• aktualisiert:

    EIBELSTADT

    Tesla: Das Auto, das zu Pausen zwingt

    Farroch Radjeh ist pro Jahr 80 000 Kilometer mit der E-Limousine unterwegs. Die Langzeiterfahrung des Eibelstädters? Alles perfekt. Wenn das Auto nur einen Haken hätte.

    Wenn man mit Farroch Radjeh im Tesla sitzt, fühlt man sich wie in einem über die Straße hinweggleitenden Computer. Der 421 PS starke Elektromotor gibt nicht mehr als ein leises Surren von sich, während man wie beim Flugzeugstart in den Sitz gedrückt wird, sobald Radjeh aufs Gas tritt. Die Mittelkonsole ist futuristisch geschwungen, ein großes Touch-Display prangt in der Mitte. Wahlweise kann man sich Bord-Infos, seine Lieblingsmusik, Terminkalender und Mails, Google Maps oder die Mondoberfläche anzeigen lassen. Den Mond im Auto? Es ist nur ein weiterer kleiner Gruß von Tesla-Gründer Elon Musk. Die Botschaft: Mit diesem Auto ist das Ziel noch lange nicht erreicht.

    Was der 46-Jährige aus dem kalifornischen Palo Alto erreichen will? Den Verbrennungsmotor abschaffen und den Wandel von einer Verbrennungswirtschaft zu einer Solar-Elektrowirtschaft beschleunigen. Zu diesem Zweck übergab Musks Firma ihre Patente weitestgehend der Öffentlichkeit, mit dem erklärtem Ziel, mehr saubere Mobilität auf die Straßen zu bringen. Teuflisch-geschickter Schachzug, sagen Ökonomen: Musk setzt den Standard und schafft sich die Konkurrenz, die das Elektroauto überhaupt erst auf einem breiten Markt salonfähig machen kann.

    Endlich wieder saubere Luft

    Und die Vision des Investors geht weiter: Musk möchte der Erde endlich wieder saubere Luft verschaffen, jegliche Verkehrsstruktur revolutionieren und die Raumfahrttechnologie so weit vorantreiben, dass es möglich ist, den Mars zu besiedeln und der immer weiter wachsenden Weltbevölkerung einen Alternativplaneten zu bieten. Alles auf höchstem technischen Niveau, gesteuert von Computern, die die „Fehleranfälligkeit“ des Menschen auszugleichen wissen.

    Ein Großkotz, Spinner, zu viel Science-Fiction gelesen, sagen die einen. Und die Autobauer halten Tesla entgegen, dass etwa die Herstellung der Lithium-Ionen-Batterien auch nicht gerade umweltfreundlich sei. Pionier, Genie, der cleverste Unternehmer unserer Zeit, sagen die anderen über Elon Musk.

    Farroch Radjeh gehört zur zweiten Gruppe. Für den Eibelstädter ist Musk „ein genialer Typ“. Seit gut drei Jahren fährt Radjeh einen Tesla Model S. Ein „Elektrogeschoss“. Im Jahr legt er damit 80 000 Kilometer zurück – obwohl die Reichweite einer vollen Batterieladung nur etwa 400 Kilometer beträgt.

    Wenn Radjeh früh am Morgen losfährt, ist sein Auto vollgeladen. Über Nacht parkt es der Unternehmer entweder bei sich zu Hause oder an der Ladestation der Stadt Eibelstadt. Um sie zu schonen, soll die Batterie nicht zu lange voll aufgeladen am Strom hängen. Deswegen lädt der Wagen über Nacht nur auf 80 Prozent, Radjeh tippt direkt nach dem Aufstehen auf seinem Handy auf „Weiterladen“. Die App sendet den Auftrag ans Auto, das eine komplett eigene Internetversorgung hat.

    Nachladen nach zwei Stunden

    Bis Radjeh geduscht hat, ist auch der Tesla startklar. „Nach so zwei Stunden fahre ich an den nächsten Supercharger und lade nach“, sagt der Unternehmer. Supercharger, das sind die Tesla-eigenen Ladestationen an Autobahnraststätten. Mit dem Kauf eines Model S erwirbt man die Erlaubnis, hier kostenlos zu laden. 60 Stationen gibt es inzwischen in Deutschland, die nächsten stehen an den Autohöfen im Gramschatzer Wald, in Geiselwind und in Wertheim. „Als ich das Auto neu hatte, waren es gerade mal vier in ganz Deutschland. Da hab ich nach ein paar Wochen schon gedacht: ,Was hast du dir da nur eingebrockt?‘“, sagt der Chef der FR Event- und MesseCatering GmbH.

