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    WÜRZBURG

    Gardetanz als Sprungbrett ins Leben

    Als Tanzmariechen fing Jeanette Lenger ihre karnevalistische Karriere an. Nun tritt sie nach über 30 Jahren von der Bühne ab. Dem KaGE Elferrat hält sie weiter die Treue.

    Als Tanzmariechen oder in der Garde aufzutreten, das ist weit mehr als nur Herumhüpfen. Der dies sagt, ist der Lengfelder Roland Wagner. Der Schulrektor weiß, wovon er spricht, denn er war über 30 Jahre in der karnevalistischen Jugendarbeit auf Vereins-, Bezirks- und Bundesebene tätig. Das beste Beispiel ist dabei seine eigene Tochter Jeanette Lenger. Nach über drei Jahrzehnten als Tänzerin und Trainerin tritt sie nun von der Bühne ab.

    Begonnen hat die bewegende Karriere von „Jenny“, als sie drei Jahre alt war. Ihre Kindergärtnerin Gudrun Stahl, deren Mann Edgar Stahl gerade mit dem Goldenen Verdienstorden des Bundes Deutscher Karneval (BDK) ausgezeichnet wurde, hatte sie überredet, in die neu gegründete Purzelgarde der Faschingsgesellschaft Lengfeld einzutreten. „Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass ich sehr stolz war, in einem Kükenkostüm zu ,Klingelingeling, hier kommt der Eiermann' getanzt zu haben. In ihrem zweiten Purzelgarden-Jahr ging sie als „Tick, Trick und Track“ auf die Bühne, was die kleine Jeanette auf Grund des Kostüms ein bisschen doof fand.

    Närrische Gene vom Opa geerbt

    Zwei Jahre später stand Jeanette mit Robin Sieke, Sohn des Elferrates Rainer Sieke, als Tanzpaar auf der Bühne. Den klassischen Gardetanz hatten beide beim TSV Lengfeld trainiert. Wieder zwei Jahre später hat sie sich auf die eigene Füße gestellt und wurde Tanzmariechen. Vieles hat sie sich selbst beigebracht. Schon im Kindergarten hatte sie Rad und Spagat geübt. „Ich frag mich heute noch warum“, lacht sie. „Das steckt einem wohl im Blut“, vermutet sie, denn schließlich war ihr Opa schon im Fastnachtverband Oberfranken aktiv.

    Als Tanzmariechen trat Jeanette bis 2000 auf und ist auch damals schon auf viele Turniere gegangen. Nach den Statuten des Bundes Deutscher Karneval gab es damals nur den klassischen Mariechentanz. Jeanette hatte aber Lust auf etwas eigenes. „Das ist wie Pflicht und Kür bei Eislaufen“, sagt sie, und so habe sie angefangen, den Schautanz für Solisten zu etablieren, was es ihres Wissens nach damals noch nirgends gab. Ihr erster Auftritt in neuer Rolle war „Die Julischka aus Budapest“, für das sie sich ein typisch ungarisches Kostüm hatte schneidern lassen. „Das kam damals so gut an, dass ich immer neben dem Mariechentanz auch einen Schautanz aufgeführt habe.“

    Einziges Tanzmariechen mit Schautanz

    Im Jahr 2001 wechselte Jeanette – wie auch ihr Vater – zur 1. Karnevalsgesellschaft Elferrat Würzburg. Dabei folgten sie dem „Lengfelder Lockvögele“ Burkard Pfrenzinger, der mit seiner Ute einmal Prinzenpaar in Lengfeld war und dann Sitzungspräsident in Würzburg wurde. Als Tanzmariechen war sie damals jeden Abend in der Saison in Unterfranken unterwegs. Als einziges Tanzmariechen mit Schautanz war sie stark gefragt. So sind nebenbei auch viele Freundschaften entstanden, die ihr Leben reich machen. „Es war ein anstrengender Fulltime-Job. Am Rosenmontag bin ich zuhause auch schon mal im Flur eingeschlafen.“

    Vier Jahre hat Jeanette mit der kleinen Anna-Maria Schömig trainiert und getanzt, deren Eltern Rainer und Claudia auch einmal Prinzenpaar waren. 2008 war der letzte Auftritt der beiden, dann wurde sie Trainerin von Anna-Maria und Lisa Schraud (EKG Estenfeld), die Tochter der heutigen Estenfelder Bürgermeisterin Rosi Schraud.

