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    Lauter Streit und leise Appelle zum Nationalpark

    Die ganze Bandbreite der Nationalparkdiskussion trat am Samstag in Rothenbuch zutage. Am Ende stand die Frage: Wer darf bestimmen über die Zukunft des Spessartwaldes?

    Nachdenklich, kritisch, sachlich, polemisch, zwischendurch auch sehr laut – die ganze Bandbreite der seit Monaten im Spessart auf großer Flamme kochenden Nationalparkdiskussion trat am Samstagabend in Rothenbuch zutage. Rund 200 Menschen waren der Einladung von Bund Naturschutz (BN) und Landesbund für Vogelschutz (LBV) in den Spechtshaardt gefolgt.

    Zustimmung und Ablehnung wogt im Saal hin und her

    Im Publikum saßen Befürworter und Gegner eines möglichen Nationalparks etwa zu gleichen Teilen, allerdings weitgehend getrennt. So wogten je nach Wortbeitrag Zustimmung und Ablehnung vier Stunden lang akustisch im Saal hin und her.

    Noch recht ruhig ging es zu Beginn zu, als drei Redner verdeutlichten, weswegen der Naturschutz einen Nationalpark im Spessart für dringend nötig erachtet.

    Deutschland hinkt bei Umweltzielen hinterher Hubert Weiger, BN-Landesvorsitzender, erinnerte an nationale und internationale Beschlüsse zur Biodiversitätsstrategie. Bei deren Umsetzung sei auch Bayern noch weit hintendran. Aktuell seien statt der zum Ziel erklärten zehn Prozent in Unterfranken erst 1,9 Prozent der Wälder aus der Nutzung genommen. Deutschland hinke als reichstes Land der Welt beim Naturschutz weit hinterher.

    „Es trifft meine Kinder ebenso wie ihre“, so Weiger mit Blick auf den Umgang mit der Umwelt an die Nationalparkgegner. Weiger: Dritter Nationalpark Pardigmenwechsel in der Naturschutzpolitik

    Für die gesellschaftliche Akzeptanz der Forstwirtschaft sei ein Nutzungsverzicht in nennenswerter Größe unumgänglich, sagte Weiger, selbst studierter Forstmann. Ein dritter Nationalpark in Bayern wäre seinen Worten zufolge ein Paradigmenwechsel in der Naturschutzpolitik.

    Ein Nationalpark sei auch deshalb erforderlich, weil noch viel zu wenig bekannt sei über die Abläufe in einem sich selbst überlassenen Wald. Als Beispiel nannte Weiger die Diskussion um die Entwicklung der Spessarteiche in einem möglichen Nationalpark: „Die Forstwissenschaftler wissen es schlicht nicht.“ Die bisherige Forschung beispielsweise im Nationalpark Bayerischer Wald habe gezeigt, dass sich ungenutzte Wälder ganz anders entwickelte, als vom Menschen erwartet.

    Brönner: Diese Chance werden wir nicht mehr kriegen

    Hartwig Brönner, LBV-Kreisvorsitzender in Main-Spessart, sprach davon, dass nur 0,9 Prozent des Staatswaldes im Bayerischen Spessart unter Schutz gestellt seien. Diese kleinen Flächen seien jedoch die Hotspots der Artenvielfalt. Es gehe darum, diese mit einem Nationalpark in die Fläche zu bringen.

    Die Diskussion um Eiche und Buche wollte der Artenkenner nicht zu hoch hängen. Fest stehe jedoch, dass 350 Arten an der Eiche nachgewiesen seien, hingegen 750 an der Buche. Mit Blick auf den ökonomischen Wert eines Nationalparks ging Brönner davon aus, dass es in der Region nicht dauerhaft bei Vollbeschäftigung bleiben werde. „Diese Chance werden wir nicht mehr kriegen“, plädierte er daher für einen Nationalpark.

    Kunkel: Alte Wälder, wie wir sie heute kennen, wird es in 100 Jahren nicht mehr geben

    Michael Kunkel, Waldexperte des BN im Spessart, verdeutlichte Anhand von Bildern, was nach Ansicht des Naturschutzes im Wirtschaftswald des Spessarts aus dem Ruder läuft: gefällte Alteichen, systematische Nadelholzausbreitung, kahlschlagähnliche Flächen für Eichensaaten. „Die alten Wälder, die wir heute kennen, wird es in 50 oder 100 Jahren nicht mehr geben, wenn es so weitergeht“, lautete Kunkels Fazit.

    In der anschließenden Diskussion hatte Sebastian Schönauer als Versammlungsleiter allerhand Mühe, die nicht selten lautstarken Beiträge aus dem Lager der Nationalparkgegner in Zaum zu halten. Die Meinungsverschiedenheiten kreisten in hitziger Atmosphäre um Wege- und Holzrechte, aber auch um die Jagd.

    „Der Wald gehört nicht Ihnen. Er gehört uns, den Bürgern Bayerns.“
    BN-Vorsitzender Hubert Weiger an die Adresse der Spessarter

    Hubertus Hauck, Förster im Staatswald, sagte, dass die Forstwirtschaft in Bayern die weltweit beste sei, wobei die Förster durchaus zu noch naturverträglicheren Arbeitsweisen bereit wären. „Die Politik müsste es nur anstoßen“, sagte er. Auch Weiger sprach davon, dass unabhängig von der Nationalparkdiskussion die Forstreviere verkleinert werden müssten, damit die Förster die hohen Ansprüchen erfüllen könnten.

    Weiger bringt Bürgerbefragung ins Spiel

    Am Ende landete die Versammlung schließlich bei der Frage, wer denn nun über die Zukunft des Spessart entscheiden darf. Ein Nationalparkgegner aus Partenstein empörte sich darüber, dass Naturschutzverbände für eine repräsentative emnid-Umfrage selbst in Würzburg Menschen zum Thema Nationalpark befragen hatten lassen.

    Dem entgegnete Weiger: „Der Wald gehört nicht Ihnen. Er gehört uns, den Bürgern Bayerns“. Weiger sprach sich für eine Bürgerbefragung in der Region aus.

    Biologielehrer spricht von dramatisch schlechter Artenkenntnis der Schüler

    Einen ruhigen Schlusspunkt setzte schließlich ein Biologielehrer des Gymnasiums in Hösbach. Er schilderte, das die Artenkenntnis auch bei den Schülern aus dem Spessart dramatisch schlecht sei. Ein Nationalpark könne den jungen Menschen die Heimat wieder näherbringen. Vor diesem Hintregrund appelliere er an die Gegner, verhandlungsbereit zu sein und mit den Befürwortern an einem Strang für die Menschen im Spessart zu ziehen.

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