• aktualisiert:

    WÜRZBURG

    Alleinerziehend und oft allein gelassen

    Mehr als zwei Millionen Kinder wachsen in Haushalten von alleinerziehenden Elternteilen auf. Doch Unterhalt vom Ex-Partner erhält nur die Hälfte der Alleinerziehenden.

    Mehr als zwei Millionen Kinder wachsen in Haushalten von alleinerziehenden Elternteilen auf. Doch Unterhalt vom Ex-Partn... Foto: Christian Charisius (dpa)

    Seit drei Jahren erzieht Susanne K. ihre drei Kinder, die zwölf, zehn und sieben Jahre alt sind, allein. Zwölf Jahre waren sie und ihr Ex-Mann verheiratet. „Wir verliebten uns, bekamen drei Kinder und bauten ein Haus – alles war wie im Bilderbuch“, erzählt die 35-Jährige. Dann kriselte es. „Ich habe gemerkt, dass ich etwas ändern muss, sonst wäre ich krank geworden“, sagt Susanne K. Nur wegen der Kinder zusammen zubleiben, kam für sie nicht in Frage. Heute ist das gemeinsame Haus verkauft und Susanne K. wohnt mit ihren Kindern in einer Vier-Zimmer-Wohnung. „Ich schlafe im Wohnzimmer auf dem Sofa, damit jedes Kind ein eigenes Zimmer hat“, gesteht sie. Mit zwei Jobs hält sie sich über Wasser. Sie hat weniger Geld als vorher, aber sie ist wieder glücklich.

    Bei der Hälfte der Alleinerziehenden springt der Staat finanziell ein

    In Deutschland lebten 2014 rund 1,6 Millionen Alleinerziehende mit minderjährigen Kindern, mehr als 90 Prozent von ihnen sind Frauen.

    1996 waren es noch knapp ein Viertel weniger. Die Mehrheit, zu der Susanne K. zählt, nämlich 60 Prozent, schafft es, ohne staatliche Existenzsicherung über die Runden zu kommen. Die meisten so wie auch Susanne K. mithilfe ihrer Ex-Partner. Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung erhält die Hälfte der Alleinerziehenden in Deutschland keine finanzielle Unterstützung vom Ex-Partner. Bei diesen Alleinerziehenden springt der Staat ein und zahlt einen so genannten Unterhaltsvorschuss.

    Der heißt so, weil der Staat ihn sich vom eigentlich Zahlungspflichtigen zurückzuholen versucht. Es sind meist Männer, die nicht zahlen. Theoretisch müssten sie mit Gehaltspfändungen und Geldbußen rechnen. In Bayern ist das Landesamt für Finanzen und seine Dienststellen die sogenannte Rückgriffbehörde und damit für die Rückholung der Gelder zuständig. Die Rückgriffquote liegt in Bayern bei 35 Prozent (Bund: knapp 23 Prozent). „Damit liegt Bayern an der Spitze der Bundesländer“, erklärt Marion Gehlert, Sprecherin im Bayerischen Sozialministerium.

    Das Unterhaltsvorschussgesetz wird zum Juli 2017 geändert

    2015 wurde an über 41 500 Kinder in Bayern Unterhaltsvorschuss ausgezahlt. Die Gesamthöhe der Ausgaben beträgt laut Angaben des Landesverbands Alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV) etwa 80 Millionen Euro. In Würzburg haben im letzten Jahr 536 Kinder Unterhaltsvorschuss bezogen, in Schweinfurt waren es 336. Für Kinder bis fünf Jahre erhält meist die Mutter 150 Euro, für Kinder von sechs bis 11 Jahre 201 Euro.

    Bisher ist der Staat aber für höchstens sechs Jahre in die Bresche gesprungen und auch nur, bis das Kind zwölf Jahre alt war. Ganz logisch war diese Beschränkung nicht, denn auch nach dem zwölften Geburtstag kosten Kinder Geld (siehe Kasten). Und zwar mehr Geld als Kleinkinder. Deshalb hat der Bund das Unterhaltsvorschussgesetz geändert. Ab Juli 2017 wird die Begrenzung auf sechs Jahre wegfallen und Alleinerziehende können den Vorschuss so lange in Anspruch nehmen, bis das Kind 18 Jahre alt ist.

    Alleinerziehende leisten doppelte Arbeit

    „Es geht um Geld, das bislang immer noch viele Väter ihren Kinder vorenthalten – aus welchen Gründen auch immer“, sagt Nadine O'Halloran, Sprecherin der Alleinerziehenden in Unterfranken. Zweifellos haben viele Familien mit Zeitknappheit und mit finanziellen Problemen zu kämpfen. „Doch Alleinerziehende sind diesbezüglich eben auf sich allein gestellt, haben keine Partner, der diese Verantwortung tagtäglich mit ihnen teilt – sie leisten also doppelte Arbeit“, erklärt O'Halloran. Es sind oft finanzielle Sorgen, mit denen die Alleinerziehenden zu kämpfen haben. „Diese Sorgen lasten schwer auf Einelternfamilien, aber genauso auch auf den Kindern“, erklärt O'Halloran.

