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    KREIS SCHWEINFURT

    Keine Blutsauger, sondern Nutztiere

    Im Landkreis Schweinfurt werden ehrenamtliche Fledermausschützer gesucht. Sie sollen die nachtaktiven Tiere in der Dämmerung beobachten.

    Ein schneller Schatten im Schein der Straßenlampe: So hat wohl jeder schon einmal eine Fledermaus wahrgenommen. Die wenigsten aber kennen solch ein Tier aus der Nähe oder wissen Genaueres, stattdessen kursieren abenteuerliche Märchen. Fakt ist: Die allermeisten Fledermausarten sind in ihrem Bestand bedroht und stehen auf der Roten Liste. Aufklärung und Schutz sind nötig, weshalb im Landkreis Schweinfurt eine Initiative für mehr ehrenamtliche Fledermausschützer gestartet wird.

    Großes Mausohr, Braunes Langohr, Bechsteinfledermaus und Fransenfledermaus sind die vier Arten, die das Gochsheimer Ehepaar Helene und Karl Günzel als gängig in ihrer Gemeinde bezeichnen. Die 73- und 74-jährigen ehrenamtlichen Naturschützer kennen sich aus. Schließlich liegt ihnen schon seit über 30 Jahren der Artenschutz am Herzen. Vögel, Ameisen, Kröten oder eben Fledermäuse brauchen Fürsprecher in der Bevölkerung.

    470 Nistkästen aufgestellt

    „Wir klären auf, machen Führungen für Familien, wir sind Ansprechpartner für die Leute“, sagt Helene Günzel. Mit ihrem Mann stellt sie Nistkästen auf, in denen Vögel brüten können und die auch von den Fledermäusen als Quartier für die Wochenstube bezogen werden, dazu eigene für Fledermäuse, insgesamt 470 Kästen. Sie kontrollieren regelmäßig und säubern diese Kästen. „Das ist harte Arbeit“, meint Helene Günzel. Bei der einige Helfer mehr hilfreich wären. Zwischen 80 und 220 Fledermäuse zählt Karl Günzel pro Jahr in der Gemarkung.

    Vor allem muss das Ehepaar Überzeugungsarbeit leisten und den Leuten die Angst vor den nachtaktiven Fliegern nehmen. „Das sind doch nützliche Tiere.“ Ihre Quartiere auf Dachböden, in Kellern oder in Mauerspalten sollten geduldet werden.

    Von den 23 Arten, die in Bayern vorkommen, sind manche gefährdet, die meisten aber bedroht, klärt Jürgen Thein auf. Der Biologe leitet ehrenamtlich den Arbeitskreis Fledermaus Haßberge und will auch im Landkreis Schweinfurt mehr solche Tierschützer gewinnen. Dahinter steht das Bayerische Landesamt für Umwelt und seine Koordinierungsstelle für Fledermausschutz Nordbayern, die an der Uni Erlangen angesiedelt ist.

    Grund des Artenrückgangs ist der Verlust des natürlichen Lebensraumes, erläutert Thein: in den Siedlungen die Veränderungen und Sanierungen an Gebäuden, in den Wäldern eine auf Wirtschaftlichkeit ausgerichtete Forstwirtschaft ohne alte, rissige Bäume und in der Landschaft die zunehmende Industrialisierung der Landwirtschaft. „Die Fledermäuse finden zu wenig Futter.“

    Weltweit gibt es 1200 Arten

    Dabei sind Insekten und Gliedertiere wie Spinnen ihre einzige Nahrung. „Bei uns gibt es keine blutsaugenden Arten, und die Fledermäuse fliegen auch nicht in die Haare“, räumt der Biologe mit alten Schauergeschichten auf. Weltweit und besonders in tropischen Gebieten gibt es 1200 Arten, in denen das wärmeliebende Säugetier heimisch ist.

    Dass durch konkrete Aufklärung Quartiere erhalten werden können, zeigt Thein am Beispiel von Schloss Sulzheim. „Dort treffen sich im Sommer viele Fledermäuse von der Art Großes Mausohr, die auffälligerweise gemeinsam in großen Wochenstuben ihre Jungen aufzieht.“ Über 1000 Tiere bevölkern dann den Dachboden des Schlosses. Gemeinsam mit dem Eigentümer haben die Fledermausschützer eine Lösung gesucht und gefunden.

    Schwieriger ist es im Wald, wo man nicht weiß, wo die Fledermäuse hängen. Hier sei der Austausch mit den Waldbesitzern nötig, um Sensibilität für die Tiere und deren Quartiere zu entwickeln. Nistkästen seien nicht immer eine Lösung, vielmehr bräuchten die Fledermäuse natürliche Spalten und Höhlen.

    Dazu muss allerdings erst eruiert werden, wo die geschützten Tiere überhaupt vorkommen. Auch dazu braucht man Helfer. „Man muss nicht viel können“, will Thein möglichen Freiwilligen die Scheu nehmen. Man muss nur beobachten, wo die Fledermäuse in der Dämmerung ein- und ausfliegen.

    Körperfunktionen werden auf Sparflamme zurückgefahren

    In ihrem frostsicheren Winterquartier, in unterirdischen Verstecken wie Felsenkellern, verschlafen derzeit die Tiere die ungemütliche und nahrungsarme Jahreszeit, indem sie ihre Körperfunktionen auf Sparflamme zurückfahren, erläutert der Biologe.

    Für ihn ist die Beschäftigung mit den Fledermäusen total spannend. „Hätten Sie gewusst, dass sie in unseren Breiten zu den nächsten Verwandten des Menschen gehören?“ Erstaunliche Übereinstimmungen im Körperbau, etwa in der Ähnlichkeit von Armen und Fingern, faszinieren ihn. Wie auch die Fähigkeit, sich mit ihrem Echo-Ortungssystem bei völliger Dunkelheit zur orientieren.

    Begeistert von Fledermäusen ist seit seiner Kindheit auch Thomas Fuchs von der Bund-Naturschutz-Gruppe Werneck. Seit zwei Jahren gibt es deshalb dort eine Projektgruppe mit Kindern, die Öffentlichkeitsarbeit betreibt, Führungen hält oder auch Kästen aufhängt. Bei der Kontrolle sind die Jugendlichen dabei. Ihnen zu vermitteln, wie wichtig die Artenvielfalt ist und dass Naturschutz Spaß macht, ist Fuchs ein Anliegen.

    Informationsveranstaltung:
    Über „Fledermäuse und Fledermausschutz in Bayern“ wird am Freitag, 24. November, um 19 Uhr im evangelischen Pfarrsaal Werneck, Balthasar-Neumann- Straße 23, informiert. Im Auftrag des Bayerischen Landesamts für Umwelt und der Koordinationsstelle für Fledermausschutz Nordbayern berichten die Biologen Jürgen Thein und Dietmar Will über ihre Bemühungen im Landkreis Haßberge. Bei weiteren Veranstaltungen werden Tipps zum praktischen Schutz und zur Erforschung der Bestände vermittelt. Auch gemeinsame Begehungen von Sommer- und Winterquartieren werden angeboten.

     

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