• aktualisiert:

    FRAMMERSBACH

    Waldschlossbräu: Bier aus dem Spessart

    Das Sudhaus der Frammersbacher Waldschlossbrauerei ist ein richtiges Schmuckstück. Die kleine Brauerei spüre zwar den sinkenden Bierkonsum, hält sich aber tapfer.

    Das Sudhaus der Frammersbacher Waldschlossbrauerei ist ein richtiges Schmuckstück. Die Wände sind mit schicken türkisen Fliesen verkleidet. Außer einem Maische- und Läuterbottich aus Kupfer und einer von außen für den Laien genau gleich aussehenden Sudpfanne, beides von 1961 und in den 90ern innen mit Edelstahl ausgekleidet, befindet sich im Sudhaus ein Schaltpult wie aus dem Technikmuseum. Hier herrscht der Brauer, kein Computer. Mit Hilfe verschiedener Schrauben, Hebel und analoger Anzeigen steuert er den Brauprozess. Der Braumeister in Frammersbach ist Jens Reinhart, 49, der die Brauerei in vierter Generation führt.

    Die kleine Brauerei, die vergangenes Jahr ihr 130-jähriges Jubiläum hatte, spürt laut Reinhart, dass immer mehr Gastwirtschaften schließen und die Leute weniger Bier trinken. Hinzu komme der Preiskampf durch die „Fernsehbiere“, die ihre Überkapazitäten zu Dumpingpreisen auf den Markt schleudern, sagt der Braumeister. „Da können wir als Kleinbrauerei überhaupt nicht mithalten.“ Dennoch sei es gelungen, den Absatz in den vergangenen Jahren relativ konstant zu halten. Reinhart führt das darauf zurück, dass der Hauptabsatzmarkt in Hessen liegt. Dort gebe es weniger Brauereien. Es kommen auch immer wieder neue Kunden hinzu.

    „Wenn ein Teil der Brauerei nicht mehr da ist, dann ist es keine komplette Brauerei mehr.“
    Jens Reinhart, Braumeister

    „Unsere beste Werbung ist das Bräustübl“, sagt der 49-Jährige. Geführt wird es seit der Wiedereröffnung vor etwa 25 Jahren von Reinharts Mutter Sylvia. Wenn es warm ist, wird der Hof der an der Bundesstraße am Ortsausgang Richtung Flörsbachtal gelegenen Brauerei, als Biergarten genutzt und wirkt so auf den ein oder anderen einladend. Sehr beliebt sei im Bräustübl, das zum zweiten Standbein der Brauerei wurde, das unfiltrierte Kellerbier. Das gibt es bis jetzt nur dort und zum Abholen in Drei-Liter-Siphonflaschen. In wenigen Monaten soll es das Kellerbier nun auch in normalen Flaschen geben, die Etiketten hat Reinhart schon erstellen lassen.

    Bislang sei beim Kellerbier die Haltbarkeit das Problem gewesen, das eine Flaschenabfüllung verhindert hat. Das Besondere an den Bieren der Waldschlossbrauerei sei wie bei anderen kleinen Brauereien, dass sie ihre Biere nicht pasteurisiert, also auf rund 80 Grad erhitzt, um es haltbarer zu machen. Das Pasteurisieren schade dem Geschmack, ist Reinhart überzeugt. Bier, sagt er, das eine Haltbarkeit über sechs Monate habe, ist pasteurisiert. Die Biere der Waldschlossbrauerei hingegen hätten eine Haltbarkeit von drei, vier Monaten. Das Kellerbier ist, da unfiltriert, noch anfälliger. Jetzt glaubt der Brauer das Problem beim Kellerbier im Griff zu haben und ein dreimonatige Haltbarkeit garantieren zu können.

    Bei häufigen Brauereibesichtigungen werden Besuchergruppen durch die Waldschlossbrauerei geführt. Geduldig erklärt Reinhart auch jetzt bei einem Rundgang die einzelnen Schritte bei der Entstehung der Biere, erklärt, dass ein Bier von der Herstellung bis zur Abfüllung sieben Wochen braucht. Wie viel Bier im Jahr die Brauerei braut, verrät er nicht. Es seien aber weniger als 50 000 Hektoliter. In der Regel würden zwei Sude a 78 Hektoliter am Tag angesetzt – überwiegend mit ganzen Hopfendolden, betont der Braumeister.

    Es kommen zwar auch Hopfenpellets, gemahlener und gepresster Hopfen, zum Einsatz, aber nicht, wie heute oft üblich, Hopfenextrakt.

