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    DIE WOCHE

    Wieso will jeder immer glänzen?

    Sich selbst ins beste Licht zu rücken hat Methode, vor allem bei den Schönen und Mächtigen. Das zeigt sich auch in Interviews, die nur selten dem Original entsprechen.

    Boris Becker ist gar nicht pleite, nein. Ich weiß das aus einem großen Interview, das vor einer Woche in der Süddeutschen Zeitung erschienen ist. Becker hat den Kollegen der SZ seine Geschichte erzählt, und die geht anders als die einer englischen Richterin, die den deutschen Tennisstar und 17-jährigsten Leimener aller Zeiten mal rasch für bankrott erklärt hatte.

    Der heute 49-Jährige hat auch noch mehr erzählt. Dass er mehr sei als „nur Gesicht, Hülle und Name“. Becker präsentierte sich in dem Gespräch ganz anders, als ich ihn zeit seines öffentlichen Wirkens immer wahrgenommen hatte. So reflektiert und rational kannte ich ihn bislang nicht. Das kann an mir liegen. Man hat ja gewisse Leute im Kopf – und dazu in der Regel eine vorgefertigte Meinung. Es könnte allerdings auch an Beckers PR-Strategen liegen, die sich im Hintergrund in besonderer Weise für ihren Schützling ins Zeug gelegt hatten.

    Auf Manuskripten von Politikern steht häufig der Zusatz. „Es gilt das gesprochene Wort.“ Leider trifft das für Interviews nicht zu. Größen, nicht nur aus der Politik, behalten es sich vor, ein Interview noch einmal gegenzulesen, wenn es abgetippt ist.

    Autorisierung heißt das in der Fachsprache. Lehnt man das als Medium ab, gibt es auch kein Interview. Man muss sich das so vorstellen: Ein Bildhauer fertigt ein Porträt – und dann kommt der Porträtierte und sagt, die Nase, die im Original eine Knolle ist, müsse aber deutlich kleiner werden. Die Augen dürften nicht so stechend sein, ja, und das Doppelkinn müsse ganz verschwinden. Dies entspricht dann zwar nicht mehr der gezeigten Person und deren Ebenbild, lässt sie aber deutlich vorteilhafter aussehen.

    Für Minister, Manager oder Mimen ist das sehr wichtig. Sie wollen ja et-was verkaufen: im Zweifel sich selbst. Auch sie haben gute und schlechte Tage. Dumm, wenn dann der Interviewtermin auf einen der schlechteren Tage fällt.

    In solchen Momenten schlägt die Stunde der PR-Berater. Sie setzen munter den Rotstift an, gefallen sich darin, einzelne oder ganze Passagen zu streichen, zu kürzen oder hinzuzufügen. Aber sie tun ihren Klienten keinen Gefallen, ein Interview derart zu verstümmeln, dass es nichts mehr von seiner Urversion hat. Denn ein Interview lebt ja gerade von seiner Spontaneität und Glaubwürdigkeit, es soll die Person spiegeln und keine Kunstfigur schaffen.

    Das Publikum ist nicht so dumm, wie einige glauben, und würde das auf Dauer merken.

    In den neunziger Jahren führte ich ein Interview mit Michael Glos, der gerade zum einflussreichen Vorsitzenden der CSU-Landesgruppe im Bundestag aufgestiegen war. Es war die Zeit, als Deutschland noch von Bonn aus regiert wurde und die Medienwelt noch analog tickte. Meine erste Frage an Glos: Welchen Posten werde er als Nächstes anstreben? Im Skript, das ich später von seiner Pressestelle zurückerhielt, stand zu lesen: „Ich bin kein Zeisig, der von Ast zu Ast hüpft.“

    Ein hübscher Satz, doch er hatte einen Makel: Glos hatte ihn nie gesagt, wie manch andere Dinge auch nicht. Das Interview erschien am Ende trotzdem – ich konnte mit den Änderungen leben. Nur geführt war es anders.

    Andere Gespräche sind niemals gedruckt worden – weil Verlage und Redaktionen sich nicht vor den Karren eitler, gefallsüchtiger Akteure spannen ließen. Warum wollen alle immer glänzen? Warum nicht auch mal aus der Reihe tanzen?

    Weil die Gesellschaft sensibel auf jede Abweichung von der Norm reagiert. Weil sie Fehler nicht mehr verzeiht. Weil ihr Hang zu politischer Korrektheit inzwischen pathologische Züge trägt.

    Immer schön mitschwimmen im begradigten Flussbett des Mainstreams. Das erklärt teils auch den Erfolg der Kanzlerin. Sie hat das Land sediert mit ihrer politikfernen, präsidialen Art, mit ihrem ambitionslosen Pragmatismus. Dabei lebt Demokratie ja gerade vom Widerstreit der Meinungen.

    Merkel ist Physikerin. Sie weiß: Je mehr heiße Luft sie in die Atmosphäre absondert, umso höher steigt ihr Ballon.

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