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    GAUKÖNIGSHOFEN

    Axt-Attentäter: Gaukönigshofen ist geschockt

    In Gaukönigshofen, wo der Attentäter seit zwei Wochen in einer Pflegefamilie gelebt hatte, ist nichts mehr, wie es war. Die Bewohner fragen: Wer war dieser Riaz Khan Ahmadzai?

    Am Sonntag saß er noch mit seiner Pflegefamilie beim Pfarrfest in Gaukönigshofen (Lkr. Würzburg). Entspannt und friedlich. Vierundzwanzig Stunden später fährt Riaz Khan Ahmadzai auf dem Gaubahnradweg mit dem Fahrrad zum Ochsenfurter Bahnhof, steigt in den Regionalzug nach Würzburg, packt kurz danach auf der Toilette Axt und Messer aus, geht auf Reisende los, richtet ein Blutbad an. Aus heiterem Himmel ist bei dem bisher unauffälligen Jungen eine Sicherung durchgebrannt. Er wird zum Attentäter – und das beschauliche Gaukönigshofen, wo er die letzten zwei Wochen bei einer Pflegefamilie lebte, rückt plötzlich in den Mittelpunkt der Welt.

    Mittwochmorgen in Gaukönigshofen. Die Straßen sind leer. Kein Mensch weit und breit. „Das ist hier immer so“, sagen die beiden Bäckereiverkäuferinnen. Das Attentat des Jungen ist Tagesthema im Laden. Viele aus dem Ort sind fassungslos. Bedrückt. Geschockt. Auch, wenn hier jeder jeden kennt, über den afghanischen Jungen wissen die beiden Frauen nichts. Er wohnte ja auch erst seit kurzem in Gaukönigshofen.

    Kriseninterventionsteam in der Schule

    Ein paar Hundert Meter weiter wohnt die Pflegefamilie. Polizisten schirmen sie ab. Ebenso die Kinder der Mittelschule. Zwei bewaffnete Kriminalbeamte stehen vor dem Pausenhof, auf dem die Schüler fröhlich tollen. Fernsehteams versuchen, an sie ranzukommen. Schulleiter Michael Hümmer schickt sie weg. Schützend stellt er sich vor seine Schüler, die plötzlich auch im Mittelpunkt des Geschehens stehen. Auch an ihn wenden sich die Journalisten. Er weist sie ab.

    „Seit Montag haben wir ein Kriseninterventionsteam in der Schule. Psychologen, die uns bis zum Ende dieser Woche begleiten“, sagt er. Denn es gebe durchaus Schüler, die Angst haben. Vor allem in den Klassen, die Riaz gut gekannt haben, seien die Psychologen präsent. Über Riaz Khan Ahmadzai, der eine der beiden Übergangsklassen an der Mittelschule besucht hat, will Michael Hümmer nicht sprechen. Am Dienstag nach dem Attentat hat er vor Unterrichtsbeginn alle 180 Schüler zusammengerufen, um ihnen von den schrecklichen Ereignissen in der Nacht zu berichten. „Ich habe alle Fakten dargelegt, die bis dahin bekannt waren“, sagt er. Auch, dass Riaz nun nicht mehr am Leben ist. Spontan sollen im Gedenken an ihren Mitschüler einige seiner Klassenkameraden dann auch zum Haus der Pflegefamilie gegangen sein.

    Zur Normalität zurückfinden

    Für Mittwochabend hat Michael Hümmer alle Eltern eingeladen. Zusammen mit den Psychologen will er auch sie über die Geschehnisse informieren. Neuere Erkenntnisse über den 17-jährigen Riaz und den Ablauf habe er zwar auch nicht, er will den Eltern aber die Möglichkeit zum Gespräch geben – und sie beruhigen.

    Für Michael Hümmer ist es jetzt ganz wichtig, zurück zur Normalität zu finden. Ein Stück weit sei diese einen Tag nach dem Attentat auch schon eingekehrt. Und das, obwohl die Schüler jetzt auch die Tragweite der Tat kennen.