    Werbung für die Prinzengarde

    2009 brachte Jeanette ihren Sohn Julius und 2012 ihre Tochter Johanna zur Welt. Mit ihrem Mann, dem Gymnasiallehrer Stefan Lenger, war sie zwei Jahre hintereinander von 2014 bis 2016 Würzburger Prinzenpaar, zunächst mit dem Beinamen „von den tanzenden Wissenschaften“, dann „von den närrischen Zahlen“, denn sie war damals 33, ihr Mann 44 und beide befanden sich im 11. Ehejahr.

    Im Jahr 2012 übernahm Jeanette die zeitaufwändige Aufgabe als Trainerin der Prinzengarde der KaGe Elferrat. „Damals waren nur noch vier Mädels aktiv, und da mussten wir die Garde erst einmal wieder aufbauen.“ Im Internet machte die Trainerin viel Werbung, und das mit Erfolg. 2012 hatte die Prinzengarde bei der Gala-Prunksitzung ihren ersten Auftritt mit ihrem Tanz „Gangnam Style“, bei dem selbst Burkard Pfrenzinger in seinem letzen Jahr als Sitzungspräsident mitgetanzt hat. Als Trainerin hatte sie die Choreografie und die Kostüme entworfen sowie die Musik selbst am Computer geschnitten.

    Fünf Mal unterfränkische Meisterin

    In diesem Jahr hatte Jeanette mit „Summertime“ nun ihren letzten Auftritt als Trainerin, und auch da begeisterte sie wieder das Publikum mit dem fliegenden Übergang vom Garde- in den Showtanz.

    Der Abschied treibt Jeanette schon ein paar Tränen in die Augen. Was bleibt, sind schöne Erinnerungen: als Höhepunkt etwa der Auftritt mit der Garde bei der berühmtesten Karnevalsveranstaltung in Köln-Gürzenich. Fünf Titel als unterfränkische Meisterin erinnern sie an ihre Zeit als Mariechen, sechsmal war sie dazu unterfränkische Vizemeisterin. Zu den schönen Erinnerungen gehört aber auch der soziale Einsatz etwa bei den Auftritten in Würzburger Altenheimen oder der Besuch in der Kinderstation „Blaue Berge“ als Prinzessin.

    Ein großes soziales Netzwerk

    Und noch etwas hat der Fasching Jeanette Lenger verschafft: das Sprungbrett zu ihrer beruflichen Karriere. Elferrat Hubert Noras, Medizintechniker auf dem Feld der Magnet-Resonanz-Technologie (MRT), hat sie inspiriert.

    So hat sie nach dem Abitur mit Leistungskursen in Mathematik und Physik in Würzburg Nanostrukturtechnik mit Schwerpunkt Biophysik studiert, dann ihren Doktortitel zum Thema „Depressionsdiagnostik mittels MRT“ in Erlangen gemacht. Danach begann ihre berufliche Laufbahn bei Siemens Healthineers im Bereich MRT als Produktmanagerin. Seit knapp einem Jahr ist sie Teamleiterin bei Siemens Healthscare in Erlangen für den weltweiten technischen Kundenservice.

    Karnevalistisch will Jeanette Lenger der KaGe Elferrat weiter treu bleiben. „Es wird sich schon ein Amt finden“, denn der traditionsreiche Verein ist ihr „wie eine Art Familie ans Herz gewachsen.“ Fasching ist und bleibt für sie weit mehr als nur eine Gaudi: „Man nimmt so viel mit, was einem auch im Leben unglaublich hilft, weil man so viele Menschen kennenlernt. Der Karneval ist ein großes soziales Netzwerk.“

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