    Stehengeblieben sei er nie, nur einmal war er kurz davor. „Heute klappt alles wunderbar. Das Auto rechnet mir aus, wie lang ich noch fahren kann und beschreibt mir den Weg zur nächsten Ladestation.“

    Wenn Radjeh dann eine halbe Stunde Zeit hat, während das Auto am Strom hängt, schüttet er sich ein Müsli zusammen, fährt den Sitz zurück und klemmt sich hinter den Laptop. „In den Ladepausen erledige ich meine Mails, frühstücke oder entspanne mich einfach kurz.“ Früher sei das undenkbar gewesen: „Da bin ich immer knapp losgefahren und um jede Minute feilschend über die Autobahn gehetzt.“ Heute zwingt ihn sein Auto in Pausen. „Wunderbar entspannend“, sagt der 62-Jährige. „Für einen 35-jährigen Jungmanager, der immer schneller, weiter, höher will, ist das Auto nichts. Aber ich fühle mich einfach sauwohl damit.“

    Kein Stress dank guter Planung

    Wenn man „ein bisschen plant“, habe man „absolut keinen Stress“. Noch einen Nebeneffekt hat der Eibelstadter festgestellt: „In den Pausen geht man sicherheitshalber immer mal aufs Klo – so kommt man nie panisch irgendwo an und muss erst mal rennen.“

    Radjeh hat vom ersten Tag an Buch geführt, alle Kosten, alle Kilometerstände, Mängel und Garantieleistungen in ein Excel-Dokument gepackt. „So viel Projekt hab ich vorher aus noch keinem Auto gemacht.“ 240 000 Kilometer ist er bislang gefahren. Strom im Wert von 1200 Euro hat das Auto seitdem gebraucht, einen Großteil davon hat Radjeh an den Superchargern gezapft. Acht Jahre lang hat er Garantie auf Akkus und Batterie des Elektromotors – also auf die Herzstücke und teuersten Komponenten des Wagens. Zweimal hat das Auto bereits Ersatz gebraucht, für Radjeh kostenlos.

    „Kinderkrankheiten“, sagt er. Sein Auto war eines der ersten Model S überhaupt auf dem deutschen Markt. „Bis auf ein paar Sätze neue Reifen, die man einfach braucht, wenn man so viel fährt, habe ich eigentlich noch kein Geld in das Auto gesteckt.“ 114 000 Euro hat er für den neuen Wagen damals gezahlt – freilich kein Pappenstiel. „Ein Auto mit Verbrennungsmotor hätte natürlich weniger gekostet, allerdings ein so hochwertiges auch nicht wesentlich weniger. Und da hätte ich schon weit über 20 000 Euro in Sprit gesteckt.“ Noch viereinhalb Jahre hat Radjeh Garantie auf die Antriebseinheit. Wenn er so weiter fahre wie bisher, überschlägt er, habe sein Tesla dann über eine halbe Million Kilometer auf dem Tacho.

    Dabeisein bei etwas Innovativem

    Doch Kostenvergleiche, findet er, sind nicht alles: „Man hat mit dem Auto einfach das Gefühl, bei etwas Innovativem vorne mit dabei zu sein.“ Ein bisschen fortschrittliches Silicon-Valley-Feeling in Eibelstadt also? Radjeh lacht: „Ja, definitiv. Es gibt mir schon was, wenn der Fahrer an der Ampel neben mir laut mit seinem Motor aufheult und eine dicke Hose markiert. Und ich dann einfach ganz galant, ohne viel Getöse, aufs Gas tippe und an ihm vorbeiziehe. Sauber, unaufgeregt und ohne eine große Wolke hinter mir.“

    Radjeh gefällt die Vision, die hinter Tesla steckt. Zu Hause hat er Solarstrom, seine Catering-Firma hat mittlerweile komplett auf erneuerbare Energien umgestellt. „Wer sich mit einer gewissen nachhaltigen Lebensweise und einem weitsichtigen Umgang mit den Ressourcen identifizieren kann“, sagt er, „für den ist das Auto genau das Richtige.“

    Der 62-Jährige ist so überzeugt vom Konzept, dass er das Model 3, den neue Tesla, gleich zweimal vorbestellt hat. Das Auto ist ein weiterer Schritt in Elon Musks Masterplan, die Welt mit Elektroautos zu versorgen. Und er ist jener Wagen, auf den das US-Unternehmen seit seiner Gründung hinarbeitet. Erst eine Oberklasse-Limousine, das Model S. Dann einen schickeren SUV, das Model X. Und schließlich ein bezahlbares Mittelklasseauto für jedermann – so lautete vor zehn Jahren Musks Vorhaben. Mit dem neuen Model 3, das es ab rund 35 000 Euro geben soll, setzt er es um. Eine halbe Million Vorbestellungen soll es schon geben, genaue Zahlen nennt das Unternehmen nicht.

    Und keiner der Besteller hat das Auto bislang gesehen: Gerade erst startete die Produktion, im Laufe des Jahres sollen die ersten Fahrzeuge zunächst an der amerikanischen Ostküste, dann im Rest der USA und ab 2018 dann in Deutschland ausgeliefert werden.

    Radjeh ist sich sicher: Auch das Model 3 wird ihn begeistern. Und er freut sich, dass er wieder einer der Ersten sein wird, der das neue Elektroauto fährt. Seine größte Hoffnung? Dass das Auto endlich einen Haken hat. „Bei aller Begeisterung: Da stellt der Elon Musk ein Auto mit 400 PS hin, das alles macht, was man sich nur vorstellen kann. Aber denken Sie, der baut einen Haken ein, an dem man sein Sakko aufhängen kann?“

    Weitere Artikel
    Fotos

      Kommentare (1)

      Kommentar Verfassen

      Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!