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    FUßBALL: ZWEITE BUNDESLIGA

    Gründe für den Absturz der Kickers

    Nur die bessere Torbilanz hält die Kickers derzeit noch über dem Strich zur Abstiegszone. Wie konnte es soweit kommen?

    Die Enttäuschung über die 0:1-Niederlage beim FC St. Pauli ist den Kickers-Akteuren (von links) Sebastian Neumann, Valde... Foto: foto2press, Frank Scheuring

    Bis Ostern hat er gehalten. Jetzt ist der Vorsprung komplett aufgebraucht. Mit einem Polster von 13 Punkten auf Relegationsplatz 16 war der FC Würzburger Kickers im Januar in die Rückrunde gestartet. Im Vergleich mit dem FC St. Pauli hatte das Team von Trainer Bernd Hollerbach sogar 16 Punkte mehr auf dem Konto. Mit dem 1:0-Sieg am Ostersonntag ist der Hamburger Kiezklub mit dem Aufsteiger gleichgezogen. Nur die bessere Torbilanz hält die Kickers derzeit noch über dem Strich zur Abstiegszone. Wie konnte es soweit kommen? Gründe für den Absturz der Würzburger, die zuvor zweieinhalb Jahre lang scheinbar unaufhaltsam durch die Ligen gepflügt waren:

    Die gute Vorrunde

    Wer hoch fliegt, der kann tief fallen. Es klingt verrückt, aber auch wenn die 27 Zähler aus der Vorrunde, genau jene Punkte sind, von denen die Kickers noch immer zehren – für die Entwicklung nach der Winterpause waren die guten Resultate im Herbst Gift. Platz sechs zur Saison-Halbzeit ließ einige im Umfeld gar von Liga eins träumen. Trainer Hollerbach warnte schon damals davor, leichtsinnig zu werden. Wirklich ernst nahm ihn da aber niemand. Vom Abstiegskampf wollte keiner etwas wissen. Und auch der Trainer selbst hat seinem Team nach der Vorrunde einen solchen Leistungseinbruch wohl nicht zugetraut.

    Als es darum ging, neben Lukas Fröde und Sebastian Ernst im Winter noch weitere Akteure zu verpflichten, winkte Hollerbach letzten Endes ab, weil ihm die Kosten zu hoch waren. Aus damaliger Sicht durchaus nachvollziehbar. „Zum Glück sind wir nicht in einer Situation wie Mannschaften im Keller, die etwas tun müssen“, sagte Hollerbach damals. Nun muss sich sein Team mit gewiss deutlich finanzkräftigeren Kontrahenten messen, die in der Winterpause gewaltig investieren konnten. Der FC St. Pauli ist da ein Beispiel, 1860 München ein anderes.

    Kickers-TV: Die PK nach dem 0:1 beim FC St. Pauli

    Formschwache Leistungsträger

    Vor allem jene Spieler, die in der Vorrunde für die Kickers-Treffer gesorgt haben, kommen nicht mehr auf Touren: Stürmer Elia Soriano, bis zur Winterpause fünffacher Torschütze, wartet seit dem Hinspiel beim 1. FC Nürnberg (2:2) am 18. November auf einen Treffer. Am Samstag ließ ihn Hollerbach bis kurz vor Schluss auf der Bank schmoren und begründete den Einsatz von Vertreter Marco Königs mit Trainingseindrücken. Nejmeddin Daghfous, in der Vorrunde an neun Treffern beteiligt, hat, nachdem er sich gleich zu Beginn der Vorbereitung verletzt hatte, seine Form nicht mehr gefunden.

    Der 30-Jährige, dessen Vertrag im Sommer ausläuft, war in der Rückrunde an keinem Treffer beteiligt. Und auch Rico Benatelli, nach Bekanntgabe seines Wechsels zu Dynamo Dresden mit einem Zwischenhoch und Toren gegen Bielefeld und Karlsruhe, konnte zuletzt nicht überzeugen. Auch der in der Vorrunde herausragende Tobias Schröck ist nicht mehr so auffällig und wurde zuletzt von einer Verletzung ausgebremst. Junior Diaz, im Sommer als Führungsfigur verpflichtet, wurde dieser Rolle bisher überhaupt noch nicht gerecht. Bleibt der zuverlässige Kapitän Sebastian Neumann, der den Laden zusammenhalten muss.

