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    FUßBALL:

    "Die Schiedsrichter waren meine Kinder"

    Mit 80 Jahren hat Horst Knorpp sein Amt als Schweinfurter Obmann an Heinrich Keller abgegeben. Im Gespräch unterhalten beide sich unter anderem über den Videobeweis.

    Am 2. Dezember ist für die Schweinfurter Schiedsrichtergruppe eine Ära zu Ende gegangen. Horst Knorpp, seit 1961 Mitglied der Gruppe, wurde im Rahmen der Hauptversammlung in Hergolshausen aus seinem Amt als Gruppen- und Kreisschiedsrichterobmann verabschiedet. Sein Nachfolger heißt Heinrich Keller. Im Gespräch mit dieser Redaktion unterhalten beide sich über Probleme mit Nachwuchs und Verband, Achtung vor dem Schiedsrichter und den Videobeweis.

    Frage: Herr Knorpp, nach 47 Jahren in der Schiedsrichtergruppe ist jetzt Feierabend. Wie kam es zu Ihrer Entscheidung?

    Horst Knorpp: Es ist beim Verband ja so, dass man irgendwann einmal gesagt bekommt, dass ein Jüngerer dran ist. Da wird heutzutage nicht gefragt, ob man physisch in der Lage ist, sondern es wird nur auf das Alter geguckt.

    Auch bei den Schiedsrichtern? Da ist doch dauerhaft die Rede vom fehlenden Nachwuchs . . .

    Knorpp: Früher hat man immer gesagt, wenn du aufhörst, stehen zehn andere hinten dran, die die Position übernehmen wollen. Wenn ich mich umgedreht habe, habe ich nur heiße Luft gesehen. Ich habe mit der Schiedsrichterei gelebt, bin nicht verheiratet und habe keine Kinder. Deshalb waren die Schiedsrichter meine Kinder. Ich hatte immer einen guten Draht zur Jugend und habe mich auch dafür interessiert, was privat im Leben der Leute los ist. Oft sind das ja Jugendliche, wenn da die Eltern nicht hintendran stehen, hat der Obmann ein Problem. Man muss den Hintergrund kennen.

    Herr Keller, das klingt nach guten Ratschlägen für den Nachfolger, oder?

    Heinrich Keller: Ja, wir waren ja schon immer im regen Meinungs- und Erfahrungsaustausch. Was Horst eben erzählt hat, ist für mich nichts Neues. Er hat das ja immer schon offen so praktiziert. Letztendlich wird man sich immer, bevor man einen Schiedsrichter verliert, viel Zeit für ihn nehmen.

    Knorpp: Wir haben zum Beispiel einen jungen Schiedsrichter in Kützberg. Von dort fährt er mit dem Bus nach Schweinfurt, bei der Oma steht das Fahrrad und mit dem fährt er dann von Schweinfurt nach Garstadt oder wer weiß wohin. Das ist einer, der hat einfach Interesse, da muss man nicht hintendran sein. Aber wir haben halt auch andere, bei denen ich sage: die können's. Aber die haben dann dies und jenes, da musst du dauernd dran sein. Du willst eben keinen verlieren.

    Keller: Das Interessante ist ja bei den Jugendlichen, dass die Begründungen teilweise haarsträubend sind. Wenn ich in drei Jahren Abitur mache und behaupte, darum muss ich jetzt mit dem Pfeifen aufhören, dann müsste ich eigentlich alle Wochenendaktivitäten einstellen.

    Was macht man da als Funktionär? Man ist doch in einer Zwickmühle, weil man kaum jemanden hat, sich aber von solchen Kandidaten irgendwann eigentlich auch trennen müsste.

    Knorpp: Es muss schon viel zusammenkommen, damit wir jemanden rausschmeißen. Das ist zumindest meine Devise. Es gibt Kollegen, die das anders sehen. Aber rausgeworfen ist schnell einer. Das Halten, vielleicht doch wieder Aktivieren, das ist das Problem. Deshalb haben wir auf der Liste Namen, die normalerweise nicht draufstehen müssten. Aber der Verband tut äußerst wenig für die Nachwuchsförderung. Und auf der Spielgruppentagung rede ich mir den Mund fusselig, dass wir Nachwuchs brauchen. Und die, die drinnenhocken, geben es nicht weiter. Dann kommen sechs Männchen zum Neulingslehrgang, von denen zwei gleich wieder aufhören. Drei fallen durch die Prüfung und dann haben wir den ganzen Aufwand für einen Schiedsrichter betrieben.

    Wie kann es besser werden?

    Keller: Mir schwebt schon vor, dass Leute, die drei oder vier Mal unentschuldigt nicht zum Spiel anreisen, zumindest mal Konsequenzen angedroht bekommen. Letztendlich schädigen wir uns ja selbst. Die Vereine schimpfen dann auf die Schiedsrichter und sagen: Was ist das für ein Kuddelmuddel? Nur muss ich auch sagen: Schuld sind die Vereine selbst.

