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    BAD NEUSTADT

    Das Wetter weist den Weg

    Nachwuchswerbung mal anders. Der Aero-Club Bad Neustadt hat ein neues Ausbildungskonzept für angehende Segelflieger.

    Wenn sich der Segler in die Höhe schraubt und lautlos durch die Luft gleitet, das ist Freiheit – über die Faszination, die dem Segelfliegen innewohnt, schwärmen Flugschüler des Aero-Clubs Bad Neustadt: „Wenn du oben bist, dann bist du weg vom Alltag und lebst nur im Hier und Jetzt“, sagt einer. Die völlige Konzentration auf das Fliegen, die sportlichen und technischen Herausforderungen sind für den Nächsten reizvoll, während wieder ein anderer begeistert davon erzählt, dass er die Welt aus einer ganz anderen Perspektive erlebt.

    Die fünf Neuen des Aero-Clubs, die über ihre ersten Flugerfahrungen schwärmen, werden nach einem neuen Konzept ausgebildet, berichtet zweiter Vorsitzender Patrick Schelenz: Erst verbringen die Schüler viel Zeit mit Fliegen. Das macht Spaß, gibt Selbstbewusstsein und erhöht die Bereitschaft dafür, die Theorie zu pauken, die man für den Flugschein braucht.

    Dieses neue Konzept hat sich der Aero-Club einfallen lassen, weil er, wie andere Vereine auch, Nachwuchsprobleme hat. In den vergangenen Jahren hat der Verein Schnupperstunden angeboten und durchaus auch Jugendliche für den Flugsport begeistern können. Aber: Segelfliegen darf man ab 14, den Flugschein kann man mit 16 Jahren machen. Bis sie den haben, sind die jungen Leute in einem Alter, in dem man sich beruflich oder schulisch neu orientiert, was oft mit einem Wegzug verbunden ist.

    Um Flugbegeisterte dauerhaft an den Verein zu binden, hat man das neue Konzept entwickelt. Und das lässt man sich auch etwas kosten: Im Mai vergangenen Jahres gab es den Schnuppertag „Ein Tag im Cockpit“. Bei dieser Gelegenheit stellte der Verein sich und seine Angebote vor, Besucher lernten den Flugplatz kennen, nahmen vier vereinseigenen Segelflugzeuge und die zwei Motorflugzeuge unter die Lupe und durften auch mal mitfliegen.

    Fünf Teilnehmer waren so angetan, dass sie beschlossen, dem Verein beizutreten und fliegen zu lernen. Schon kurz darauf verbrachten sie mit finanzieller Unterstützung des Aero-Clubs eine Woche auf der Wasserkuppe – und gingen dort sofort in die Luft. Natürlich nicht alleine: Vorne sitzt der Schüler, hinten der Lehrer. Bis man alleine abheben darf, braucht es erfahrungsgemäß 50 begleitete Flüge. Begeisterung wecken, Flugerfahrung machen, so viele Starts und Landungen wie möglich absolvieren, ein Gefühl fürs Fliegen bekommen – das waren die Ziele dieses Workshops, der von ehrenamtlichen Fluglehrern des Aero-Clubs begleitet wurde. Das Konzept ging auf: Nach dieser intensiven Woche waren die fünf Neuen zu einer harmonischen Gruppe zusammengewachsen, vier Männer zwischen 25 und 54 Jahren und das Nesthäkchen Steffi (20). Sie ist als Einzige vom Fach und hat als Fluggerätemechatronikerin jede Menge theoretisches Wissen parat. Und was mag sie am Fliegen? „Flugzeuge sind mega-interessant und Flughäfen sind für mich magische Orte.“

    Magische Momente erhoffen sich die Team-Mitglieder, wenn sie erst einmal den Flugschein in der Tasche haben: Ohne Motor hunderte von Kilometern dorthin zu fliegen, wohin Wind und Thermik sie tragen, Streckenflüge zu machen oder gar an Wettbewerben teilzunehmen.

    Doch bis dahin müssen sie nicht nur Flugroutine bekommen, sondern sich auch viel theoretisches Wissen aneignen und am Ende Prüfungen ablegen. Denn wenn sie im Segelflugzeug unter den Wolken ihre Kreise ziehen, verlassen sich die Piloten allein auf ihre Fähigkeit, die Wolken und das Wetter zu lesen.

    Für die Vermittlung dieses Wissens ist unter anderem Fluglehrer Peter Gehret zuständig. Jetzt im Winter, wenn die Segelflugzeuge am Boden bleiben, ist mittwochabends Theorie angesagt. Unterrichtsfächer sind Funk, Luftrecht, Technik, Navigation, Aerodynamik, menschliches Leistungsvermögen und Verhalten in besonderen Fällen. Peter Gehret ist ein echter Veteran auf dem Grasberg und hat schon viele Neulinge ausgebildet.

    Er unterrichtet sie, schickt sie auf Probeflüge und fliegt ab und zu noch mit, „damit sich keine Fehler einschleichen“. Auf die Frage, ob Fliegen nicht ein gefährlicher Sport sei, antwortet er ganz abgeklärt: „Das Gefährlichste am Fliegen ist die Fahrt zum Flugplatz.“

    In jedem der Fächer, die Gehret unterrichtet, werden die Schüler am Ende eine Prüfung ablegen. Eine fliegerärztliche Untersuchung ist Voraussetzung für die Prüfung, ebenso wie der Nachweis von Streckenflügen und Flugstunden mit und ohne Fluglehrer. Der krönende Abschluss ist dann die praktische Prüfung. „Ein paar Starts und Landungen, und dann hat man den Schein“, sagt Patrick Schelenz (22), der seit seinem 16. Lebensjahr fliegt. Ist Segelfliegen nicht ein recht teueres Hobby? Die Flugschüler winken ab. Zwei Jahre brauchen sie bis zum Flugschein. Gegen eine geringe Gebühr können sie die vereinseigenen Maschinen Fliegen. In den zwei bis drei Jahren, die man erfahrungsgemäß für den Flugschein braucht, wird jeder von ihnen alles in allem ungefähr 2500 Euro in sein Hobby investiert haben.

    Der nächste Tag im Cockpit beim Aero-Club ist am 28. April 2018, die „Woche für Neugierige“ findet vom 20. bis 26. Mai 2018 statt. Informationen und Anmeldung unter Tel. (09771) 686342 oder unter ichwillfliegen@ac-nes.de

    „Flugzeuge sind mega-interessant und Flughäfen sind magische Orte.“
    Steffi, Flugschülerin und einzige Frau im Team

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