    Dann ist die Pause zu Ende. Die Schüler gehen zurück in ihre Klassenzimmer. Die Polizei zieht wieder ab. Erst zum Unterrichtsende stehen die Beamten wieder vor der Schule. Normalität ist das noch nicht.

    In einem schattigen Innenhof sitzen drei junge Frauen aus Gaukönigshofen. Auch sie sprechen über die Vorfälle, wollen ihren Namen aber nicht nennen. Wie die Pflegefamilie des afghanischen Jungen haben auch sie sich im örtlichen Helferkreis engagiert. Für sechs Monate lebten in einer Notunterkunft etwa 60 Flüchtlinge im Ort. Die Frauen haben Essen ausgeteilt, die Flüchtlinge mit Kleidern versorgt, sind mit einigen der Männer spazieren gegangen, haben sich angefreundet.

    Gaukönigshofen steht plötzlich im Mittelpunkt

    „Gaukönigshofen ist am Arsch der Welt. Plötzlich sind wir der Mittelpunkt“, sagt eine von ihnen. Natürlich haben sie nicht damit gerechnet, dass ausgerechnet einer aus ihrem Ort, in dem sich fast 80 Freiwillige um Flüchtlinge gekümmert haben, zu solch einer Tat in der Lage war.

    Aber ja, sie würden wieder helfen. Sie stünden wieder bereit, wenn sie gebraucht würden, sagen sie. Aber nicht mehr so unbeschwert wie vorher. „Ich hätte dann schon Angst“, sagt eine der Frauen. Riaz, den Jungen aus Afghanistan, kennen sie nur flüchtig. Eine der Frauen hat ihn am Sonntagabend, kurz nach acht noch mit seinem Fahrrad in Gaukönigshofen gesehen. Der Frau stockt der Atem. „Heute weiß ich, dass ich da eine tickende Zeitbombe gesehen habe. Bei dem Gedanken läuft es mir eiskalt über den Rücken.“ Die Frau kennt die Pflegfamilie gut. Spontan hat sie sie am Dienstag in den Arm genommen, ihr Mitgefühl ausgedrückt. „Die haben es gut gemeint. Damit hat ja niemand rechnen können.“

    Bernhard Rhein ist Bürgermeister des kleinen Ortes. 1123 Menschen leben in Gaukönigshofen, weitere 1400 in den Ortsteilen. „Das ist eine Tragödie“, sagt er. Sein Mitgefühl gilt den Opfern. Aber auch Riaz tue ihm leid. Bei der Pflegefamilie des Jungen war er noch nicht. An diesem Donnerstag will er sie besuchen. Mittwochnachmittag wollte die Familie den Jungen im Rathaus anmelden, erzählt der Bürgermeister. Er hofft nun, dass durch den Vorfall die Integrationsbemühungen im Ort nicht nachlassen. Viele aus dem Helferkreis hätten noch Kontakt zu den Flüchtlingen, die vorübergehend in der Notunterkunft lebten. Sie helfen bei der Wohnungssuche, vermitteln Arbeitsplätze, helfen bei Sprachproblemen. Bernhard Rhein sorgt sich auch um den Ruf der Mittelschule. Hier werde eine hervorragende Integrationsarbeit geleistet. „Hoffentlich kommt das dadurch nicht ins Stocken.“

    Spekulationen um Herkunft des Täters noch nicht aufgeklärt

    Auch Paul Lehrieder denkt so. Der CSU-Bundestagsabgeordnete wohnt in Gaukönigshofen, war lange Zeit hier Bürgermeister. „Riaz Kahn Ahmadzai hat den positiven Ansätzen der Integration einen Bärendienst erwiesen“, sagt er. Nach Informationen der Redaktion haben bereits Familien, die Pflegekinder aufgenommen haben, diese wieder in die Obhut des Jugendamtes gegeben. Aus Angst, sie könnten ein ähnliches Schicksal erleiden, wie die Familie in Gaukönigshofen.

    Unterdessen kamen Zweifel an der Herkunft von Riaz Kahn Ahmadzai auf. Am Dienstagabend wurden Vermutungen laut, wonach der Attentäter nicht aus Afghanistan, sondern aus Pakistan stammen könnte. Auch am Mittwoch klärten die Ermittler diese Spekulation auf Nachfrage der Redaktion noch nicht auf.

