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    MELLRICHSTADT

    70 Minuten höchste Klasse: Brahms Requiem in St.Kilian

    Der Sängerverein Mellrichstadt hat sich mit dem Deutschen Requiem von Johannes Brahms selbst übertroffen. Die Aufführung in der Stadtpfarrkirche war ganz große Kunst.

    Im Abstand von mehreren Jahren holt der Sängerverein Mellrichstadt gerne zum großen Wurf aus. Die Carmina Burana gab es bereits, Haydns Schöpfung ebenso. Jetzt pflückte der Sängerverein mal wieder ganz besonders hoch hängende Früchte und vor allem Lorbeeren: Das Deutsche Requiem von Johannes Brahms, eines der komplexesten und anspruchsvollsten Werke seiner Art, kam in der Stadtpfarrkirche St. Kilian zur Aufführung.

    Ein großes Werk

    Als der große Projektchor in den Altarraum trat und hinter dem opulenten Orchester seinen Platz fand, konnte man geradezu die Spannung im Kirchenraum knistern hören. Das Brahms-Requiem! Mozart, Haydn, Fauré, sie alle haben eine Totenmesse komponiert. Aber Brahms hat dieser Werkgattung die Krone aufgesetzt, hat vieles anders gemacht als seine Vorgänger. Und vor allem schwieriger.

    Höchste Höhen für den Sopran, lange tragende Passagen und eine umfangreiche Orchestrierung sorgen für Höchstschwierigkeiten in der sängerischen wie instrumentellen Umsetzung. Heinz Pallor focht das alles nicht an. Der Leiter des Chors des Sängervereins, der dieses Amt seit fast 30 Jahren ausübt, ist bekannt dafür, dass er vor großen Namen und noch größeren Werken nicht zurückschreckt.

    Mit aller Kraft

    „Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden.“ Mit einem Auszug aus dem Matthäus-Evangelium beginnt das Requiem von Johannes Brahms, das dieser vor ziemlich genau 150 Jahren komponiert hat. Der Chor gibt gleich zu Beginn alles, lässt bald die Anfangsnervosität hinter sich. Und man merkt sogleich, wie jeder einzelne der rund 80 Sängerinnen und Sänger mit aller Kraft und Vehemenz in dieses Requiem hineingeht.

    Auf der Höhe auch das Meininger Residenzorchester, das sich so weit ausgebreitet hatte, dass es sogar bis in die Seitenkapellen ausweichen musste. Heinz Pallor agierte in seiner unnachahmlichen Art des Dirigierens – voller Inbrunst, mit Leidenschaft, vor allem auch Sicherheit und Ruhe ausstrahlend. Ein gebührender Auftakt.

    70 Minuten höchste Klasse

    Nicht allein die Mitglieder des Sängervereins hatten sich monatelang auf dieses Werk vorbereitet. Auch der Kammerchor des Martin-Pollich-Gymnasiums hatte keine Mühen und vor allem Sonderproben gescheut, um bei diesem Gesangserlebnis mit dabei zu sein.

    Der große Projektchor, ein umfangreiches Orchester, eine Werbemaschinerie, die für eine bestens mit Zuhörern gefüllte Kirche zur Aufführung sorgte, machten deutlich, wie viele Hände, Köpfe und Geldgeber hinter diesem ziemlich exakt 70-minütigen Konzert standen.

    Johannes Brahms hatte in den Jahren 1861 bis 1868 Texte wie Kompositionen für sein Deutsches Requiem zusammengestellt. Eine reine „Totenmesse“ komponierte er allerdings wohlwissend nicht, vielmehr nahm er Versatzstücke aus der Bibel und reihte diese konzeptorisch aneinander. So finden sich Auszüge aus Psalmen, Evangelien, Jesus Sirach, den Hebräer- und Petrusbriefen genauso wie aus der Offenbarung des Johannes.

    Ein biblisches Bild

    Daraus ergibt sich ein breit gefächertes biblisches Bild mit unterschiedlichen Motiven, die selbstverständlich Trauer wie Hoffnung thematisch in sich tragen und so dem Komponisten die Freiheit geben, ganz nach eigenem Gutdünken die Werke zu gestalten. „Zum Trost derer, die da Trauer tragen“, wie Brahms selbst bemerkte.

    Um einzelne Passagen des Requiems besonders hervorzuheben, bediente sich Brahms der Soli. Im Dialog mit dem Chor sang Bariton Alban Lenzen auf beeindruckende Weise das „Herr, lehre doch mich, dass ein Ende mit mir haben muss, und mein Leben ein Ziel hat“. Ihre Höchstschwierigkeit meisterte Sopranistin Elif Aytekin nach Anlaufproblemen in der Arie „Ihr habt nun Traurigkeit“ ebenso beeindruckend wie mit Würde und Strahlkraft.

    Beeindruckender Bariton

    Der Höhepunkt dann im sechsten der insgesamt sieben Sätze der Auferstehung. Bariton Alban Lenzen glänzend in „Siehe, ich sage euch ein Geheimnis“. Die Dramatik dieses Satzes breiteten Chor wie Orchester ausführlich aus – wie im Chorgesang „Denn es wird die Posaune erschallen und die Toten werden auferstehen unverweslich“ aus dem Korintherbrief.

    Der finale siebte Satz schließlich Trauerarbeit und Hoffnung. Dessen Schlussakkord klang ganz leise und getragen aus, es folgte ein Moment des ungläubigen Staunens ob dieser immensen Leistung von Chor, Orchester, Solisten und Dirigent. Dann erhoben sich die Zuhörer unisono von den Plätzen und bekundeten minutenlang mit Ovationen ihre Begeisterung für dieses einmalige Konzertereignis. Zu Recht: Kammerchor wie Sängerverein, Solisten und das stets präsente Meininger Residenzorchester samt Dirigent waren in diesem Konzert über sich hinaus gewachsen. Der Sängerverein kann ganz groß auftrumpfen, wenn er alle paar Jahre einmal will.

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