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    STOCKHEIM

    Für den NSU-Fiat von 1938 war ein Unfallschaden die Rettung

    195 historische Fahrzeuge waren am Wochenende beim 16. Oldtimertreffen in Stockheim zu bestaunen. Zu den alten Karossen gab es auch spannende Geschichten.

    195 angemeldete historische Fahrzeuge waren am Wochenende beim 16. Oldtimertreffen in Stockheim zu bestaunen. Neben 131 Autos, 35 Motorrädern und 29 Nutzfahrzeugen – Traktoren, Lastwagen und Transporter – kreuzten vor allem am Sonntag noch etliche Oldtimer – sicher auch wegen des schönen Wetters – auf dem TSV-Gelände auf. Am Nachmittag war der Platz komplett belegt; Organisator Wolfgang Klösel bat um Verständnis, weil mancher Oldtimer auf Besucherparkplätzen geparkt werden musste.

    Dass hier was Außergewöhnliches „los ist“, darauf wies ein Halbkettenfahrzeug, ein Opel Blitz „Maultier“, hin. Das war als Blickfang an der Auffahrt zum Sportplatz platziert. Rund 100 Fahrzeuge waren am Samstag für die 106 Kilometer lange Ausfahrt durch die bayerische, thüringische und hessische Rhön gemeldet.

    Kurze, teils heftige Schauer, fegten am Samstagnachmittag über Stockheim. Hat aber niemand groß gestört, die Teilehändler waren vorbereitet und deckten ihre Auslagentische ab. Tags darauf blieb es trocken, was zusätzliche Oldtimerfahrer und viele Besucher anzog.

    Oldie unter Oldtimern

    Wie immer, gab es am Sonntag eine Fahrzeugpräsentation. Edgar Reinhard aus Buttlar im Wartburgkreis präsentierte das älteste Auto. Sein Ihle BMW 3/15 stammt von 1929. Die Gebrüder Ihle aus Bruchsal bauten Karosserien auf gängige Kleinwagen. Die verbreitete Meinung, dass die typische Kühlermaske, die sogenannten BMW-Nieren von Ihle erfunden wurden, ist aber nicht belegbar. Reinhard war heuer das erste Mal in Stockheim. Er war fasziniert von Organisation und Gastfreundschaft. Ein Grund für den Ihle-Besitzer im nächsten Jahr die knapp 60 Kilometer mit der Kraft von 15 Pferden seines sportlichen Kleinwagens erneut zu bewältigen.

    Die ältesten Fahrzeuge waren heuer Motorräder. Eine „weiße Mars“ mit Beiwagen Baujahr 1920 aus Geisa wurde in Stockheim präsentiert. Der 1000 Kubik große Maybach Zweizylinder-Boxermotor leistet etwa acht bis zehn PS. Gestartet wird mit Handkurbel. Obwohl die Motorräder seinerzeit auch in anderen Farben lieferbar waren, ist dieser in Nürnberg gebaute Typ als die „weiße Mars“ bekannt.

    Aus dem selben Baujahr stammt die Motosachoce von Bernd Hornschuch, einem Stammgast beim Oldtimertreffen. Der 750 Kubikzentimeter Zweizylinder-V-Motor leistet 16 PS; der Sekundärantrieb ans Hinterrad erfolgt über den Lamellenkeilriemen. Motosachoce, auf deutsch Motortasche, war ein Schweizer Hersteller und galt bis zum Zweiten Weltkrieg als größter Produzent von Einbaumotoren in Europa.

    Durchaus spannend ist die Geschichte des NSU/Fiat 508 C von Christine und Dietmar Dohl aus Meiningen. Das Chassis – Fahrgestell und Motor – wurde 1938 im Fiat-Werk Berlin-Charlottenburg gebaut. Im Dresdener Karosseriewerk Gläser erfolgte die Montage der in Handarbeit hergestellten Cabriolet-Karosserie. Am 17. September 1938 hat Willi Zinn – der Vater von Christine Dohl – dieses Auto gekauft. Zinn war auch in der Sportwagenklasse im Rennsport mit einem 1100er Fiat Balilla Sport aktiv. Unter anderem beim Schauinsland-Rennen. Das Cabriolet der Familie Dohl war niemals abgemeldet und ist nun seit fast 80 Jahren im Familienbesitz. Der Requirierung durch die Wehrmacht entging der NSU/Fiat. Weil dieser wegen der Reparatur eines Unfallschadens komplett zerlegt war und umfangreiche Aufbauarbeit anstand, wurde das Auto nicht konfisziert.

    Im Laufe der Jahre wurde eine andere Lackierung aufgebracht. Wegen Ersatzteilmangel kam 1965 ein Drei-Zylinder und Zweitakt Wartburg-Motor mit Getriebe unter die Gläser-Haube. Seit drei Jahren ist das NSU/Fiat Gläser Cabriolet sowohl im Farbton als auch mit Original-Motor wieder im Auslieferungszustand. Und ein Blickfang bei jedem Treffen, wenn Dietmar und Christine Dohl vorfahren.

    Nachfolge im VEB

    Nachfolgebetrieb der Gläser-Karosserie GmbH wurde übrigens der VEB Karosseriewerk Dresden. Dieser fertigte unter anderem Karosserien für den IFA F8, den IFA P 240 „Sachsenring“, und Wartburg-Varainten. Heute sind die Karosseriewerke Dresden GmbH (KWD) Zulieferer für die Automobilindustrie.

    Nach dem Krieg versuchte Gläser-Chef Erich Heuer im Westen einen Neuanfang. Nahe Weiden in der Oberpfalz entstanden 200 Cabriolet-Karosserien für den Porsche 356. Und 15 Alu-Karosserien für den Porsche „America Roadster“, dem Vorläufer des Speedsters. 1952 wurde der Gläser Betrieb eingestellt.

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