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    WERNECK

    Mit Birgit Süss eröffnet der Kulturfrühling seine Saison

    Zu sagen, dass sich die Kabarettistin Birgit Süss wortreich durch den Unsinn des Lebens buddelt, grenzt schon an eine gewaltige Untertreibung.

    Die Kabarettistin und Chansonnette Birgit Süss sinniert auch über Gammelfleisch. Foto: Guido Chuleck

    Zu sagen, dass sich die Kabarettistin Birgit Süss wortreich durch den Unsinn des Lebens buddelt, grenzt schon an eine gewaltige Untertreibung.

    Buddeln wäre ja gleichzusetzen mit „einfach mal drauflos, man wird schon sehen, was rauskommt“. Birgit Süss ist da genau der andere Typ. Wortreich ist sie schon, sowohl gesprochen als auch gesungen, wie sie beim Wernecker Kulturfrühling eindrücklich unter Beweis stellte.

    140 Zuhörer kamen ins Café

    140 Zuhörer waren ins Café Balthasar im Schloss Werneck geströmt, überwiegend Frauen mittleren Alters, einige Handvoll von ihnen hatten ihre Männer mitgebracht. Die kabarettistischen Nadelstiche, die Süss ihnen verpasste, ertrugen die Herren der Schöpfung gelassen.

    Wobei der ein oder andere Nadelstich doch ein wenig tiefer ging, zum Beispiel beim Thema Fußball. Genauer gesagt, Fußball und Sex. „Wir hätten nichts gegen 90 Minuten einzuwenden, mit Nachspielzeit und Verlängerung“, sinnierte Süss.

    Wer sich grob danebenbenähme, würde die gelbe Karte kriegen, notfalls auch die rote. Es ist ja „in“, dass Tageszeitungen Literatur-Listen führen würden, welche Bücher auf welchen Plätzen liegen. Sogar das Boulevardblatt „Bild“ ist auf diesen Zug aufgesprungen, und auf Platz drei der Sachbücher hatte Süss das „Ausmalbuch für Erwachsene“ entdeckt. Was allein für sich schon widersinnig wirkt, ist für eine Kabarettistin eine Steilvorlage. Sie stellte sich ein gesetztes Ehepaar vor, das abends Ausmalbücher ausfüllen würde. „Ist das vielleicht ein Ersatz für das Vorspiel? Duuuuu, wenn ich so sehe, wie du den braunen Stift so rauf und runter…“. Gelächter. „Kein Wunder, dass wir aussterben.“ Jubel.

    Ach ja, und Adolf Hitler. Seine Mama hätte ihn vermutlich zu sehr damit bedrängt, sein Zimmer aufzuräumen. „Adolf, räum auf!“ hatte die Mama ihn wohl angeherrscht. So sehr, dass der junge Adolf irgendwann vor Wut geschäumt haben und ausgerufen haben könnte: „Oh ja, ich räume auf. Aber nicht nur mein Zimmer!“ Es folgte ein Lied über jenen Adolf, der aufgeräumt hat.

    Überhaupt die Lieder, die die „Chansonnette“ nicht einfach zufällig beim Buddeln gefunden hatte. Musikalisch an der Tuba und dem Cello von Klaus Ratzek begleitet – wobei es sehr viel mehr war als nur eine musikalische Unterstützung – kombinierte sie ihre Lieder mit ihren wortreichen Wortbeiträgen, wobei alles wie ein Rädchen ineinandergriff. Und alles mit einer derart atemberaubenden Geschwindigkeit, dass der- oder diejenige, die auch nur für Sekunden dem Programm nicht folgen konnte, gleich mehrere Pointen am Stück versäumt hatte, etwa beim Gammelfleischskandal, der allein ein abendfüllendes Thema wäre.

    Nicht zu versäumen war der große Abschluss, mit drei Zugaben, „Der Mond ist aufgegangen“, von Matthias Claudius als letzte, genial ergänzt von Klaus Ratzek am Kontrabass. Wunderschön, stimmungsvoll, und atmosphärisch so dicht, dass keiner von den Zuhörern vor lauter Zuhören wagte, laut zu atmen. Guido Chuleck

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