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    UNTERHOHENRIED

    „Mein Australien“: Kuscheln, kochen, Kinderträume

    Den Traum eines Auslandsjahres erfüllt sich Paulina Heumann (18) auf ihrer Tour durch Australien. Inzwischen arbeitet sie als Au Pair in Perth und berichtet Traumhaftes.

    And now you can't get up for a very long time.“ Ich liege auf dem dunkelbraunen Parkettboden und versuche möglichst authentisch so auszusehen, als ob ich „für eine sehr lange Zeit“ nicht mehr aufstehen kann. Vor mir steht fröhlich grinsend Esca. In seiner Hand hält er einen Stock und einen Zauberstab: mein Schwert, das ich gerade (auf Anweisung) im Ninja-Kampf verloren habe.

    Das Spiel setzt sich wie folgt zusammen: Esca und ich kämpfen im Gang, wobei ich krampfhaft versuche, den mit einem glibbrigen Etwas gefüllten Zauberstab nicht kaputt zu machen und gleichzeitig nur den Stock und nicht Esca mit meinen vorsichtigen Hieben zu treffen.

    Hin und wieder erhalte ich Anweisungen, die ich schnellstmöglich befolge. Ich drehe Esca den Rücken zu, spüre einen Hieb und gehe zu Boden. Nach einer angemessen langen Zeit stehe ich langsam auf, lasse mich von Escas stärkstem Angriff treffen und gehe erneut zu Boden. Seit einer guten Stunde wiederholt sich dieses Szenario. Es ist vielleicht etwas eintönig für mich, aber Esca scheint es zu lieben.

    Vor gut sechs Wochen bin ich bei meiner Gastfamilie eingezogen. Sechs Wochen, in denen mir gerade Esca, mit dem ich die meiste Zeit verbringe, es wirklich angetan hat. Jeden Mittwoch passe ich auf ihn auf. Meistens beginnen diese Tage damit, dass ich bei ihm im Zimmer sitze, er ununterbrochen um mich herumläuft und mir dabei die neuesten Geschichten aus seinem kleinen Kopf erzählt. Heute zum Beispiel hat er mich mit in das Kuscheltier–Land genommen.

    Es gebe so viele Kuscheltier-Länder: Manche können Menschen nur erreichen, wenn sie drei Mal fliegen. Andere können sie auch zu Fuß erreichen. Ein Kuscheltier-Land sei gleich um die Ecke. Dort könne man auf Stofftieren Fliegen und jede erdenkliche Mahlzeit zubereiten, denn das Essen gehe nie aus. Die Leibspeise seiner Kuscheltiere sei jedoch das Kuscheltiercrumble, eine Mischung aus Käse und Honig.

    Ich bin völlig hin und weg, mit wie viel Fantasie der Vierjährige seine Traumwelt ausschmückt. Mittwoche sind in den vergangenen Wochen zu meinem Highlight geworden. Es ist der einzige Tag, an dem ich mich wirklich als Au Pair beschreiben würde. Die anderen Tage habe ich entweder frei, oder ich putze und bringe das Haus auf Vordermann.

    Au Pair ist vermutlich die beste Art, in den Alltag einer australischen Familie einzutauchen. Meine Gasteltern sind wahnsinnig lustig, offen und freundlich. Ich genieße es wirklich, an meinen freien Abenden mit ihnen im Wohnzimmer zu sitzen, Serien zu schauen oder einfach nur zu quatschen. An anderen Tagen treffe ich mich mit Freunden oder Au Pairs aus der Gegend.

    Perth, aber auch Fremantle, haben – was das Nacht- und Abendleben angeht – viel zu bieten. Der Kings Park in Perth ist größer als der Central Park und punktet dadurch mit viel Grünfläche für Veranstaltungen, wie zum Beispiel Projektionen in den Baumwipfeln, sowie einem sehenswerten Blick auf die Stadt.

