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    ERLANGEN / WÜRZBURG

    Ein Franke lässt die Welt sehen

    Wer schlecht sieht, trägt Brille. In manchen Ländern gibt es dafür aber nicht mal ein Wort. Ein Lehrer ist angetreten, das zu ändern. Mit Draht, Linsen und einer Vision.

    Im Juni 2009 liest der Erlanger Lehrer Martin Aufmuth „Out of Poverty“ von Paul Polak, „Raus aus der Armut“. Der US-Amerikaner war als wohlhabender Psychiater vielen armen Menschen begegnet, die unter Depressionen litten. Er gab seine Praxis auf, reiste nach Bangladesch und bekämpft seitdem Armut mit Marktwirtschaft und unkonventionellen Projekten. Von Entwicklungshilfe hält Polak nichts. Seine Maxime: Arme müssen Wege finden, um mehr zu verdienen.

    In „Out of Poverty“ schreibt Polak von etwas, das fehlt: eine günstige Brille, die sich Menschen leisten können, die nicht mehr als einen Dollar am Tag zum Leben haben. „Schade, dass es so eine Brille nicht gibt“, denkt Martin Aufmuth. Und liest weiter.

    Ein paar Tage später sieht der Lehrer im Ein-Euro-Laden zufällig Brillen. Preis: ein Euro. „Warum“, fragt er sich, „gibt es in einem reichen Land wie Deutschland Brillen für einen Euro und in armen Ländern nicht?“

    Die Frage lässt den Physiker nicht los. Geforscht und getüftelt hat er immer schon gern. Also geht er in den Keller und fängt an. Da muss doch was zu machen sein. Monatelang sammelt Aufmuth Informationen über Brillentypen, experimentiert mit Materialien. Er entwickelt eine Brille mit Fahrradbremskabel als Nasensteg, voll flexibel, günstig in der Herstellung. Aber er braucht dazu Schrauben, die leicht verloren gehen. Also verwirft er das Modell, tüftelt weiter und wird belächelt. Was er da schon wieder bastelt?

    April 2010: Erste EinDollarBrille ist fertig

    Rund eine Milliarde Menschen auf der Welt muss mit einem Dollar am Tag auskommen. Und rund 700 Millionen Menschen leiden unter einer behebbaren Fehlsichtigkeit, können sich aber keine Brille leisten. Viele wissen nicht mal, dass es Brillen gibt. Betroffene Kinder können nicht lernen, Erwachsene nicht arbeiten und nicht für ihre Familien sorgen. Das muss doch zu ändern sein. Aufmuths Ziel: bedürftige Menschen in Entwicklungsländern mit Brillen zu versorgen.

    In der Waschküche im Erlanger Reihenhaus entstehen weitere Modelle. Aufmuth arbeitet 1000 Patente durch, durchforstet das Internet, sucht in Kaufhäuser nach Brillentypen... Als Physiker kennt er sich aus mit Licht und Optik, das hilft. Er will Material und Herstellung auf ein Minimum reduzieren. Sphärische Gläser ohne Zylinder müssen reichen, das System soll wenig fehleranfällig, also möglichst einfach sein.

    Im April 2010 ist die erste EinDollarBrille fertig. Der Rahmen aus gebogenem Federstahldraht, Linsen aus Polykarbonat. Besteht sie den Härtetest? Martin Aufmuth legt die Brille auf einen Stuhl und setzt sich drauf. Sie hält, als sei sie das teure Modell aus Titanflex. Mit einem einzigen Handgriff lassen sich die Linsen in den Rahmen einklicken, Werkzeug braucht es dazu keins. Auch arme Menschen haben ein schönes Gestell und etwas Individualität verdient, denkt Aufmuth, und verpasst seinem Ein-Dollar-Erstling zwei farbige Glasperlen. Der Mathematiklehrer hat es ausgerechnet: Die gesamten Materialkosten liegen bei rund einem US-Dollar.