    Der Spielbericht: Die Würzburger Kickers verlieren in St. Pauli

    Der schmale Kader

    Die Kickers haben nach vier Abgängen in der Winterpause (Richard Weil, Sascha Traut, Dominik Noth-nagel, Dennis Russ) mit nur noch 21 Feldspielern den kleinsten Kader der Liga. „Diese Akteure haben keine Rolle mehr gespielt“, sagte Hollerbach zu den Abgängen. Fallen ein paar Spieler aus, fehlen die Alternativen. Ist der Kader wie in St. Pauli aber vollzählig, gibt es durchaus Auswahl. So saßen zum Beispiel Peter Kurzweg und Patrick Weihrauch über 90 Minuten auf der Bank. Gegen den 1. FC Nürnberg muss Hollerbach sich aber am nächsten Sonntag schon wieder etwas einfallen lassen. Mit Emanuel Taffertshofer und Tobias Schröck fallen zwei Spieler gelbgesperrt aus.

    Die späten Gegentore

    Die neun Gegentreffer ab der 80. Minute haben die Kickers im Jahr 2017 schon zehn Punkte gekostet. Am Samstag traf St.-Pauli-Akteur Christopher Buchtmann in der 88. Minute. Fragen nach der Kondition konterte Trainer Bernd Hollerbach in der Vergangenheit stets mit dem Verweis auf die guten Laufwerte seines Teams. Tatsächlich laufen die Rothosen meist mehr als der Gegner, aber oft auch dem Geschehen hinterher. Auch in St. Pauli, wo den Würzburgern die Spielkontrolle in der zweiten Spielhälfte verloren ging. „Wir konnten den Ball nicht mehr halten und haben keine Entlastung mehr bekommen“, stellte Kapitän Sebastian Neumann fest. So ist es häufig. Der Gegner lässt Ball und Gegner laufen. Das kostet die Kickers Kraft. Womöglich ein Grund, warum in den Schlussminuten so oft die Konzentration fehlt.

    Schlechte Standardsituationen

    Ein wirkliches Chancen-Feuerwerk gibt es in der Zweiten Liga selten zu sehen. Es dominieren die Abwehrreihen. Die meisten Teams rühren reichlich Beton an. Da ist es für die Kickers nicht leicht, spielerisch zu Torchancen zu kommen. Umso wichtiger wäre es, Standardsituationen dafür zu nutzen. Bei Ecken und Freistößen sind die Würzburger seit der Winterpause jedoch besonders harmlos. Kein einziger Kickers-Treffer fiel im Jahr 2017 nach einem ruhenden Ball. Umso bitterer, dass die Gegner regelmäßig zeigen, wie es funktioniert.

    Die Noten der Roten

    Fehlender Mut

    Dass die Kickers nach vier Monaten ohne Ligasieg nicht vor Selbstvertrauen strotzen, ist verständlich. Nach einer Führung versuchten die Kickers zumeist, diese ins Ziel zu retten. Am Samstag in Hamburg igelten sie sich in der zweiten Hälfte nur noch am eigenen Strafraum ein. „Wir haben uns versteckt“, stellte auch Kapitän Neumann fest. So wird es schwer für die Kickers, sich aus dem Strudel, in den sie geraten sind, zu befreien.

    Die Statistik des Spiels

    FC St. Pauli – Würzburger Kickers 1:0 (0:0)

    St. Pauli: Heerwagen – Ziereis (66. Buballa), Gonther, L. Sobiech, Dudziak – Buchtmann, Flum (75. Thy) – C. Sahin (80. Miyaichi), Möller Daehli, Sobota – Bouhaddouz.

    Würzburg: Siebenhandl - Pisot, Schoppenhauer, Neumann, Diaz – Schröck (57. Rama), Benatelli (64. Ernst, 88. Soriano), Fröde, Daghfous – Taffertshofer – Königs.

    Schiedsrichter: Jablonski (Bremen). Zuschauer: 29 546 (ausverkauft). Tore: 1:0 Buchtmann (88.).

    Gelb: Karten: Bouhaddouz (7), Möller Daehli (1), C. Sahin (8) / Taffertshofer (5), Schröck (5), Königs (1), Fröde (2).

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