    Stolz ist Reinhart auf die eigene moderne Flaschenabfüllanlage, die 10 000 Flaschen in der Stunde schafft. Eine solche sei heute bei kleinen Brauereien nicht mehr selbstverständlich. „Wenn ein Teil der Brauerei nicht mehr da ist, dann ist es keine komplette Brauerei mehr“, glaubt der Braumeister. Dann mache man sich abhängig. Unabhängig ist die Waldschlossbrauerei auch beim Wasser. Ein eigener Brunnen liefert sowohl das Wasser zum Brauen als auch für alle andere Zwecke. Und wenn in Frammersbach, wie dieses Jahr schon geschehen, mal die Wasserversorgung ausfällt, hilft die Brauerei mit ihrem Brunnen aus.

    „Da können wir als Kleinbrauerei überhaupt nicht mithalten.“
    Jens Reinhart zum Preiskampf durch die Fernsehbiere

    Neben der Abfüllanlage für Flaschen gibt es eine zweite für Fässer. Waren die Fässer früher aus Aluminium, sind sie heute innen aus Edelstahl und außen aus Kunststoff und haben damit Vorteile bei der Lagerung und der Haltbarkeit.

    Bei der Waldschlossbrauerei werden 10- bis 50-Liter-Fässer abgefüllt, die größeren für die Gastronomie, die kleineren für Partys zum Anzapfen. Die Waldschlossbrauerei füllt etwa die Hälfte ihres Biers in Fässer, die Hälfte in Flaschen ab.

    An Sorten hat die Brauerei die Klassiker Export und Pils, außerdem Lager (ein dunkles Export), Kellerbier und im Winter Doppelbock. Das obergärige helle Hefeweißbier wird, da in Frammersbach nur untergärige Biere hergestellt werden, im Lohnbrauverfahren von der Ochsenfurter Kauzenbräu für die Waldschlossbrauerei gebraut. Nicht mehr im Angebot ist das Radler, das dunkle Weizen und das „1886“. Bei Radler sei das Problem, dass von den Großbrauereien so viele Radler auf dem Markt sind, dass es schwierig ist, dort Fuß zu fassen.

    Derzeit hat die Brauerei vier Mitarbeiter in der Produktion und beim Fuhrpark – davon sind drei Brauer –, einen Brauer- und Mälzerazubi – Reinharts Sohn Til –, und eine Mitarbeiterin im Büro. Außerdem arbeiten seine Mutter, die mit ihm die Brauerei leitet, und zweimal die Woche seine Frau mit. Die Kunden, die sich in einem Umkreis von 60 Kilometer befinden, liefert die Brauerei mit einem eigenen Fuhrpark an.

    Etwa halb-halb sind die Kunden Gastwirte und Getränkehändler. Von Mai bis Ende September werden auch Vereinsfeste mit den eigenen Ausschank- und Kühlwagen beliefert.

    Zum Trend der sogenannten Craft-Biere sagt Reinhart, dass der Begriff ja nichts anderes bedeute als handwerklich hergestellte Biere. Das mache auch die Waldschlossbräu, wenn auch in größerem Maßstab als eine Garagenbrauerei. Der Braumeister hofft auf einen guten Sommer – nicht zu heiß und nicht zu kalt und verregnet. Denn ein schöner Sommer ist dem Bierabsatz bekanntlich zuträglich.

    Die Waldschlossbrauerei in Frammersbach

    Zwei Pfarrer waren bei der Gründung der Frammersbacher Brauerei am 2. Februar 1886 maßgeblich beteiligt: Pfarrer Frank aus Wiesen und Pfarrer Kaufholz aus Bieber. Anfangs hieß sie „Spessarter Bierhalle“.

    Gründungszweck war, den Spessartbewohnern, die oft nur teures, importiertes und nicht selten gepanschtes Bier bekamen, ein reines und billiges Bier zu liefern und so auch gleich der auch im Spessart grassierenden „Schnapspest“ entgegenzuwirken.

    Erster Braumeister war ein Franziskanerpater. Im September 1886 wurde von der gegründeten Aktiengesellschaft die Karlsmühle erworben, der heutige Standort der Brauerei. Auf Antrag von Pfarrer Frank wurde die kostenlose Verabreichung von Bier an jene Spessartbewohner beschlossen, denen das gesunde Bier aus Krankheitsgründen vom Arzt verordnet wurde.

    Schon 1894 wurde die Brauerei verkauft, ein Jahr später wurde sie erneut versteigert und ging an den Brauereibesitzer Aichbichler, der sie an den Braumeister Carl Maultzsch, geboren 1870 in Berlin, weiterverpachtete, dessen Vater Besitzer einer Brauerei in Pirna (Sachsen) war. 1898 kaufte Carl Maultzsch, Urgroßvater des heutigen Braumeisters, die Waldschlossbrauerei.

    Weitere Artikel
    Fotos

      Kommentare (0)

      Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!