    In monatelanger Kleinarbeit tüftelt er an der Handbiegemaschine für seine Brillen. Heraus kommt ein heller Holzwürfel, 30 Zentimeter Kantenlänge, darin eine Spezialzange. Der Prototyp ist noch etwas umständlich zu bedienen und nicht besonders präzise. Aber die ersten Brillenrahmen lassen sich damit biegen. Der Praxistest kann beginnen.

    Uganda: Interessiert sich hier überhaupt jemand für die Brillen?

    „Was man in der Entwicklungshilfe nicht machen soll: Ein Jahr lang Sachen zu entwickeln und zu planen und dann zu denken, dass es in der Praxis vor Ort klappt“, sagt Aufmuth fünf Jahre später. Er habe sich keine Illusionen gemacht. Aber: „Mir war klar, dass es groß werden muss.“

    In den Osterferien 2012 fliegt der Realschullehrer aus Erlangen mit zwei schweren Kisten nach Uganda. Drei Biegemaschinen hat er dabei, einige Kilo Federstahldraht, Schrumpfschlauch für die Nasenbügel und Perlen. Er begleitet ein Team von Augenärzten, die im Hinterland von Kampala Patienten mit Grauem Star behandeln wollen. Die Ärzte haben Pech, der Container mit der medizinischen Ausrüstung ist noch nicht angekommen. Und eine Woche lang müssen sie erst einmal den OP putzen.

    Aufmuth kann gleich anfangen, auch wenn ihm mulmig zumute ist. Interessiert sich hier überhaupt jemand für die Brillen? Am nächsten Morgen warten 800 Menschen vor dem Krankenhaus. Und fünf Trainees: Ihnen bringt der Erlanger bei, wie man auf der Maschine Brillen biegt. Zeitgleich versorgen sie 500 Menschen, vom Kleinkind bis zum Greis, mit den Sehhilfen. Nach zwei Wochen weiß der Lehrer: „Meine Idee funktioniert!“

    Zurück in Deutschland gründet Aufmuth mit ein paar Kolleginnen und Kollegen aus der Schule in einer Blitzaktion an einem Nachmittag einen Verein. In den Herbstferien ist Aufmuth wieder in Afrika, in Ruanda, zu einem zweiten Biegekurs. 14 Trainees arbeiten von früh bis spät an den mitgebrachten Maschinen, die der Lehrer den Sommer über noch mal stark vereinfacht und verbessert hat. Quadratische Stahlplatte mit Präzisionswerkzeug – jetzt dauert's nur noch eine Viertelstunde, bis der Federstahldraht gebogen ist.

    60-Jähriger sieht erstes Mal in seinem Leben sein Dorf

    Nach Wochen der Übung und einem zweiten Training können die Absolventen eigenständig Brillen produzieren und selbst Mitarbeiter ausbilden. Mit dem Rad fahren sie über die Dörfer, besuchen Schulen, im Gepäck eine Handvoll Rahmen und einen Kasten voller Linsen in 24 Stärken: von -6,0 bis +6,0 Dioptrien. Sie testen die Fehlsichtigen und fertigen ihnen individuell angepasste Brillen. Der Effekt ist enorm: Die Hungernden übersehen bei der kargen Ernte keine Bohnen mehr auf dem ausgedörrten Feld. Eine Näherin ist überglücklich, dass sie den Faden wieder in die Nadel einfädeln kann. Ein 60-Jähriger sieht das erste Mal in seinem Leben sein Dorf. Kinder, die als behindert galten, können plötzlich die Tafel im Klassenzimmer sehen und ganz normal am Unterricht teilnehmen. Raus aus der Armut, ganz im Sinne Paul Polaks.

