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    MELLRICHSTADT

    Zehn Töchter und ein kluger Spiegel

    Schultheater im besten Sinn erlebten die Zuschauer an der Ignaz-Reder-Realschule. Dort führten die Schüler das Stück „Die zertanzten Schuhe“ auf.

    Schultheater im besten Sinn erlebten die Zuschauer zweimal an der Mellrichstädter Ignaz-Reder-Realschule. Dort führten 13 Mädchen und zwei Jungen aus der 6. bis 9. Klasse „Die zertanzten Schuhe“ auf.

    Wer mit der Erwartung kam, eine Bühneninszenierung des Märchens der Brüder Grimm zu erleben, sah sich getäuscht. Aus dem diffusen Licht einer märchenhaften Vergangenheit hatte Autorin Marlene Skala die Handlung in die Gegenwart mit witzigen Anspielungen und Anachronismen verlegt.

    Die Tochter samt Königreich

    Von der Vorlage übrig blieb nur noch ein grantiger König, dem die Nacht für Nacht durchgetanzten Schuhe seiner Töchter so gewaltig auf den Geist gehen, dass er demjenigen, der hinter das Geheimnis der Schuhe kommt, eine seiner Töchter samt Königreich verspricht. Diese zehn Damen haben bei Skalas Bearbeitung als Figuren Kontur: Jede von ihnen ist ein Typ.

    Da ist die schöngeistige Träumerin (Selina Dietz); da gibt es eine Burschikose, die am liebsten im Fußballdress herumläuft (Jenny Dankert); da tritt ein typischer Zwilling auf (Natalie Görig und Milana Liebst), da zickt eine Zicke herum (Giulia Lörzel) mit Chantal (Vanessa Schirmer); da gibt es ein Dummchen, das seine Not mit Fremdwörtern hat (Claudia Schirber); da sind eine Jüngste (Anne-Marie Weiß) und eine Älteste (Emelie Schäfer), die sich was darauf einbilden, dass sie die Jüngste oder die Älteste sind.

    Natürlich und textsicher

    Und da gibt es die Klugscheißerin mit arroganter Buchweisheit, wunderbar verkörpert von Blanka Sluzalek – die wie alle anderen Mädchen mit Spielfreude, entspannter Natürlichkeit und mit Textsicherheit ihre Rollen verkörperten. Den König stellte Sarah Schraml überzeugend dar, an seiner Seite die prächtig anzusehende Königin (Lisa Eckert).

    Nicht zu der blaublütigen Königsfamilie zählen der aufwändig kostümierte Diener Leopold (Henry Landgraf) und der Gärtner (Lena Bohland), dem das Erlösungswerk zugedacht ist, allerdings nicht ohne Hilfe des sprechenden Spiegels (David Müller), der seinen eigenen Rahmen herumträgt. Der ist eine Anleihe an Schneewittchen, was witzige Wortspiele ermöglicht.

    Kommntare zum Geschehen

    Zugleich kommt ihm, desillusioniert und frustriert wie er ist über die Torheiten der verblendeten zehn Prinzessinnen, fast die Rolle des Chors der klassischen griechischen Tragödie zu, wenn er enthüllende Kommentare zum Geschehen abgibt, mit den Personen ins Gespräch kommt und dem Gärtner schließlich den entscheidenden Rat gibt, nicht den ihm dargereichten Trunk zu schlucken. Denn der lässt ihn in der Nacht statt zu wachen einschlafen, was ihm den Kopf hätte kosten können.

    Statt wirklich zu leben haben die zehn Königstöchter in den durchtanzten Nächten immer von ihren Märchenprinzen geträumt, sind darüber alt und teilweise hässlich geworden und haben ihr Leben versäumt.

    Zum Schluss das Happy-End

    Nur die Burschikose mit dem Faible für Fußball hatte für ihren Sport zu leben gewusst, hatte mit dem Gärtner zwischen den Rosen gespielt, und so wundert es nicht, dass die zwei den Gleichklang ihrer Seelen entdecken und am Ende das zum Märchen gehörende Happy-End-Brautpaar abgeben. Lena Bohland und Jenny Dankert bekamen für ihre sympathische Verkörperung ihrer Rollen den besonders anerkennenden Beifall des Publikums. Den hatten sich aber auch David Müller und Sarah Schraml, die beide viel Text sprechen mussten, verdient, nicht weniger als alle anderen Akteure.

    Stefan Lochner, der als stellvertretender Schulleiter seinen erkrankten Chef vertrat, dankte allen Schülern für dieses humorvoll-vergnügliche, unterhaltsame Schauspiel, ebenso den Lehrerinnen Marina Fries und Katharina Väth, die, assistiert von der ehemaligen Realschülerin Shana Braungart-Zink, das Stück einstudiert hatten. Dazu hatten sie eine einwöchige Theater-Auszeit in Bad Königshofen genommen.

    Einfallsreiches Bühnenbild

    Einfallsreich war auch das Bühnenbild gestaltet – wie ein Jungmädchenzimmer mit vielen Accessoires, Kosmetik und ungemachten Betten. Ein cleverer dramaturgischer Trick waren die Einblendungen auf der Rückwand, die einen Blick in den königlichen Garten freigaben und die Träume der Prinzessinnen von ihren Märchenprinzen anschaulich werden ließen.

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