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    LKR. SCHWEINFURT

    Machen die Auflagen die Kirchweih-Umzüge kaputt?

    Seitdem ohne TÜV-Abnahme niemand mehr auf dem Wagen mitfahren darf, ist es an Kirchweih und Fasching auf den Dörfern nicht mehr, wie es einmal war.

    Dieser Kirchweihumzug ist in Deutschland leider nicht verfügbar, da er Tradition enthält, für die die erforderlichen Rechte vom zuständigen Landratsamt nicht eingeräumt wurden. Das tut uns leid.

    Zu lesen war dies auf Plakaten, die die Prediger Oliver Grimme, Jan Markert und Martin Warmuth an der Spitze des diesjährigen Kirchweihumzuges in Mönchstockheim präsentierten.

    Mit bitterer Ironie reagierte man so auf die Auflagen und Hinweise des Landratsamtes Schweinfurt, das erstmals ganz dezidiert das Mitfahren von Personen auf nicht dafür zugelassenen Umzugswagen oder Fahrzeugen verhinderte. Auch in Dingolshausen und anderen Dörfern wie Michelau und Alitzheim sehen Kirchweihjugend, Bürgermeister und Bürger altüberkommenes Brauchtum in Gefahr.

    Im Landratsamt kann und will man die Aufregung nicht verstehen. Vom Grundsatz her habe sich im Grunde nichts wirklich Gravierendes geändert, ist von dort zu hören.

    Bleibt es aber bei dieser Rechtslage, werden ebenso die Faschingsumzüge nicht mehr in der bisherigen Form mit obenauf sitzenden und vielfach stehenden Akteuren stattfinden können. Obendrein werden auch zur Sicherung der Wagen beiderseits nebenher laufende Ordner im Fasching das Bild prägen.

    Keine stillschweigende Tolerierung mehr

    Tatsache ist, dass das was lange offenbar stillschweigend toleriert wurde, nun nicht mehr toleriert und von Genehmigungsbehörden und Polizei genau hingeschaut wird.

    In erster Linie geht es darum, dass Personen nur auf solchen Anhängern mitfahren dürfen, für die eine spezielle Genehmigung für die Personenbeförderung vorliegt.

    Dazu muss das Fahrzeug vom TÜV zugelassen worden sein. Eine TÜV-Abnahme kann allerdings erst erfolgen, wenn die technischen Voraussetzungen gegeben sind.

    Ansonsten ist die Mitfahrt auf der Ladefläche von Kraftfahrzeugen oder auf Anhängern während des Umzugs verboten. So steht es auch in der verkehrsrechtlichen Anordnung, die der Veranstalter zur Sperrung von Kreis- und Staatsstraßen für die Umzüge benötigt.

    Dies hatte zur Folge, dass die Kirchweihprediger diesmal nur zur Predigt auf den dann stehenden Wagen kletterten, während des Umzugs jedoch nebenher liefen, um nicht Gefahr zu laufen, dass bei einer Kontrolle oder auch später per Identifizierung auf Fotos gegen sie Bußgelder von der Polizei verhängt werden konnten, wenn sie dennoch während des Umzugs auf fahrenden Hängern gestanden oder gesessen hätten.

    Was ist zum Schutz, was überzogen?

    Was ist nun an den Auflagen zum Schutz der Umzugsteilnehmer und Zuschauer und was möglicherweise überzogen? Denn auch das muss man sehen: Passiert etwas ohne TÜV-Abnahme der Wagen, weigern sich die Versicherungen zu zahlen. Wäre ein verunglückter Teilnehmer etwa nicht mehr in der Lage, zu arbeiten, bekäme er schlimmstenfalls keine Entschädigung gezahlt. Außerdem wäre die Gemeinde haftbar, sofern sie die Mitfahrt nicht ausdrücklich untersagt hat.

    Kein Blatt vor den Mund nimmt allerdings Dingolshausens Bürgermeister Lothar Zachmann, immerhin seit 1996 im Amt und damit dienstältester Rathauschef im weiten Rund. Er spricht von „überzogenem Maß und Ziel“, sei verwundert gewesen, als vom Landratsamt explizit auf die Gesetzeslage hingewiesen und klar gemacht worden sei, dass bei Verstößen nicht vor Anzeigen zurückgeschreckt werde.

    In seinen Augen „sei nichts dagegen zu sagen, wenn es zur Verhinderung von Schadensfällen heiße: Passt auf und tut alles, um einen leichtsinnigen Umgang in diesen Fällen zu vermeiden, damit der Umzug wie gewohnt stattfinden kann“.

    So habe man die Personen, die beim Holen der Kirchweihbirken aus dem Wald auf dem für acht „Passagiere“ zugelassenen Wagen mitfuhren, eindringlich ermahnt, bei der Fahrt sitzen zu bleiben. Zuvor waren außerdem die Bordwände des Anhängers aus Sicherheitsgründen erhöht worden. Obendrein hatten die Mitfahrenden schriftlich darauf verzichtet, den Fahrer in Regress zu nehmen, sollte ihnen etwas zustoßen.

