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    GEMÜNDEN

    Halbe Stunde lang Weg blockiert: Frau verpasst fast OP-Termin

    Ein Lkw-Fahrer versperrte aus Protest gegen die Lenkzeitregelung mit seinem Zwölf-Tonner einen Parkplatz. Die Richterin ging in ihrem Urteil über den Strafbefehl hinaus.

    Auch in der Gerichtsverhandlung am Amtsgericht Gemünden hat sich ein Lkw-Fahrer aus Mittelfranken so gegeben, wie es Zeugen zu einem Vorfall vom 30. August 2016 geschildert haben. Immer wieder schimpfte er auf den Gesetzgeber, der „solch unsinnige Gesetze macht, die nicht erfüllbar sind“. Gemeint war die Regelung der Lenk- und Ruhezeiten. Um seine Pause einzuhalten, hatte der Mann mit seinem Lastzug die Einfahrt zu einem Autobahn-Parkplatz blockiert und damit andere Kraftfahrer genötigt.

    Weil der uneinsichtige Lkw-Fahrer gegen den Strafbefehl in Höhe von 2000 Euro Widerspruch eingelegt hatte, musste er sich jetzt in einer Hauptverhandlung vor Gericht verantworten.

    Mitten auf der Durchfahrt Lkw abgestellt

    Er war im August mit seinem Zwölf-Tonnen Lastzug auf dem Rückweg von Gießen nach Mittelfranken. „Staus und eine lange Baustelle“, hätten ihn bei seiner Fahrt aufgehalten, gab er an. Um die vorgeschriebene halbstündige Pause machen zu können, habe er einen Parkplatz anfahren wollen. Doch der war völlig belegt. Deshalb fuhr er weiter zum nächsten, wo er dann mitten auf der Durchfahrt stehen blieb – sehr zum Leidwesen anderer Verkehrsteilnehmer.

    Diese konnten weder weiterfahren noch rechts oder links vorbei. „Es war nur eine Lücke frei, in die ich aber nicht reinfahren konnte, weil sie zu eng war“, rechtfertigte der Angeklagte sein Tun. „Da war alles frei“, berichteten in der Verhandlung drei Zeugen, die mit ihren Autos notgedrungen eine halbe Stunde hinter dem Lkw warten mussten.

    Polizei-Anweisung ignoriert

    Ihnen gegenüber hatte sich der 54-jährige Fahrer recht unfreundlich und rechthaberisch verhalten, als sie ihn mehrfach baten, doch den Weg frei zu machen. Auch der Hinweis einer Frau aus dem Saarland, dass sie in wenigen Stunden zu einem Operationstermin in Werneck muss, half nichts. Als diese dann die Autobahnpolizeiinspektion in Hösbach telefonisch informierte und der Beamte dort per Telefon dem Lkw-Fahrer die Weisung erteilt hatte an die Seite zu fahren, weigerte dieser sich weiterhin standhaft.

    In dieser Zeit des Wartens kam es zu einigen gefährlichen Situationen durch weitere Fahrzeuge, die in den Parkplatz einfahren wollten, aber nicht weiterkamen. „Viele von ihnen fuhren einfach rückwärts wieder auf die Autobahn zurück“, schilderten ein 67-jähriger pensionierter Regierungsdirektor, dessen 65-jährige Ehefrau sowie ein 44-jähriger Objektleiter aus dem Raum München.

    „Ich habe den Kraftfahrer darauf hingewiesen, dass er mit seinem Fahrzeug die Durchfahrt nicht versperren darf“, sagte der 55-jährige Polizeibeamte aus, mit dem der Fahrer damals telefoniert hatte. Er habe ihn auch belehrt, dass er sich der Nötigung schuldig macht, was aber der 54-Jährige schroff abtat und sich weiter uneinsichtig zeigte. „Ist mir scheißegal“, so seine Antwort.

    Fahrer hätte freie Parklücke anfahren können

    „Es wäre nichts passiert“, so der erfahrene Autobahnpolizist, wenn der Kraftfahrer den Lkw in eine freie Parklücke gefahren und damit die Ruhezeit kurzfristig unterbrochen hätte. Elektronische Aufzeichnungsgeräte beginnen meist erst etwa eine Minute nachdem das Fahrzeug in Bewegung gesetzt wird mit der Registrierung der Fahrtstrecke.

    „Wir sind selbst bei fünf Minuten noch sehr kulant, wenn nichts anderes vorfällt“, erklärte der Beamte und wies darauf hin, dass diese Regelung von den meisten Polizeidienststellen in Bayern so praktiziert wird.

    „Ich hätte ihn nicht angezeigt, wenn der Mann sich zeitnah schriftlich bei mir entschuldigt hätte“, erklärte die Frau, die wegen des Zwangsaufenthalts beinahe ihren OP-Termin verpasst hätte. Eine vage Entschuldigung mit vielen Ausreden und Schuldzuweisungen an die Spedition, für die er damals gefahren ist, schickte der Lkw-Fahrer erst Ende März 2017 – also sieben Monate nach dem Geschehen – an die Frau. Allerdings erst auf Anraten seiner Verteidigerin. „Ich dachte zuerst, das ist ein Film aus “, meinte die 65-jährige Saarländer und versuchte vergeblich das Filmteam zu sehen, das sie auf den Arm nehmen will.

    Geldstrafe fiel jetzt 200 Euro höher aus

    Aufgrund der umfangreichen Beweisaufnahme sah Richterin Karin Offermann keine großen Chancen für den Lkw-Fahrer, mit seinem Widerspruch gegen den Strafbefehl aus der Sache rauszukommen. Sie empfahl die Rücknahme oder die Beschränkung auf die Tagessatzhöhe, weil der Mann aktuell ohne Arbeit und krankgeschrieben ist. Dem Vorschlag folgte er nach langer Rücksprache mit seiner Verteidigerin.

    Mit ihrem Urteil einer Geldstrafe in Höhe von 1000 Euro (40 Tagessätze zu je 25 Euro) blieb die Richterin noch über dem Antrag von Staatsanwaltschaft und Verteidigung, die 800 Euro beantragt hatten. Das Urteil ist rechtskräftig.

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