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    RÖTHLEIN

    Naschen erlaubt: Einsatz auf dem Erdbeerfeld

    5.40 Uhr. Der Wecker klingelt. Nicht meine Zeit. Was heute anders ist? Ich tausche meinen Schreibtisch gegen ein Erdbeerfeld und bin Erntehelferin - für einen Tag.

    5.40 Uhr. Der Wecker klingelt. Nicht meine Zeit. Schnell hinein in Leggings, T-Shirt, noch eine Kapuzenjacke drüber und das Käppie auf. Noch eine Flasche Wasser eingepackt und die Sonnencreme und auf geht's.

    Erster Halt ist der Bäcker um die Ecke. Denn ohne Kaffee und Croissant funktioniere ich um diese Uhrzeit gar nicht. Was heute anders ist? Ich tausche meinen Schreibtisch und meinen Redakteursjob gegen ein Erdbeerfeld und bin für einen Tag als Erntehelferin im Einsatz.

    Erdbeeren unter dem Sonnentunnel

    Auf der Autobahn ist nicht viel los, pünktlich um Sieben fahre ich in Röthlein auf den Hof der Familie Knaup ein. Junglandwirt Christian Knaup ist heute mein Chef und bringt mich und Erntehelferin Rodica aus Rumänien aufs Erdbeerfeld. Statt einer freien Fläche mit Erdbeeren und Sonne, die mir bei der Arbeit auf den Kopf scheint, erwarten mich Erdbeeren, die durch beeindruckende, fast künstlerisch aussehende Sonnentunnels, umrandet sind.

    „So sind die Pflanzen besser vor Frost geschützt. Auch vor Regen, so dass sich Fäulnis nicht so schnell bilden kann“, erklärt Knaup. Zudem benötige man dadurch weniger Pflanzenschutzmittel, und mit etwas Glück sind die Beeren schon ein paar Tage früher reif.

    Die Saison beginnt

    Vorteile gibts auch für die Erntehelfer, „sie sind vor Wind und Wetter besser geschützt und nicht der direkten Sonneneinstrahlung ausgesetzt“. Ob das Dach auch die Pflückleistung steigert? Meine bestimmt nicht, denke ich fast ein wenig betrübt, als ich Rodica beobachte, die mit gekonntem Blick die „guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen“ wirft und die, die noch nicht reif sind, hängen lässt.

    In nur wenigen Wochen in der Hocherntephase werden an gleicher Stelle bestimmt zehn Erntehelferinnen für die roten Früchte in die Hocke gehen. Heute sind wir nur zu Zweit, da die Saison gerade erst begonnen hat. „Da ist die Ausbeute an reifen Beeren noch nicht so groß“, erklärt Knaup, der mit Bruder Matthias und Vater Andreas den Hof leitet, den schon sein Großvater betrieben hat.

    Vor mir liegt der Erdbeertunnel, der acht Meter breit ist. Mehrere Reihen a 160 Meter Länge sind zugepflanzt mit buschigen Erdbeerpflanzen, die bereits das zweite Jahr blühen. Nun beginnt es anstrengend zu werden: Immer wieder bücken, die dicht bewachsenen Pflanzen mit der Hand sanft zur Seite schieben und nach reifen Früchten gucken.

    Medidatives Pflücken

    „Ein schönes Rot sollen sie haben, die mit weiß-grünen Stellen noch hängen lassen“, bläut mir der 27-Jährige ein. Ganz zufrieden wird er am Ende nicht mit mir sein, zu viele, die nicht hundertprozentig reif sind, sind bei mir im Töpchen gelandet. Aber: „Wenn du hier mehrere Tage am Stück arbeitest, entwickelst du einen Blick dafür“, beruhigt er mich.

    Es ist ruhig auf dem Feld, unter der Plane wird es langsam warm. Eine Stunde pflücke ich nun schon, eigentlich wäre doch Zeit für eine Kaffeepause. Die ist aber erst um elf, dauert also noch. Also weiterarbeiten und auf das dritte Auge konzentrieren, das Ajna-Chakra (Stirnchakra), nach einschlägiger Yoga-Lehre einer unserer Hauptenergiepunkte. Es scheint zu funktionieren, die Arbeit beginnt etwas Meditatives zu entwickeln.

    Die Pflanze des Hier und Jetzt

    „Aua“ - plötzlich durchfährt mich ein stechender Schmerz. Die Brennnessel hat meine rechte Hand erwischt und wird ihrem Ruf als „Pflanze des Hier und Jetzt“ durchaus gerecht. Sofort bin ich zurück in der Realität. Der Realität auf dem Erdbeerfeld. Bloß nicht unterkriegen lassen, sage ich mir, schließlich sind Brennnesseln ja gut für die Durchblutung.