    Inwiefern?

    Keller: Weil sie ganz einfach zu wenige Schiedsrichter schicken. Meiner Meinung nach interessieren die Geldstrafen die Vereine null Komma nichts. In Hessen droht der Verband mit Punktabzug.

    Sollte man wirklich eine Mannschaft bestrafen, weil sich keiner finden lässt, der Schiedsrichter werden möchte? Man kann ja niemanden zwingen.

    Keller: Aber umgekehrt ist es in Ordnung, dass der Schiedsrichter sich am Sonntag 90 Minuten lang bis zum Brutalsten beleidigen lassen muss. Das ist selbstverständlich.

    Knorpp: In der letzten Saison hat der Schiedsrichter zweimal die Polizei gebraucht, in Bad Kissingen und Würzburg. Wenn die Leute auf den Sportplatz gehen, lassen sie den Verstand im Küchenschrank.

    Warum nimmt man das auf sich? Was treibt einen dazu, allem zum Trotz Schiedsrichter zu werden?

    Knorpp: Bei mir in erster Linie die Kameradschaft. Ich habe viele Freundschaften geschlossen, war bei einem anderen Schiedsrichter Trauzeuge. Das gehört auch dazu. Ich habe viele Ausflüge organisiert, das macht viel Arbeit. Aber wenn danach die Leute sagen: Mensch, das war wieder klasse – das ist der Lohn dafür.

    Bei Ihnen, Herr Keller?

    Keller: Ich habe selbst gespielt, bis ich 35 war. Und ich habe immer schon die Kameradschaft innerhalb des Fußballs geschätzt. Dann habe ich überlegt: Was machst du jetzt? Und bin Schiedsrichter geworden. Früher war es aber auch einfacher, zur Frau zu sagen: Du hast einen Fußballer als Ehemann. Da war es selbstverständlich, dass man viel unterwegs war. Das ist heute anders. Aber ich möchte gerne noch etwas zur Wertschätzung des Schiedsrichters sagen.

    Bitte, gerne.

    Keller: Es gibt keinen Sport, in dem der Schiedsrichter nach jeder Entscheidung so angegangen wird, wie beim Fußball. Schauen Sie sich Handball an. Da kommt der Pfiff und der Spieler geht raus, ohne Diskussion. Und beim Fußball? Da muss jede Entscheidung diskutiert werden. Und das ist auch der Grund, aus dem uns der Nachwuchs fehlt. Die jungen Leute sagen: Ich tue mir das nicht an. Wenn du einen jungen Schiedsrichter zu Seniorenspielen schickst, weißt du, dass er nach dem zweiten aufhört.

    Sie haben nicht aufgehört.

    Keller: Weil ich auch sage: Das Schiedsrichterwesen ist wie eine Sucht. Wenn früher die Karten zur Spieleinteilung verschickt waren, war man schon aufgeregt und gespannt, wo es am Wochenende hingeht.

    Und man bleibt lange beim Fußball. Grundsätzlich verbindet Spieler und Schiedsrichter doch auch die Liebe zu diesem Sport, oder?

    Knorpp: Auf jeden Fall. Und man lernt viel fürs Leben. Die Durchsetzungsfähigkeit, die Akzeptanz. Und auch, andere Meinungen anzuerkennen. Ich darf nie auf den Platz gehen und sagen: Ich bin der Herr und Gebieter. Sondern muss auch die Situation des Spielers verstehen und auch einmal Fehler zugeben. So wird man als Schiedsrichter auch beim Spieler akzeptiert. Die meisten sagen ja: Ich mache alles richtig. Aber das macht kein Schiedsrichter.

    Keller: Ich persönlich finde es nach dem Spiel total angenehm, wenn man sich ins Sportheim setzen und mit den Fußballern noch ein Bierchen trinken und das Spiel Revue passieren lassen kann. Fehler passieren. Als Schiedsrichter sehe ich manche Situationen halt auf dem Platz schlechter oder anders als ein Zuschauer auf einem Rang oder sogar im Fernsehen.

    Apropos Fernsehen, Stichwort Videobeweis. Ja, nein, vielleicht?

    Knorpp: Ich bin gegen den Videobeweis. Was jetzt, seit er eingeführt wurde, schon alles für ein Mist gelaufen ist. Wenn schon Videobeweis, dann so wie im Hockey: Jede Mannschaft hat pro Hälfte einen Versuch, wenn sie Recht hat, kriegt sie noch einen. Im Fußball ist es ja so: In jeder kritischen Situation dauert es zwei, drei Minuten und auf einmal wird eine Entscheidung revidiert. Ob das der Weisheit letzter Schluss ist? Es bringt meiner Meinung nach viel mehr Unruhe. Viele Trainer sind ja auch dagegen und sagen, dass Fehlentscheidungen eben zum Fußball gehören.