    Auch bei Susanne K. geht es ums Geld. „Wenn meine Kinder krank sind, dann arbeite ich nicht“, erklärt sie. Auch im Urlaub kommt kein Geld herein, weil Susanne K. selbständig ist. Für das Alter vorsorgen, das geht bei ihrem knappen Budget auch nicht. „Eine Rente habe ich nicht“, gibt die 35-Jährige zu. „Aber mir ist es wichtig, dass meine Kinder glücklich groß werden.“

    Viele Alleinerziehende sind armutsgefährdet

    Vier von zehn Alleinerziehenden in Deutschland leben mit ihren Kindern an der Armutsgrenze. Sie müssen mit dem auskommen, was der Staat als Minimum errechnet hat: 937 Euro plus Mietkosten zum Beispiel für eine Erwachsenen und zwei Kinder. Auch eine Vorsorge für das Alter ist für viele nicht möglich. Weil diese Frauen ja entweder gar nicht oder nur Teilzeit arbeiten, ist Altersarmut vorprogrammiert. Kindererziehung belohnt der Staat nicht ausreichend.

    Der Verband alleinerziehender Mütter und Väter fordert daher weitere Verbesserungen, wie eine Erhöhung des steuerlichen Entlastungsbetrages für Alleinerziehende, der bisher bei 1906 Euro jährlich liegt. „Als wichtige Voraussetzung für Erwerbstätigkeit und damit finanzielle Unabhängigkeit wäre eine flexible und kostenfreie Kinderbetreuung ein wichtiger Punkt“, bekräftigt Helga Jäger, Projektleiterin beim Landesverband alleinerziehender Mütter und Väter in München.

    Mehr Freibeträge für Kinder gefordert

    „Das Kindergeld darf nicht auf Hartz IV angerechnet werden“, fordert Michael Kroschewski, Diözesanvorsitzender beim Familienbund der Katholiken in Würzburg. Zudem fordert der Verband wie auch der Deutsche Familienverband Freibeträge für Kinder bei den Sozialversicherungen. „Das wird teuer, keine Frage! Das wäre ein mutiger, ein Sieben-Meilen-Schritt“, betont Kroschewski. Auch Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) gibt zu: „Alleinerziehende sind ein Riesenthema, das viel zu lange vernachlässigt wurde.“

    Susanne K. will trotzdem anderen Frauen Mut machen, aus der Komfortzone herauszugehen: „Leben beginnt da, wo du die Komfortzone verlässt!“, sagt sie. Ihren Schritt, allein mit den Kindern zu leben, hat die 35-Jährige nicht bereut.

    So viel kosten Kinder

    Essen, Windeln, Klamotten, Kita, Schulbücher, Sport, Musikunterricht und das erste Smartphone. Kinder sind wundervoll – aber auch ganz schön teuer. Laut Statistischem Bundesamt geben Eltern für ein Kind bis zum 18. Lebensjahr weit über 125 000 Euro aus.

    Jedes zusätzliche Kind ist im Verhältnis etwas günstiger für die Eltern, da Dinge wie Kinderwagen, Babyklamotten oder das Kinderbett in der Regel nur einmal gekauft werden müssen. Rechnet man die Zahlen hoch, kostet ein Einzelkind bis zur Volljährigkeit über 125 000 Euro, zwei Kinder zusammen über 220 000 Euro und drei Kinder über 310 000 Euro. Kindergeld und Elterngeld können das nur bedingt auffangen.

    Bis zur Grundschule kostet der Nachwuchs noch etwas weniger. Etwa 6000 Euro jährlich veranschlagt das Statistische Bundesamt, da Kinder unter sechs Jahren noch weniger essen, kein Handy und wenig Taschengeld brauchen. Besonders teuer ist in diesem Alter die Kita-Betreuung. Zwischen sechs und zwölf Jahren steigen die Kosten dann aber schon auf über 7000 Euro jährlich, zwischen zwölf und 18 Jahren auf über 8000 Euro.

    Von den 8,1 Millionen Familien in Deutschland mit minderjährigen Kindern ist bei etwa jeder fünften ein Elternteil alleinerziehend. 2,2 Millionen Kinder wachsen meist bei der Mutter auf. Die meisten Mütter arbeiten, 45 Prozent Vollzeit. Dennoch tragen sie ein hohes Risiko zu verarmen: 42,3 Prozent der Alleinerziehenden leben unter der Armutsgrenze.

     

    Weitere Artikel
    Fotos

      Kommentare (3)

      Kommentar Verfassen

      Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!