    Nur drei Kilometer von mir weg liegt der Strand. Ein großer Vorteil der Westküste gegenüber der Ostküste ist, dass hier die Sonne über dem Meer untergeht. Ein Schauspiel, das mir – aus welchem Grund auch immer – fast sechs Wochen verwehrt geblieben ist.

    In einem Monat werde ich Perth verlassen. So gut es mir hier gefällt, ich kann es kaum erwarten weiterzureisen. Ich bin froh, die Erfahrung als Au Pair gemacht zu haben. Für sechs Monate oder gar ein ganzes Jahr bin ich jedoch immer noch nicht zu begeistern.

    Zu sehr bin ich an einen Ort oder auch die Verpflichtungen in der Familie gebunden. Es gibt keine klare Grenze zwischen Arbeit und Feierabend. Wenn Esca und sein Bruder am Abend streiten, kann ich mich nicht gemütlich auf mein Sofa setzen, ihnen zusehen und meine freie Zeit genießen. Für mich ist es selbstverständlich, trotz Feierabend noch einzugreifen und nach Möglichkeit zu schlichten.

    Zudem gibt es – anders als bei anderen Jobs – keine feste Regelung für die Bezahlung eines Au Pairs. Mein Geld reicht aus, um in der Zeit hier keine Verluste zu machen. Jedoch habe ich mich mit Au Pairs unterhalten, die das Dreifache meines Lohns kriegen, obwohl sich unsere Wochenstunden nicht unterscheiden.

    Wieder andere Freundinnen müssen wesentlich länger arbeiten und haben wesentlich mehr Verpflichtungen gegenüber den Kindern. Das Gehalt und die Aufgaben eines Au Pairs hängen sehr stark von dem Wohlstand und der Einstellung der Gastfamilie ab.

    Dennoch: Ich habe es die letzten Wochen sehr genossen, in einer Familie zu leben. Ich habe es genossen, nicht mehr von Nudeln mit Pesto leben zu müssen, sondern eine Küche zu haben, in der ich in aller Ruhe backen oder einfach nur mittagessen konnte, um mich für weitere Ninja-Kämpfe zu stärken.

    Es hat mich überwältigt, wie schnell und einfach es gelingen kann, das Vertrauen und Herz eines Kindes zu gewinnen. Kinder sind die wohl ehrlichsten Kritiker der Welt. Esca hat kein Problem damit, mir zu sagen, dass ihm die Art, wie ich zu Boden gehe, nicht gefällt oder, dass ihm die Muffins seiner Mama besser schmecken als die, die ich gemacht habe.

    Dennoch ist er begeistert, als ich ihm vorschlage, zusammen Muffins zu backen. Nachdem wir die „besten Muffins“ aus dem Ofen holen, kann er sich kaum beherrschen zu probieren. Als ein Familienmitglied nach dem anderen nach Hause kommt und das Gebäck bewundert, ist der Stolz in seinen Augen nicht zu übersehen. Esca kann nicht nur kritisieren, sehr oft sogar kann er seine Freude nicht verbergen.

    Ich rapple mich vom Boden auf. Das vor mir sitzende, blonde Kind hat unterdessen die Verschlüsse des Zauberstabs geöffnet und verteilt das glibbrige Etwas auf dem Parkettboden. Ich stöhne innerlich und helfe ihm, die – wie er sie nennt – „Kristalle“ wieder in den Stab zu bekommen. Dann verschwinde ich auf die Toilette, verspreche Esca jedoch, dass wir, sobald ich zurück bin, weiterspielen.

    „Cool“, strahlt er, „because I think I am very good at being the guy who's winning and you are very good at being the guy who's loosing“ („Ich bin sehr gut darin, die Person zu sein, die gewinnt, und du bist sehr gut darin, die Person zu sein, die verliert“). Ich muss lächeln. Diese Aussage nehme ich als Kompliment.

     
     

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