    Unter Berufung auf Sicherheitskreise hatten Medien berichtet, man habe ein pakistanisches Dokument im Zimmer des 17-Jährigen gefunden. So könnte er sich nur als Afghane ausgegeben haben, um in Deutschland leichter Asyl zu bekommen – keine seltene Praxis, wie es aus dem pakistanischen Innenministerium heißt. Im Gegensatz zu Afghanen würden Pakistaner in der Regel als Wirtschaftsflüchtlinge angesehen und schnell wieder zurückgeschickt. Rund 90 000 allein im Jahr 2014.

    Allerdings gibt es auch eine andere mögliche Erklärung für die Papiere: Viele Afghanen besitzen pakistanische Dokumente, zum Beispiel weil sie eine Weile in Pakistan gelebt haben. Der junge Attentäter könnte sich dort als Flüchtling aufgehalten haben. Viele Millionen Afghanen sind in den vergangenen Jahrzehnten vor Krieg nach Pakistan geflohen. Derzeit leben immer noch rund 1,5 Millionen registrierte und geschätzt eine Million unregistrierte Afghanen dort. Im Frühjahr stammten bis zu 20 Prozent der afghanischen Flüchtlinge in Europa aus den Flüchtlingslagern im Iran oder in Pakistan.

    De Maizière zweifelt nicht an afghanischer Nationalität

    Bundesinnenminister Thomas de Maiziere (CDU) sah am Mittwoch keinen Anlass, an der afghanischen Nationalität des Attentäters zu zweifeln. Gegen die Annahme, dass es sich um einen Pakistaner handle, spreche der Hinweis auf das möglicherweise auslösende Motiv für den Anschlag: der Tod eines Freundes in Afghanistan. Ferner liege ein Antrag auf Zusammenführung der Familie vor – dieser beziehe sich auf Afghanistan. Nicht auf Pakistan.

    Zudem spricht der Attentäter in dem vom sogenannten Islamischen Staat veröffentlichen Drohvideo eine der beiden Haupt-Landessprachen Afghanistans, Paschtu. Diese Sprache wird zwar auch in Pakistan gesprochen, vor allem in den Grenzgebieten zu Afghanistan. Akzent und Vokabular von Riaz Khan Ahmadzai scheinen aber eher auf eine afghanische Herkunft zu deuten, hieß es. Für einen Nicht-Muttersprachler, etwa in einer Flüchtlingsregistrierungsstelle, sei es allerdings unmöglich, das zweifelsfrei zu unterscheiden, erklärt Orientalist Matthias Hofmann im Gespräch mit der Redaktion. Als Reserveoffizier der Bundeswehr war Hofmann unter anderem als landeskundlicher Berater in Afghanistan eingesetzt.

    Was die Radikalisierung oder eine mögliche Nähe zum Islamischen Staat angeht, mache es „keinen Unterschied, ob der Attentäter aus Pakistan oder Afghanistan“ stammte, so Hofmann weiter. Zwar versuche der IS in beiden Ländern Fuß zu fassen und Anhänger zu gewinnen. Echten Einfluss auf die Bevölkerung habe der IS dort aber noch nicht.

    Demonstration syrischer Flüchtlinge: „Nicht in meinem Namen“

    Die schreckliche Tat hat den Terror nach Mainfranken getragen. Die Idylle ist zerstört, und auch viele Flüchtlinge können die Tat nicht verstehen. Am Mittwoch trafen sich in der Würzburger Innenstadt rund 25 syrische Flüchtlinge zu einer Kundgebung, um sich von dem Angriff des 17-jährigen Riaz in einem Regionalzug zu distanzieren. Die Demonstration stehe unter dem Motto „Nicht in meinem Namen“, sagten Sprecher von Veranstaltern und Polizei. Die Polizei bestätigte, dass eine Demonstration ordnungsgemäß angemeldet worden sei. Die Flüchtlinge aus Ochsenfurt und Würzburg hätten die Demonstration selbst und auf eigene Initiative organisiert, sagte eine Sprecherin des Ochsenfurter Helferkreises.

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