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    KITZINGEN

    Gnade vor Recht: Diebstahlserie aufgeklärt und geahndet

    Ein Jugendlicher begeht in zwölf Tagen eine Straftat nach der anderen – stiehlt, bricht ein, beschädigt fremdes Eigentum. Dennoch greift das Gericht nicht zum Holzhammer.

    Eine Diebstahl- und Einbruchserie schreckte im Juni das Städtchen Volkach auf. Immer wieder stieg ein Täter in Wohnmobile ein, klaute Wasserflaschen, Konservenbüchsen, Feuerzeuge, EC- und Kreditkarten, Taschenlampen und aus Schrottautos sogar wertlose Autoschlüssel.

    Polizei ermittelt den Täter

    Ende Juni griff die Kitzinger Polizei einen Jugendlichen auf, der einen Teil des Diebesguts bei sich trug und später alle Taten einräumte. Diese Woche musste er sich vor dem Kitzinger Amtsgericht verantworten. Der 17-Jährige hat trotz seiner jungen Jahre eine bewegte Biografie.

    Das Kitzinger Jugendschöffengericht hatte leichtes Spiel: In der Verhandlung räumte der junge Mann alle ihm zur Last gelegten Straftaten ein. Dieses Geständnis und eine Entschuldigung an alle von ihm Geschädigten ersparte nicht nur der Polizei eine Zeugenaussage, sondern war auch einer der Pluspunkte auf dem Habenkonto des Jugendlichen. Ebenso, dass der junge Mann einen Teil der Schadenssumme über sein Taschengeld abstottert.

    Streit in der Wohngruppe war der Auslöser

    In der Verhandlung stellte sich heraus, dass der 17-Jährige in einer Jugendhilfeeinrichtung wohnt. Nach einem Streit in der Wohngruppe haute der damals 16-Jährige Hals über Kopf ab und stand von einem Moment zum nächsten ohne Bleibe und ohne Habe da.

    Das war der Auslöser für die folgende Serie von Straftaten. Der Junge stahl Mitte Juni ein Fahrrad vor dem Volkacher Freibad, um mobil zu sein. In der Folge brach er wiederholt in abgestellte Wohnwagen oder Wohnmobile ein: zum einen, um darin zu übernachten, zum anderen, um Lebensmittel oder von ihm als nützlich eingestufte Dinge wie Taschenmesser, Bankkarten, Ausweise, ein Fernglas oder ein Navi zu stehlen.

    Aus Langeweile Gegenstände gestohlen

    Manches „sammelte ich aus Langeweile“, manche Gegenstände nahm er an sich, „wusste aber nicht wozu“, sagte der Angeklagte. In der Summe richtete der Jugendliche Schäden von mehreren Hundert Euro an. Der Wert seines Diebesguts war meist gering.

    Im Bundeszentralregister hat der Jugendliche schon vier Einträge aus den Jahren 2015 und 2016 – immer ging es um Diebstahl. Der gravierendste Fall: Vor einem Jahr stahl er einen Traktor und fuhr damit ohne Führerschein 40 Kilometer durch die Gegend, bevor ihn die Polizei stoppte. Doch trotz dieser Eskapaden gab es bislang keine juristischen Folgen für den jungen Mann.

    Traurige Lebensgeschichte

    Ein Vertreter der Jugendgerichtshilfe beleuchtete die Lebensgeschichte des Jungen. Schon mit acht Jahren sei er aus der Familie genommen worden, weil ihn sein gewalttätiger Stiefvater misshandelt habe. Der Junge lebt seither in Jugendeinrichtungen; eine Rückkehr in die Familie sei nicht möglich.

    In der Folge sei das Kind immer wieder durch „Ausraster“ aufgefallen. „Bei Überforderung reagiert er aggressiv“, hatte der Vertreter der Jugendgerichtshilfe erfahren. Daraufhin gab es einen Wechsel in eine intensiv-pädagogisch betreute Wohngruppe. Auch ein neun Monate dauernder Aufenthalt in Finnland unter besonderer Betreuung sollte dem Jugendlichen helfen, sich normal zu entwickeln.

    Keine alterstypische Normalität

    Dennoch gelang es nicht, einen beständigen Freundeskreis aufzubauen oder den Jungen in eine reguläre Schulklasse zu schicken. Zurzeit arbeitet er in einer Kleinstgruppe mit drei Schülern an seinem Hauptschulabschluss. Das Fazit der Jugendgerichtshilfe: Der Angeklagte sei „weit weg von alterstypischer Normalität“, habe nicht gelernt, mit Kritik umzugehen oder sich Problemen zu stellen.

    Der Staatsanwalt befand, dass all die Bemühungen um eine Erziehung des Angeklagten „nicht richtig viel gebracht haben“. Die Einsicht in Recht und Unrecht sei zwar gegeben, aber wohl keine „schädliche Neigung“, also der bewusste Wille, andere zu schädigen. Unterm Strich forderte der Staatsanwalt 120 Arbeitsstunden für soziale Dienste als Strafe.

    160 Arbeitsstunden als Denkzettel

    Das Jugendschöffengericht schloss sich dem grundsätzlich an und verzichtete trotz der Eintragungen im Bundesregister auf Arrest. Allerdings setzten Richter Wolfgang Hülle und seine beiden Schöffen 160 Arbeitsstunden als erzieherische Maßnahme fest. Der 17-Jährige war mit dem Urteil einverstanden, wird sich aber noch beraten, bevor er es annimmt.

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