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    GEISELWIND / WÜRZBURG

    Laute Musik führte Polizei zu den Räubern

    Wegen lauter Musik wurde die Polizei 2015 zu den Räubern gerufen. Aus Angst, ihre Überfälle seien aufgeflogen, flüchteten sie. Nun wurden sie zu langer Haft verurteilt.

    Weil sie nach Überzeugung von Staatsanwalt Markus Küstner im Prozess gegen zwei in der vergangenen Woche zu elf und sieben Jahren verurteilten Tankstellenräuber gelogen hat und ihren Ex-Freund zu entlasten versuchte, konnte eine aus London angereiste Zeugin nach ihrer Vernehmung nicht den Rückflug antreten. Der Staatsanwalt hat sie im Gerichtssaal vorläufig festgenommen und der Ermittlungsrichter beim Amtsgericht Würzburg ordnete inzwischen Untersuchungshaft an.

    Die jetzt in England lebende 24-Jährige war 2015 als Zimmermädchen in einem Hotel in Geiselwind beschäftigt und lebte vorübergehend zusammen mit den beiden jetzt wegen Überfällen in Geiselwind angeklagten polnischen Landsleuten.

    Zeugin erhielt Anweisungen vom Räuber

    Bei der Polizei hatte sie 2015 angegeben, dass ihr – jetzt zu einer Freiheitsstrafe von elf Jahren verurteilter – damaliger Freund, als er schon auf der Flucht war, sie per Handy angewiesen habe. Er habe ihr gesagt, die in der Wohnung hinter einer Couch versteckten schwarzen Mützen mit Sehschlitzen in der Badewanne zu verbrennen und ein ganz bestimmtes Küchenmesser mit großer Klinge verschwinden zu lassen. Tatsächlich hat die Kriminalpolizei in der Badewanne Brandspuren festgestellt.

    An diese und weitere belastende Angaben konnte sich die junge Frau jetzt vor Gericht angeblich überhaupt nicht mehr erinnern. Sie begründete das damit, dass damals schlecht gedolmetscht worden sei und dass sie unter Depressionen leide.

    Maskiert und mit Küchenmesser

    Bei den Überfällen auf Tankstellen in Geiselwind im August und September 2015 hatten maskierte und mit einem Küchenmesser bewaffnete Räuber einmal 1200 und einmal 900 Euro erbeutet. Zwei Tage nach dem zweiten Überfall hatte die Kitzinger Polizei „in anderer Sache“ mit den beiden zu tun. Man konnte dabei allerdings nicht ahnen, dass es sich um die gesuchten Räuber handelt. Da ging es um Promille, überhöhte Geschwindigkeit und einen Autodiebstahl.

    Nachbarn in Geiselwind hatten sich über zu laute Musik in der Wohnung der drei Polen über der Sparkassen-Filiale beklagt und die Polizei verständigt. Als die Beamten klingelten, wurde nicht geöffnet, aber die Musik abgeschaltet.

    Flucht über den Balkon

    Der Haupttäter hatte beim Blick aus dem Fenster den Streifenwagen gesehen, dachte, es gehe um die Überfälle und ist daraufhin mit seinem Mittäter – von der Polizei unbemerkt – über den Balkon im ersten Stock des Hauses und ein Garagendach geflüchtet.

    Das Zimmermädchen konnte sich nachträglich angeblich nicht erklären, warum es ihr Freund so eilig hatte. Der hat dann, selbst nur im Besitz eines Motorrollers, in Geiselwind einen Wagen aufgebrochen, kurzgeschlossen und ist damit zur Wohnung zurückgekehrt: Rucksäcke, so ein Zeuge, sind aus dem Fenster geworfen, unten aufgefangen und im Fahrzeug verstaut worden.

    Das mit zwei Mann, den jetzt Verurteilten, besetzte Auto ist nach Mitternacht bei Feuerbach wegen seiner hohen Geschwindigkeit einer entgegenkommenden Polizeistreife aufgefallen, sie wendete und versuchte, den Raser anzuhalten. Es entwickelte sich eine Verfolgungsfahrt über zum Teil kurvenreiche Landstraßen mit einer Geschwindigkeit von bis zu 160 Stundenkilometern, schätzte ein Polizeibeamter vor Gericht.

    Auto überschlug sich und landete im Acker

    Mit etwa 100 Sachen sei der Angeklagte durch Klein- und Großlangheim gedüst und habe auch bei Engstellen nicht abgebremst, zum Glück sei kein Fahrzeug entgegengekommen. In einer Rechtskurve der Staatsstraße 2272 kam das Fluchtauto dann ins Schleudern, überschlug sich und landete in einem Acker.

    Während die Polizeibeamten mit Schwerverletzten rechneten, sahen sie plötzlich in einer aufgewirbelten Staubwolke zwei Männer aussteigen, die in den nahen Wald flüchteten und später bei einer Fahndung mit Hunden und Helikopter in einem Dornengestrüpp, am Boden liegend, gefunden wurden. Dass es sich um die gesuchten Tankstellenräuber handelt, konnte man zu der Zeit noch nicht ahnen.

    Festnahme in Holland

    Für eine Festnahme hat es damals nicht gereicht, die Männer haben sich später nach Holland abgesetzt, sind dort 2016 festgenommen und nach einigen Monaten ausgeliefert worden. Diese mehrmonatige Haft in Holland hat das Landgericht Würzburg 1:1 angerechnet.

    Einer der Angeklagten lobte die Bedingungen dort: Das Personal sei viel freundlicher als im deutschen Knast und außerdem sei man dort in Einzelzimmern untergebracht worden, während in Deutschland sich bis zu drei Gefangene eine Zelle teilen.

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