    Lothar Zachmann neigt dazu, „das Ganze in Relation zu Umzügen wie am Rosenmontag in Köln zu setzen, wo vielleicht eine Million Menschen unterwegs ist und es um einen völlig anderen finanziellen Rahmen geht, und die Kirche deshalb etwas im Dorf zu lassen“.

    Dass seitens des Landratsamtes den Gemeinden „deutlich eingeheizt“ worden sei, indem gleich die Polizei und Anzeigen ins Spiel gebracht wurden, hält der Bürgermeister für unverhältnismäßig.

    Zachmann denkt schon über den Tag hinaus, wenn er sagt: „Wenn die Leute damit rechnen müssen, eventuell in Haftung genommen zu werden, wird niemand mehr seine Fahrzeuge zur Verfügung stellen und sich vielleicht noch selbst ins Führerhaus setzen.“ Auch er selbst müsse sich dann als Bürgermeister fragen: „Soll ich mir das noch antun, dass ich mit einem Bein im Gefängnis stehe, wenn etwas passiert?“

    Zachmann: „Irgendwann stirbt alles“

    Das Ortsoberhaupt stört die Art, wie man hier mit dem Gesetz umgeht und Tradition mit Auflagen überhäuft. So würden immer mehr Bürger verängstigt und davon abgehalten, sich ehrenamtlich zu engagieren.

    Lothar Zachmann betont: „Ein Umzug lebt stark von den Themenwagen. Bleibt es bei diesen Auflagen, wird es auf Dauer nicht mehr der Charakter sein, den man sich vorgestellt hat. Und irgendwann stirbt das alles.“ Denn sollte es „bei den überzogenen und unrealistischen Forderungen bleiben, werde man bald keine Leute mehr finden“.

    Seines Erachtens, gehe es den Behörden nur darum, sich durch die Hinweise im Falle eines Falles selbst schadlos halten zu können.

    Sulzheims Bürgermeister Jürgen Schwab sorgt sich ebenfalls um Tradition und Brauchtum. Damit der Umzug in den nächsten Jahren wieder in gewohnter Form durchgeführt werden könne, müsse man sich „an höherer Stelle etwas einfallen lassen, um eine gute wie einheitliche Lösung zu finden“.

    Für Dingolshausens Kirchweihprediger Daniel Linder steht fest: „Das ist eigentlich ein Witz. Die Darstellung der aufs Korn genommenen Episoden auf den Wagen gehört doch einfach dazu.“ Für ihn ist es ein großer Unterschied, ob es um Profit wie bei kommerziellen Fahrten gehe, oder wie hier um Tradition und ehrenamtliches Engagement. Daniel Linder hofft, dass es den Verantwortlichen gelingt, die Sache „hinzubiegen“.

    Martin Warmuth vom Prediger-Trio in Mönchstockheim bedauert die Auflagen, noch dazu, da sie heuer ausgerechnet mit dem 35-jährigen Jubiläum der Wiederbelebung von Kirchweihpredigt und -umzug zusammengefallen sind. Dabei werde doch immer von Brauchtumspflege gesprochen.

    Macht am Ende keiner mehr mit?

    Gewisse Dinge könne man in seinen Augen noch verstehen, aber wenn es bei den Auflagen in dieser Form bleibe, dürfte auf Dauer die Motivation der Aktiven bei der Kirchweih schwinden. Folglich werden sich die Leute zurückziehen, wie Martin Warmuth befürchtet.

    Auch Michael Sauer als „Chef“ der Kirchweihjugend in Michelau hat seit Jahren „mit den Auflagen zu kämpfen, die das Brauchtumsrecht erschweren“. Er sieht vor allem den Kostenfaktor durch die nicht zuletzt zu seiner eigenen Absicherung abgeschlossene Haftpflichtversicherung für derartige Feste, TÜV-Abnahmen und andere Forderungen.

    Auf Dauer sei das alles nicht mehr mach- und finanzierbar und es mache auch keiner mehr mit. Michael Sauer: „Davon gehe ich auch bei uns in Michelau aus.“

    Für „Zinnober im Vorfeld“ haben die Einschränkungen auch bei der Kirchweih in Alitzheim geführt, so Prediger Kevin Wagner. Um kein Risiko einzugehen, habe man schließlich niemanden während der Fahrt auf die Wagen gelassen, obwohl so die Storys nicht mehr so gut dargestellt werden können. Polizei sei dann aber doch nicht vor Ort gewesen, wie es angedroht worden war.

    Auch Kevin Wagner hat den Eindruck: „Offenbar soll alles kaputt gemacht werden.“

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