sei ein schützenswerter Vertragsinhalt. Prinzipiell möchte die Kreisbehörde immer die örtliche Wirtschaft stärken, doch müsse sie auch wirtschaftlich handeln, umschreibt Hofmann den Spagat, den der Kreisausschuss leisten musste.

    Überdurchschnittlich hohe Mieten

    Wer sich bei verschiedenen Kreisbehörden und bei Branchenkennern umhört, erfährt schnell: Die Vermietung von Räumen in den Gebäuden der Zulassungsstellen sorgt für außergewöhnlich hohe Mieteinnahmen. Diese liegen weit über den Quadratmeterpreisen, die vor Ort für gewöhnliche Gewerbeflächen gezahlt werden. Wie viel Miete sie verlangt, das möchte keine Behörde öffentlich sagen, doch im Landratsamt in Coburg macht Pressesprecher Dieter Pillmann kein Geheimnis daraus, dass die Schilderwerkstatt im Haus eine „super Miete“ zahlt, die dafür sorge, dass die Zulassungsstelle dort „in die Gewinnzone rutscht“.

    Wer Platz hat, der vermietet

    Im Landratsamt in Schweinfurt führt Pressesprecherin Uta Baumann neben den kurzen Laufwegen, die man Kunden dank der Schilderwerkstatt Tür an Tür zur Zulassungsstelle bieten kann, ebenfalls die erzielbaren Mieteinnahmen als Argument an, warum man dort im eigenen Haus einen Raum an ein Unternehmen vermietet. Im Landratsamt in Bamberg würde man wohl auch gerne vermieten, doch fehle hier der notwendige Platz, berichtet Pressesprecherin Stefanie Schuhmann auf Nachfrage – wie es bis vor Kurzem auch in Haßfurt der Fall gewesen ist.

    Die Kunden sind bequem und sparen sich Laufwege

    Der Grund, warum die Räume direkt neben den Zulassungsstellen, unter demselben Dach, bei Schildermachern so begehrt sind, liegt auf der Hand: Es ist die Bequemlichkeit der Kunden. Wenn die Möglichkeit besteht, die neuen Kfz-Schilder gleich nebenan fertigen zu lassen, dann nutzen viele diese Möglichkeit. Auch wenn die Preise dort normalerweise etwas höher sind, als bei den Anbietern in der Nachbarschaft. So ist das auch in Haßfurt: Beim Anbieter im Gebäude der Verkehrsbehörde kostet der Satz aus zwei Standardkennzeichen 29 Euro. Bei den beiden anderen Anbietern gleich nebenan zahlen die Kunden vier Euro weniger.

    Ringer: Preise sind nicht wirtschaftlich

    Wenn er Schilder zu diesem Preis anbietet, gibt Klaus Ringer zu, sei dies nicht wirtschaftlich. Doch er sieht keine Alternative, als im Preiskampf mit den Konkurrenten mitzumachen. Bereits nach den ersten Tagen am neuen Standort – mit Konkurrenz – merkt er, dass weniger Kunden kommen. Da könne er nicht auch noch der teuerste sein, meint er. Er hofft darauf, bisherige Stammkunden zu halten, denn Kfz-Schilder machten etwa 80 Prozent seines Geschäfts aus. Von weiteren Schildern, die er fertigt, von Hausnummern bis hin zu Büro- und Namensschildern, könnte er nicht leben.

    Es ist von der „Schilder-Mafia“ die Rede

    Das Geschäft mit den Kfz-Schildern ist knallhart. Bei Gesprächen über die Branche fällt hinter vorgehaltener Hand immer wieder das Wort „Schilder-Mafia“, es wird von Verdrängungswettbewerb mit unlauteren Mitteln gesprochen, von Drückermethoden. Wer sich die Zahlen vor Augen führt, mit denen die Zulassungsstellen zu tun haben, versteht, welches Geschäftspotenzial dahinter steckt – und das, obwohl, oder gerade weil Kennzeichen mittlerweile für gut fünf Euro auch im Internet bestellt werden können und Autofahrer ihre Kennzeichen seit einigen Jahren nach einem Umzug in einen anderen Landkreis weiterverwenden dürfen, wenn sie möchten.

    Tausende Vorgänge pro Jahr

    Im Landkreis Haßberge gibt es pro Jahr etwa 30 000 Vorgänge an der Kfz-Zulassungsstelle, berichtet Pressesprecherin Monika Göhr. Darunter seien circa 16 500, die zur Anfertigung neuer Kennzeichen führen können – Kennzeichen-Paaren wohlgemerkt. Erfahrungsgemäß behielten viele Autofahrer jedoch auch ihre bisherigen Kennzeichen, solange diese noch nicht zu sehr verschlissen sind. Das Landratsamt Coburg hat laut Pressesprecher Pillmann im Jahr 2015 gut 23 600 Zulassungsvorgänge verzeichnet.

    Das Landratsamt Schweinfurt hat vergangenes Jahr rund 7200 Vorgänge registriert, die das Prägen von Kennzeichen notwendig macht, berichtet Pressesprecherin Baumann. Wer diese Zahlen mit 25 oder 30 Euro multipliziert, der bekommt eine Vorstellung davon, welche Umsätze im Schildergeschäft stecken.

    Ringer: „Wer würde mich mit über 50 noch nehmen?“

    Dem Schildermacher Klaus Ringer, dessen Vater das Geschäft bereits mit aufgebaut hat, bleibt trotzdem nur die Hoffnung, dass sein Unternehmen den entfachten Konkurrenzkampf in Haßfurt überstehen wird. Er könnte, sagt er, auf der Straße noch ein Werbeschild aufstellen, und noch eins . . . „Doch ich gehe nicht auf die Straße und fange dort die Kunden ab“, sagt er. Bisher sei er immer positiv eingestellt gewesen. „Heute sage ich morgens: ,Auf in den Kampf!‘“ Eine Alternative dazu sieht er nicht. „Wer würde mich mit über 50 denn noch nehmen?“

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