    Keller: Fehlentscheidung sind das Salz in der Suppe. Was hätten die Zuschauer denn sonst am Montag zu diskutieren?

    Zu ihrer Anfangszeit konnte man vom Videobeweis nicht einmal träumen, Herr Knorpp. Erst neun Jahre, nachdem sie Schiedsrichter geworden sind, wurde ja überhaupt die gelbe Karte eingeführt . . .

    Knorpp: Früher habe ich zum Spieler gesagt: Sie sind verwarnt. Dann hat der genickt und beim nächsten Mal wurde er nochmal verwarnt. Das hat man außen ja gar nicht mitbekommen. Jetzt steht auch der Schiedsrichter nach einer gelben Karte unter Druck, beim nächsten Mal gleich Gelb-Rot zu zeigen.

    Keller: Wobei der Schiedsrichter, wenn er regelkundig ist, ja gar keine Alternativen hat. Es ist genau vorgeschrieben, in welchen Situationen Gelb oder Rot zu ziehen ist. Eine Ausnahme ist natürlich die Hand-Regelung, die ist eine Sache für sich.

    Anderes Thema: Schiri, wir wissen wo dein Auto steht – hatten sie in ihrer langen Laufbahn Versicherungsfälle zu melden, Herr Knorpp?

    Knorpp: Ich persönlich nicht, nein. Aber es hat solche Fälle gegeben, bei denen Autos zerkratzt wurden. Der ehemalige Bezirks-Obmann Ammersbach hat immer gesagt: Stellt euer Auto woanders ab und lauft zum Sportplatz. Es gibt leider oft Vernünftige, die nur vernünftig sind, wenn sie gewinnen.

    Keller: So, wie auch Spieler ausrasten, war es früher nicht. Da hat es alle zehn Jahre eine Tätlichkeit gegen den Schiedsrichter gegeben, jetzt hast du das zweimal im Jahr.

    Knorpp: Die Schmerzgrenze ist da deutlich nach unten gegangen. Wenn Zuschauer ausrasten und es stehen 20 andere Leute außenrum, sagt keiner was.

    Keller: Die Hemmschwelle geht immer weiter nach unten, ja. Wenn einer den Schiedsrichter blöd anmacht und der Heimverein liegt auch noch im Rückstand, hat man natürlich einen idealen Schuldigen. Dann brüllen die anderen wenn es sein muss noch mit.

    Was kann man tun, um sich als Schiedsrichter zu wehren?

    Knorpp: Der Platzordnungsdienst müsste die Namen feststellen. Aber das passiert kaum einmal.

    Keller: Und wenn einer vom Sportplatz verwiesen wird, stellt er sich eben fünf Meter weiter nach hinten auf die Straße und pöbelt von dort weiter. Es ist das Schicksal des Schiedsrichters und er muss es in Kauf nehmen. Der eine wird dadurch stark, der andere geht vielleicht zugrunde dabei und hört auf.

    Sie hören aus anderen Gründen jetzt auf, Herr Knorpp. Aber so ganz können sie es doch sicher nicht lassen, oder?

    Keller: Da haben wir ja eine gute Lösung gefunden und ihn zum Ehrenobmann gemacht mit beratender Funktion. Horst wird zu Besprechungen eingeladen und wir würden gerne auf sein Wissen zurückgreifen.

    Und das werden Sie gerne zur Verfügung stellen, richtig?

    Knorpp: Ja, dazu bin ich viel zu lang dabei.

    Stolze 47 Jahre. Um die voll zu machen, Herr Keller, müssten sie in 20 Jahren noch Obmann sein. Mit dann 83 Jahren . . .

    Keller: Mit Sicherheit nicht (lacht). Aber ich versuche, seine erfolgreiche Arbeit fortzuführen und die Gruppe weiterzuentwickeln.

    Zur Person

    Horst Knorpp wurde in diesem Jahr 80 Jahre alt. 1961 ist er der Schiedsrichtergruppe Schweinfurt beigetreten und hat Spiele bis zur Landesliga geleitet. Der Schweinfurter war später als Lehrwart, Beisitzer und schließlich seit 1998 Obmann aktiv, dazu seit 2005 als Kreisschiedsrichterobmann für den Fußballkreis Schweinfurt. Für sein außerordentliches Engagement erhielt er unter anderem die „Bayerische Sportmedaille für herausragendes Engagement im Ehrenamt“.

    Zur Person

    Heinrich Keller ist Nachfolger von Horst Knorpp als Obmann der Schiedsrichtergruppe Schweinfurt. Der 63-Jährige war seit 1990 Schiedsrichter, pfiff bis zur damaligen B-Klasse und war vorher selbst Spieler bei seinem Heimatverein DJK Hergolshausen. Seit 2014 bringt sich Keller als Funktionär ein, war zuletzt Beisitzer und verantwortlich für die Junioren. Eine seine ersten Amtshandlungen als Obmann war die Ernennung von Horst Knorpp zum Schweinfurt Ehrenobmann.

     

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