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    WÜRZBURG

    "Erlabrunn-Prozess": Gemeindearbeiter geht in Berufung

    Mit dem Tod einer Fußgängerin in Erlabrunn muss sich die Würzburger Justiz erneut befassen. Der verurteilte Fahrer eines Streufahrzeugs legte gegen das Urteil in letzter Minute Berufung ein.

    Die Haftstrafe von einem Jahr und zehn Monaten für die fahrlässige Tötung einer Fußgängerin und anschließende Unfallflucht will der 57-jährige Fahrer eines Streufahrzeuges nicht akzeptieren. Kurz vor Verstreichen der einwöchigen Einspruchsfrist gegen das Urteil des Amtsgerichts Würzburg legte sein Anwalt am Mittwoch Berufung ein. Dies bestätigte Rainer Beckmann, Sprecher des Amtsgerichts, auf Anfrage.

    Auch Staatsanwaltschaft geht in Berufung

    Der Staatsanwaltschaft erscheint die Haftstrafe wohl zu milde. Sie hatte in ihrem Plädoyer zweieinhalb Jahre Gefängnis gefordert (ab zwei Jahren ist keine Bewährung mehr möglich). Auch sie war gegen das Urteil in Berufung gegangen.

    Das Amtsgericht hatte nach einer umfangreichen Beweisaufnahme in sieben Prozesstagen keine Zweifel daran, dass der Gemeindearbeiter die Frau versehentlich überrollt, dann Fahrerflucht begangen und später versucht hat, mit Hilfe williger Mitbürger die Tat zu vertuschen.

    Massive Anfeindungen

    Der Fall hatte im Ort für erhebliche Unruhe gesorgt. Viele Mitbürger fühlten mit der Familie der Getöteten, die sich wegen der Ermittlungen massiver Anfeindungen ausgesetzt sahen – obwohl sie die Ermittlung gar nicht angeschoben hatten. Freunde des Angeklagten waren trotz aller Fakten, die vor Gericht zur Sprache kamen, bis zuletzt von seiner Unschuld überzeugt und machten dies auch gegenüber anders Denkenden massiv deutlich.

    Hohe Gerichtskosten

    Entgegen mancher Medienberichte war der Angeklagte nicht nach dem Urteil festgenommen worden. Er hatte auch nicht sofort Berufung eingelegt, sondern sich angesichts der Beweislage tagelang sein weiteres Vorgehen mit seinem Verteidiger überlegt. Schließlich waren ja bereits in der ersten Instanz Kosten für Gericht, die Gutachter und fünf Rechtsanwälte aufgelaufen, die der Verurteilte zu zahlen hätte. Sie dürften sich nach Schätzung eines kundigen Juristen im mittleren fünfstelligen Bereich bewegen.

    Noch liegt das Urteil des Amtsgerichts gar nicht schriftlich vor. Das Schöffengericht um die Vorsitzende Christine Stoppel hat mindestens fünf Wochen Zeit, seine Entscheidung zu begründen. Sitzt ein Angeklagter in Untersuchungshaft, gilt bei der Festsetzung eines neuen Prozess-Termins beim Landgericht das sogenannte Beschleunigungsgebot, weil niemand – für den zumindest bis zur Rechtskraft eines Urteils die Unschuldsvermutung gilt – länger als nötig in der Zelle sitzen soll.

    Prozess am Landgericht im Frühjahr oder Sommer 2018?

    Dies ist im Erlabrunner Verfahren aber nicht der Fall. Doch das heißt, dass Haftsachen zunächst erste Priorität bei der Terminvergabe haben. Mit einer zweiten Auflage des spektakulären Verfahrens um Erinnerungslücken bei Zeugen, gelöschte Handy-Daten, ein eilig nachlackiertes Streufahrzeug und widersprüchliche Aussagen über die Streustrecke und –zeit ist deshalb wohl erst im Frühjahr oder Sommer 2018 zu rechnen.

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