    „Kleinigkeiten sind aufreibend“, sagt Martin Aufmuth über die Arbeit in Afrika. 45 Grad im Schatten, staubig-heißer Wind – „eine Herausforderung. Man kann sich hier kaum vorstellen, wie man dort arbeitet.“ Dazu kommen die rudimentären, aber streng reglementierten Gesundheitssysteme. Eine Firma in Deutschland aufzubauen sei, trotz Bürokratie, einfacher. „Egal wo man ist, es wird immer schnell viel komplizierter als gedacht.“

    Landessprache ohne Begriff für Brille

    Als er nach Burkina Faso kam, habe es dort überhaupt keine Brillenversorgung gegeben. „Die Landessprache hat nicht einmal einen Begriff für Brille.“ Der Erlanger musste den Menschen erst einmal zeigen, dass Augentropfen ihr Problem nicht lösen. Alte Brillen nach Afrika schicken? „Die passen oft nicht richtig. Und wenn sie kaputt gehen, gibt es keinen Ersatz, was dann eigentlich noch schlimmer ist als vorher, weil die Menschen nun wissen, wie schön das Leben mit Brille sein kann“, sagt Aufmuth. „In der Entwicklungshilfe muss man immer genau überlegen: Was passiert später?“

    Die Organisation EinDollarBrille ist noch kein Jahr alt, da kommen fast täglich Anfragen aus aller Welt. Aufmuth hat eine 70-Stunden-Woche, nebenberuflich kann er das Projekt nicht mehr machen. Er lässt sich an der Schule beurlauben. Bei Biegekursen sucht er Mitstreiter, die die Vision seiner Organisation unterstützen. Hauptsache überhaupt etwas Gutes tun? „Das funktioniert nicht“, sagt der 43-Jährige. Er hält es mit Sozialunternehmer Polak: „Wenn du nicht mindestens 30 Millionen Leute erreichst, dann lass es.“

    In den Rummelsberger Behindertenwerkstätten in Treuchtlingen lagern über 200 000 fertige Brillengläser aus China. Herr Zhang stellt sie her. Der Freund des Vaters eines ehemaligen Schülers von Martin Aufmuth hat eine kleine Brillenfirma in China und unterstützt das Projekt.

    Bolivien, Brasilien, Mexiko, Äthiopien, Benin – in acht Ländern sind Brillenmacher inzwischen auf den Dörfern mit der Optikwerkstatt im Holzkasten unterwegs. Um Pfusch zu verhindern, besteht die Organisation auf eine regelmäßige Qualitätsprüfung: Jeder EinDollarBrille-Optiker muss erst Muster nach Erlangen schicken, bevor er das Zertifikat und damit das Recht erhält, die Brillen zu verkaufen. Der Verkaufspreis liegt bei zwei bis drei ortsüblichen Tageslöhnen. In Burkina Faso kosten die Brillen zwei Dollar, in Ruanda werden sie für fünf Dollar verkauft. In Malawi kosten sie auch fünf Dollar, so viel wie ein Huhn. Aus dem Erlös kann der Optiker Mitarbeiter beschäftigen und Material für neue Brillen kaufen. „Ein Mitarbeiter“, rechnet Aufmuth, „kann im Jahr 1000 Leute versorgen.“

    Nachhaltigkeit aber sei wichtiger als Stückzahlen. Mit Spenden baut die Organisation die Strukturen vor Ort auf – Shops, Reichweite in ländlichen Regionen, Trainings. Das Ziel ist unverändert: eine kontinuierliche, finanziell unabhängige augenoptische Grundversorgung bedürftiger Menschen in den armen und ärmsten Regionen der Welt. „Irgendwann könnten es auch mal 50 Länder oder 100 sein“, sagt der Erlanger Lehrer. Er weiß, es klingt vermessen. Aber acht Länder innerhalb von fünf Jahren – „das hätte vor fünf Jahren auch keiner geglaubt“. Er schon.

    Die Organisation EinDollarBrille kommt vom 25. bis 28. Mai zum Africa Festival nach Würzburg. Am Stand darf man auch mal selbst die Maschine testen und eine Brille biegen. Und man kann sich über ehrenamtliche Mitarbeit informieren. Das Team sucht immer Mitstreiter.

     

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