• aktualisiert:

    OBBACH

    Streuobstwiesen: Kardinal Bea trifft Kaiser Wilhelm

    Rund um viele Dörfer gibt es Streuobstwiesen. Auch am Schlossgut Obbach. Hier wachsen 61 Apfelsorten, darunter viele alte Sorten.

    Alles klangvolle Namen: Geheimrat Oldenburg, Kaiser Wilhelm, Finkenwerder Herbstprinz, Schöner von Nordhausen oder Kardinal Bea. Dahinter verbergen sich alte Apfelsorten, die in Teilen des Landkreises eine Renaissance erleben. Sie wachsen auf Streuobstwiesen, die mit viel Herzblut gepflegt werden. Damit die Artenvielfalt nicht weiter dezimiert wird.

    Rund um etliche Dörfer gibt es noch Streuobstwiesen, in denen über die Fläche verstreut – daher der Name – verschiedene Äpfel-, Birnen- oder Zwetschgenbäume wachsen. Mancherorts kümmern sich Privatpersonen oder eigens gegründete Initiativen darum, wie beispielsweise in Hausen bei Schonungen. Dort werden solche Bestände nachgepflanzt, verjüngt, gepflegt und das Obst verwertet. Andernorts liegen solche Streuobstwiesen brach, Gemeinden als Eigentümer können die Bäume mit ihren Früchten nicht mehr an den Mann bringen.

    Rückbesinnung auf alte Obstsorten

    Dass es aber auch eine Rückbesinnung auf alte Obstsorten, speziell Äpfel, gibt, stellt das Betriebsleitereh

    epaar am Naturland-Betrieb des Schlossguts Obbach fest. „Die Kunden wollen den Einheitsgeschmack nicht mehr“, argumentiert Agraringenieurin Petra Sandjohann. „Da gibt es ein neues Bewusstsein, vor allem bei jungen Familien.“

    Weil ihnen zum einen das Landschaftsbild mit den Streuobstwiesen, vor allem aber die dortige Artenvielfalt mit Pflanzen und Tieren, besonders Insekten, ein großes Anliegen ist, kümmern sich die Betriebsleiter intensiv um ihre Bäume. Mittlerweile wachsen am Schlossgut 61 verschiedene Apfelsorten, wobei viele alte Sorten wieder angepflanzt wurden. „Als wir vor 20 Jahren hier angefangen haben, haben wir gleich im ersten Jahr 100 junge Bäume gesetzt“, erinnert sich Bernhard Schreyer. „Das ist immer eine Investition in die Zukunft, sonst würde hier wohl nicht mehr viel stehen“, meint er und deutet auf die große Streuobstwiese am Sauberg hinter dem Schlossgut, wo neben dicken alten Stämmen viele junge Bäumchen stehen.

    Neben Äpfeln wachsen unter den gut 250 Streuobstbäumen des Bio-Betriebes noch 22 Birnensorten sowie diverse Zwetschgen-, Pflaumen- und Kirschensorten. Ergänzt wird die Obstvielfalt durch eine große Aprikosenplantage plus Mirabellen und Aprimira. Der Obstbau samt Direktvermarktung der Früchte, als Tafelobst oder Apfelsaft, ist eines der wirtschaftlichen Standbeine des Betriebes.

    Gute Krankheitsresistenz

    Als großen Vorteil der alten Apfelsorten empfindet Petra Sandjohann ihre gute Krankheitsresistenz. Jüngere Züchtungen für Plantagen wie Topaz oder Pinova hätten dagegen häufig mit Schorfproblemen zu kämpfen. Grund sei, dass in vielen Neu-Züchtungen der bekannte Golden Delicious eingekreuzt ist, ein sehr ertragreicher Apfel, der schon am einjährigen Holz Früchte trägt. „Normalerweise ist das erst im zweiten Jahr der Fall“, erklärt die Fachfrau. Über die Delicious-Gene komme aber auch der Schorfpilz an die neueren Sorten.