    Um mich abzulenken versuche ich es mal mit Kommunikation mit Rodica. Schließlich habe ich ja Spanisch studiert, auch eine romanische Sprache. „Calor (warm)“, sage ich also in tiefster Überzeugung, dass sie mich versteht. „Cald?,. guckt sie mich fragend an. „Yuppie, sie versteht mich“ – ziehe ich die Verbindung ins Italienische „caldo“. Ich versuche es weiter, stoße jedoch nicht auf die gewünschte Resonanz.

    Am Morgen hat mir Christian Knaup erklärt, dass fast alle ihre Erntehelfer aus Rumänien kommen und der Mindestlohn von 8,60 pro Stunde durchaus lukrativ für sie ist. Wenigstens können sie untereinander kommunizieren, denke ich, lächle und widme mich wieder meinen Erdbeeren.

    Es summt und brummt

    Während ich versuche ein Pflück-System zu entwickeln, summt und brummt es um mich herum. Aus einer drei Meter entfernten Box fliegen Hummeln heraus. „Die Box ist vorübergehend ihr Zuhause. Statt Bienen sorgen die Hummeln bei uns für die natürliche Bestäubung der Erdbeeren“, erklärt mir der Landwirt. Das bringe auch große, gleichmäßige Früchte. Immer mal wieder erwische ich mich beim Naschen der süßen Früchte. Naschen erlaubt, hat mir mein Chef heute morgen gesagt. Ok. Sehr gerne.

    Gerade fahre ich mit der Hand durch die Pflanze, als mich ein Geräusch hochschrecken lässt. Ein Vogel entwischt aus den Erdbeeren. Ich erblicke sein Nest mit fünf Eiern und hoffe, dass die Amsel bleiben darf. Das bestätigt mir der 27-jährige Landwirt. „Würde man das Nest umsetzen, würde der Vogel nicht zurückkommen, da er das Fremde riecht.“

    Kurz vor halb elf, ich spüre Schmerzen im unteren Rücken, wünsche ich mich auf meinen Arbeitsplatz in Schweinfurt zurück und drücke die Daumen, dass die Mittagspause doch irgendwie vorgezogen wird. Da erblicke ich unseren Fotografen, der die Fotos für unsere Serie „Reporter in Betrieb“ macht. Lieber Fotomodel als weiter bücken, denke ich mir und entspanne sichtlich.

    60 Hektar Landwirtschaft

    Die Mittagspause indes könnte ewig gehen, ist doch die Familie Knaup fast autark, was ihre Nahrungsmittel angeht. Und ich darf testen. Spargel, Gurken, Erdbeeren, Himbeeren, Brombeeren und Heidelbeeren werden angepflanzt, außerdem hat die Familie eigene Weinberge. Insgesamt 60 Hektar Fläche stehen für Landwirtschaft zur Verfügung, davon umfasst das Erdbeerfeld gerade mal einen Hektar.

    Doch wie ist man heutzutage ein erfolgreicher Landwirt? „Immer im Wandel der Zeit bleiben“, das ist der Tipp, den der 27-Jährige anderen Landwirten gibt. So ist der Genusshof Knaup auch auf Facebook präsent und hat in den Jahrzehnten seine Produktpalette stetig erweitert. Vor zwei Jahren wurde auch der hauseigene Hofladen aufgepimpt. Traditionell sind die Knaups auf den Märkten der Region vertreten, zum Beispiel in Schweinfurt, aber auch in Bad Neustadt oder Würzburg.

    Die Pause ist vorbei. Hinaus auf's Feld zu den jüngeren Erdbeerpflanzen, die erst dieses Jahr gepflanzt wurden. Dort hält sich die Ausbeute in Grenzen, obwohl ich akribisch Pflanze für Pflanze durchleuchte. Da sie noch nicht so dicht gewachsen sind, muss ich mich zumindest nicht so häufig bücken. Mein Rücken freut sich.

    Und wieder ein Geräusch: Eine Eidechse – gut getarnt in Grün-Braun – läuft mir über die Füße. Schön, der Natur so nah zu sein. Schweiß rinnt mir indes über die Stirn, unter dem Zeltdach ist es jetzt richtig warm. Langsam nähert sich mein Arbeitstag dem Ende.

    Einsatz im Hofladen

    Viele der Erdbeeren, die ich am Morgen gepflückt habe, wurden schon mittags am Markstand verkauft. Weitere Schälchen stehen im Hofladen bereit. Stolz kann ich sie selbst an die Kundin bringen. Sigrid de Gier kommt regelmäßig aus Schweinfurt hierher, heute des Spargels wegen, „aber zum Nachtisch gibt es nun auch ein paar Erdbeeren“.

    Sie zollt mir Respekt für die Arbeit auf dem Feld. Doch zuviel des Lobes, während ich nur heute Erntehelferin bin, ist Rodica die ganze Saison dabei. Hut ab!

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