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    LOHR

    Lohrer „Schneewittchen“ polarisiert bis heute

    Seit einem Jahr steht die umstrittene Schneewittchen-Figur in Lohr: Der Bürgermeister spricht von „Glücksfall“, der Bildhauer ist zufrieden. Und die Lohrer?

    Die Schneewittchen-Statue des Künstlers Peter Wittstadt steht seit einem Jahr vor der Stadthalle in Lohr. Foto: Silvia Gralla

    Es war vor drei Jahren einer der größten Aufreger, es spaltete die Stadt, es sorgte nicht nur in der Region, sondern bundesweit für Beachtung: das „Schneewittchen“ in Lohr im Landkreis Main-Spessart. Die Figur polarisiert bis heute.

    Obwohl das „Schneewittchen“ noch immer etliche Gegner zu haben scheint, steht die Plastik dennoch für ein Kunstmärchen mit glücklichem Ausgang. Denn die Arbeit von Peter Wittstadt ist seit gut einem Jahr auf dem Platz zu bewundern und zu bestaunen, für den sie gedacht war: vor der neuen Stadthalle in Lohr; auch sie ist übrigens aufgrund ihrer ungewöhnlichen Architektur überregional bekannt geworden.

    „Die Wogen haben sich geglättet“, meint Lohrs Bürgermeister Mario Paul, „die Aufregung ist weitgehend vorbei.“ Es kommt sogar das Wort „Glücksfall“ aus seinem Mund, wenn er daran denkt, wie viel Aufmerksamkeit die Figur erreicht hat. „Das hatte man nicht zu träumen gewagt.“

    „Die Figur hat etwas bewegt“

    Auch Peter Wittstadt gibt sich zufrieden. Das Wichtigste sei, dass er eine gute Arbeit gemacht hat, sagt der im Karlstadter Ortsteil Laudenbach lebende Künstler. „Wie sie ankommt, ist eine andere Frage.“ Sein Ziel war keine Schneewittchen-Figur im herkömmlichen Sinne. Also zart und lieblich und nett anzusehen. Er denke nicht in den Kategorien: „Was ist schön, was hässlich?“ Er habe etwas in Form bringen, Schwingungen erzielen wollen. „Sie ist für den Platz konzipiert und sie hat etwas bewegt.“ Und: „Es ist auch Witz darin.“

    Was Peter Wittstadt „nicht abhaben kann, ist schlechte Kunst“. Da gebe es schon „lasche Sachen“, die keine Aussagen machen. „Ich suche die Frische, die Linie muss lebendig sein.“ Dass seine Arbeit kurze Zeit nach der Aufstellung vor einem Jahr zwei Mal mit Farbe besprüht wurde – erst rot dann silbern – hat ihn weder gewundert noch gestört.

    Wittstadts Fazit: „Es ist eine super Figur und sie steht in der Öffentlichkeit.“ Auch die Kontroversen sieht er positiv. „Ich bin daran gewachsen.“ Und heute kämen viele Besucher extra wegen seines Schneewittchens nach Lohr, wie er erst kürzlich selbst erlebt habe, und auch die meisten Lohrer seien sicher zufrieden, meint Peter Wittstadt. Eine kleine – nicht repräsentative – Umfrage zeigt jedoch, dass sich nicht alle mit seiner Figur angefreundet haben.

    Kritiker: „Ein Schandfleck“

    Eine Lohrerin mit mittellangen grauen Haaren, die sich in der Fußgängerzone gerade Glückwunschkarten anschaut, winkt ab, als sie auf die Schneewittchen-Skulptur angesprochen wird. Sie wolle dazu nichts sagen. Auf die Nachfrage, ob es ihr etwa nicht gefalle, sagt sie dann doch: „Das ist ja unmöglich und schad für das Geld. Das wäre vielleicht anderswo notwendiger gewesen.“

    Ein paar Meter weiter drückt sich ein anderer Lohrer, etwa Mitte 30, drastischer aus: „Das war ein Schandfleck, das ist ein Schandfleck und das bleibt ein Schandfleck. Es sollte besser heute wie morgen wegkommen.“

    Ein älteres Lohrer Ehepaar hält ebenfalls nichts von der Skulptur: „Das ist eine Schande“, sagt die Ehefrau, „da kriegen doch die Kinder Angst.“ Ihr Mann meint ironisch: „Das ist das Beste, was Sie haben hinstellen können.“

    Ein Mann aus Karlstadt, der sich eigentlich nicht für befugt hält, etwas über das Lohrer Schneewittchen zu sagen, äußert: „Ich bin vielleicht ein bisschen altmodisch, aber mir gefällt das Schneewittchen in der städtischen Anlage (dort gibt es eine naturgetreuere Mädchenstatue auf einer Bank, Anm. d. Red.) besser.“ Das vor der Stadthalle müsse „einem schon gefallen“, sagt er und lacht.

    Bürgermeister Mario Paul weiß, „einige wundern sich noch“. Für ihn zählt jedoch: „Die Figur ist angekommen und wird rege besucht.“ Und das städtebauliche Ziel, den Vorplatz vor der Stadthalle zu beleben, sei dank des in Bronze gegossenen Schneewittchens erreicht.

    Mario Paul ist aber nicht nur um die Kreativität von Peter Wittstadt froh, der mit dieser Arbeit den 1. Lohrer Kunstpreis gewonnen hat, sondern auch über die spontane Reaktion von Valentin Lude. Durch ihn habe vor drei Jahren „plötzlich ein Stimmungsumschwung stattgefunden.“ Die zum Teil sehr harte Diskussion zwischen Gegner und Befürworter hat der damals 18-jährige Gymnasiast mit Humor aufgeweicht.

    Erfolg mit dem „Horrorwittchen“

    Das hat Valentin Lude mit seinem „Horrorwittchen“ erreicht. Sein Graffito ist heute auf vielen T-Shirts oder Autos, meist mit MSP-Kennzeichen, zu sehen – eine Erfolgsgeschichte. Und bald wird das „Horrorwittchen“, das die sieben Zwerge mit dem Messer in der erhobenen Hand verfolgt, sogar zum Gartenzaun. Doch das findet wiederum Peter Wittstadt „grässlich“, denn „das funktioniert nicht“. Ist wohl ein neuer Kunststreit in Lohr in Sicht?

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