    Dagegen hänge ein alter „Kardinal Bea“ immer gesund am Baum, versichert sie. Oder auch der „Gewürzluiken“, ein alter Lagerapfel, habe noch nie Schorf gehabt. „Total gesund“ sei auch der „Rheinische Bohnapfel“, der ihrer Ansicht nach auf jede Streuobstwiese gehört. Dass zunehmend mehr Menschen allergisch gegen bestimmte Äpfel reagieren, könnte ebenfalls mit den Neuzüchtungen für den Intensivobstanbau zusammenhängen. Wie die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft erklärt, enthalten die säurereichen alten Streuobst-Äpfel viele Stoffe, die in den neuen Sorten nur in geringer Menge vorhanden sind, etwa Polyphenole. „Sie sind dafür verantwortlich, dass sich das Fruchtfleisch beim Schneiden braun verfärbt“, erklärt Petra Sandjohann. Aus optischen Gründen wurde das aber weggezüchtet. Und: Die Neuzüchtungen geben auch dem Trend nach süßeren Äpfeln nach.

    Große Geschmacksvielfalt

    Von jeher gibt es für jeden Verwendungszweck geeignete Äpfel: Zum Backen, Verzehren, Lagern oder Versaften. „Früher war mehr Wissen über die Äpfel vorhanden, da hat jeder seinen Streuobstgarten gehegt. Heute ist das verloren gegangen“, resümiert Petra Sandjohann.

    Sie selbst kennt sich aus mit ihren Bäumen und schätzt die Geschmacksvielfalt. Sie schwärmt vom Gravensteiner und seinem starken Duft samt Aroma oder vom erdig-nussigen Geschmack der Goldparmäne. „Ein guter Backapfel ist der Gelbe Edelapfel mit gelbem Fleisch“, zählt sie auf. Überaus lecker zum Essen sei die Zabergäurenette, ein Lagerapfel, aber auch der aromatische rote Jakob Fischer, den man gleich verzehren müsse. Oder der ganz alte Klarapfel, der schon ab Anfang August geerntet wird und sofort verwendet werden muss, weil er sonst mehlig wird. „Für Apfelmus und Kuchen ist er prima geeignet.“

    Auch wenn immer mehr Menschen den Genuss von Saft aus eigenen Äpfeln schätzen, was angesichts von kleinen Keltereien wie in Greßthal und Vereinen wie in Schleerieth noch möglich ist, nehmen Streuobstbestände immer weiter ab. Zahlen liefert die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft: Wurden 1965 noch 20 Millionen Obstbäume in Bayern gezählt, sind es 2017 nur noch 5,8 Millionen, ein Verlust von über 70 Prozent. Jährlich gehen etwa weitere 100 000 Streuobstbäume verloren.

    Damit die Bevölkerung im Landkreis den Wert solcher Bäume neu entdecken und sich über die fruchtigen Schätze dort informieren kann, hat der Obst- und Gartenbauverein Schleerieth einen Obstpfad rund ums Dorf eingerichtet. An acht Stationen wird auf dem 2,5 Kilometer langen Rundweg Spannendes, Nützliches und Unterhaltsames rund um das Streuobst vermittelt.

    Sommerserie

    Schweinfurter Land und Leute von A bis Z Zu einer kleinen Reise durch den Landkreis Schweinfurt laden wir Sie ab heute ein: Von A wie alte Apfelsorten bis Z wie Zukunftsaussichten.

    Die Autorinnen Silvia Eidel und Ursula Lux stellen in unregelmäßigen Abständen Menschen, Ereignisse, Orte, Erinnerungen vor.

    Beispiele? Die neue Kirche in Waigolshausen hat sich zu einem Touristenmagneten entwickelt, die Führungen sind begehrt. Wir berichten von jungen Menschen, die Kirchenorgel spielen und von einem ehemaligen Polizisten, der seine Leidenschaft im Holzschnitzen entdeckt hat. Wir haben auch ein Plootz-Rezept im Angebot, stellen den Chor des Landratsamtes vor, schauen mal am Lehrbienenstand vorbei und gehen auf die Suche nach besonderen Quellen. In dieser Serie erinnern wir auch an ein ganz besonderes Jubiläum: 175 Jahre Kronprinzenhochzeit. Das hat nämlich was mit einem Brautpaar aus dem Werntal zu tun.

    Die einzelnen Beiträge sind zusammengefasst zu finden unter www.mainpost.de

    Weitere Artikel
    Fotos

      Kommentare (0)

      Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!