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    SCHWANFELD

    Dank Spanferkel Traumberuf gefunden

    Lorenz Strobel hat Down-Syndrom. Am 1. September startet der 19-Jährige aus Stammheim eine Lehre in der Metzgerei.

    Fleisch zerlegen, Wurstdärme füllen und Blutwurst vorbereiten – für viele nicht unbedingt ein Traumberuf, doch für Lorenz Strobel die „schönste Arbeit der Welt“. Ungeduldig wartet der junge Schwanfelder schon auf den ersten September, dann startet Lorenz nämlich ins Arbeitsleben.

    An sich nichts Ungewöhnliches, doch Lorenz ist ein junger Mann mit Down-Syndrom und sein Weg in die Metzgerei Berchtold nach Stammheim ein ganz besonderer. Als Lorenz‘ Mutter Annette Ballmann im letzten Sommer zu ihrer Geburtstagsfeier ein Spanferkel bestellte, ahnte sie nicht, dass sie damit das Leben ihres Sohnes grundlegend verändern würde. Der Schüler der Schweinfurter Franziskus-Schule war hin und weg von der Arbeit des Metzgers Stefan Berchtold.

    Noch am Geburtstagsabend nahm er dann sein Schicksal selbst in die Hand und fragte nach einem Praktikumsplatz. Eine Herausforderung für das Metzgereiteam, denn am Arbeitsplatz wird mit scharfen Messern, gefährlichen Maschinen und siedend heißen Flüssigkeiten agiert.

    Weichen für den Lebensweg gestellt

    Metzger Stefan Berchtold beratschlagte kurz mit seinem Team, wie man Lorenz am besten in den Produktionsablauf einbinden könnte und offerierte anschließend dem überglücklichen Schwanfelder einen Praktikumsplatz, ebenfalls noch ahnungslos, dass er damit die Weichen für Lorenz weiteren Lebensweg neu stellen würde. Längst sind nämlich aus den zwei Wochen Monate geworden, das Praktikum wurde mit Unterstützung der Lebenshilfe Schweinfurt und den Fachkräften der Franziskus-Schule, allen voran Lehrer Michael Lindt, verlängert.

    In dieser Zeit hat sich der 19-Jährige in der Metzgerei als helfende Kraft in einem auf seine Möglichkeiten zugeschnittenen Tätigkeitsbereich einen festen Platz im Team erobert, ist aktiv in die Produktionsabläufe eingebunden, übernimmt mehr und mehr verantwortungsvolle Aufgaben und hat an Selbstvertrauen gewonnen. Leberkäs und Hacksteaks formen, Würstchen brühen und Dosen etikettieren – für Lorenz ist die Arbeit sogar noch „schöner als gedacht“. Am allerliebsten aber hängt er, wie er fröhlich erzählt, die Würste in langen Reihen auf.

    Viele Handgriffe gehen mittlerweile wie aus dem Effeff, manches, wie das Knoten der Wurstenden, dauert dafür etwas länger. Aber die Geduld hat in der Metzgerei jeder gerne, bestätigen doch alle, dass sich mit Lorenz die Atmosphäre verändert hat. Er ist nämlich eine Frohnatur mit einem besonderen Gespür für Stimmungslagen. „Mit seiner fröhlichen Art und den lockeren Sprüchen bringt alle zum Lachen“, sagt Juniorchef Dominik Berchtold.

    Lorenz meistert den Weg zur Arbeit alleine mit dem Fahrrad

    Mutter Annette ist überglücklich. Nie hätte sie damit gerechnet, dass sich die Dinge so zukunftsweisend entwickeln. Mittlerweile legt Lorenz den Weg von Schwanfeld nach Stammheim sogar alleine mit dem Fahrrad zurück. Am Anfang war der Mutter da ganz schön mulmig, als Lorenz entscheidet, die sechs Kilometer alleine zu radeln. Jetzt ist sie stolz, wie gut er das alles meistert. Manchmal macht Lorenz sogar auf dem Rückweg eine Pause an der Fähre im Wipfelder Biergarten, dann aber sagt er per Handy Bescheid.

    Von Beginn des Praktikums an schwärmte er zu Hause den beiden Geschwistern und Eltern von seiner Arbeit vor, und irgendwann war allen Beteiligten klar: „Da geht noch mehr.“ Und so bewarb sich Lorenz nach vielen Gesprächen für die seit 2014 laufende Initiative der Schweinfurter Lebenshilfe „Mensch inklusive“. Dort werden hoch motivierte Menschen mit Behinderung an interessierte Unternehmen vermittelt.

    Bei Lorenz waren die Weichen zwar schon gestellt, doch als dann die Förderzusage kommt, hatten die Eltern Tränen in den Augen. Lorenz fängt nun am 1. September unter dem Dach von „Mensch inklusive“ in der Metzgerei Berchtold seine Lehre an. 27 Monaten wird er im Rahmen der Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben von der Agentur für Arbeit gefördert, bekommt ein Ausbildungsgeld, auch Kranken-, Renten- und Sozialversicherung laufen über die Agentur, wie Andreas Treutlein, zuständig für die berufliche Ersteingliederung, erläutert.

    Einmal wöchentlich ist dann „Mensch inklusive“-Bildungsbegleiter Matthias Adrian vor Ort in Stammheim, um gegebenenfalls den Arbeitsablauf anzupassen.

    Mensch-inklusive-Projekt läuft sehr erfolgreich

    Auch der Weg zurück in die Werkstatt der Lebenshilfe sei jederzeit möglich, sagt Laura Golüke von „Mensch inklusive“. Doch das Projekt sei seit dem Start vor nun fast drei Jahren höchst erfolgreich: „Die Abbrecherzahlen tendieren fast gen Null.“ Momentan sind 44 Menschen mit Behinderung in den verschiedensten Bereichen des allgemeinen Arbeitsmarktes im umfangreichen Einzugsgebiet tätig, darunter im Einzelhandel und Gartenbau, auf dem Bauernhof, in Ämtern oder Seniorenwohnheimen.

    Im September starten mit Lorenz noch drei weitere „Neue“, allesamt Schulabgänger, ihren Weg ins Arbeitsleben. Lorenz allerdings ist der einzige der dann 48 Mitarbeiter, der seinen Traum in einer Metzgerei wahr werden lässt.

    Hinweis: Interessierte Unternehmen können sich bei der Initiative „Mensch inklusive“ melden, Tel. (0 95 21) 95 43 58-0, oder per Email unter mensch.inklusive@lh-sw.de

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