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    FUSSBALL: DRITTE LIGA

    Michael Schiele: „Ich will bleiben, wie ich bin“

    Der Trainer verrät, wie ihn sein Aufstieg bei den Kickers selbst überrascht hat, warum mit ihm der Erfolg eingekehrt ist und wieso er weiter Schwäbisch reden will.

    Michael Schiele, der Chefcoach des Fußball-Drittligisten FC Würzburger Kickers, im Trainingslager in La Manga. Foto: Frank Kranewitter

    Als Fußball-Drittligist FC Würzburger Kickers im Oktober Michael Schiele nach der 0:5-Niederlage gegen Wehen Wiesbaden vom Interims- zum Cheftrainer machte, waren viele Beobachter erstaunt. Nach zuletzt sechs Siegen in Serie sind die Skeptiker aber verstummt. Im Trainingslager im spanischen La Manga spricht der 39-Jährige über das verrückte letzte halbe Jahr, seine Trainerphilosophie und die Ziele der Kickers.

    Frage: Lassen Sie uns zu Beginn einmal zurückblicken auf das ereignisreiche Jahr 2017. Hatten Sie während der Feiertage um den Jahreswechsel herum auch einmal Zeit, das Geschehene Revue passieren zu lassen, zur Ruhe zu kommen?

    Michael Schiele: Ich war einige Tage alleine beim Skifahren. Ganz alleine mit dem Lift hoch und dann runter ins Tal. Da war Zeit, abzuschalten und auch mal zurückzublicken auf das, was passiert ist. Auch mit mir persönlich.

    Vor einem Jahr steckten Sie selbst noch mitten im Fußballlehrer-Lehrgang, und die Kickers spielten in der zweiten Bundesliga.

    Schiele: Da ist wirklich einiges passiert. Anfang 2017 steckte ich voll im Prüfungsstress. Im März war die Abschlussprüfung. Danach hatte ich keinen Job. Es gab ein paar Anfragen aus dem Jugendbereich und auch eine von einem Bundesligisten. Von der Sache bei den Kickers war ich aber schnell überzeugt – weil der Verein gut aufgestellt ist, man nie etwas von finanziellen Problemen gelesen hat und es hier auch eine sportliche Perspektive gibt. Ich wäre damals sicherlich nicht zu jedem Drittligisten als Co-Trainer gegangen. Aber es gab gute Argumente für die Kickers. Ich hatte auch um etwas Bedenkzeit gebeten und bin dem damaligen Cheftrainer Stephan Schmidt und insbesondere dem Verein auch dankbar, dass er mir die gegeben hat.

    Die Sache mit dem Co-Trainer hatte sich dann aber ja auch schnell erledigt.

    Schiele: Dass ich drei Monate später erst zum Interimstrainer und dann zum Cheftrainer werde, hätte ich nie gedacht. Dafür war ich nicht nach Würzburg gekommen. Aber ich muss zugeben, ich hatte mir einmal zum Ziel gesetzt, mit 40 Jahren Cheftrainer zu sein. Dieses Ziel hatte ich dann aber schon einmal um zwei Jahre nach hinten geschoben. Jetzt ist es doch noch vor meinem 40. Geburtstag so gekommen.

    Und wie ist?s so als Cheftrainer?

    Schiele: Als ich die Mannschaft zusammen mit dem restlichen Trainerteam übernommen habe, war das schon harte Arbeit: die Vorbereitung der Trainingseinheiten, die Systemänderung, viele Einzelgespräche und dann noch die Pressetermine. Aber ich habe diese Aufgabe von Anfang an mit Leidenschaft angenommen. Und die Jungs haben super mitgezogen. Sonst hätten wir nicht eine solche Serie starten können.

    Die Dinge, die Sie sich vorgenommen hatten, für den Fall, dass Sie einmal Cheftrainer werden, scheinen ja nicht ganz falsch gewesen zu sein. Zumindest hat sich recht schnell der Erfolg eingestellt. Fühlen Sie sich bestätigt?

    Schiele: Was heißt bestätigt? Ich habe mit den Cheftrainern Ralph Hasenhüttl und Stefan Ruthenbeck mehrere Jahre zusammengearbeitet. Von beiden habe ich etwas mitgenommen und auch abgeschaut. Aber als Co-Trainer würdest du natürlich immer auch das ein oder andere anders machen. Ich bin ein Typ, der seine Meinung sagt. Damit bin ich sicherlich auch mal angeeckt. Wir haben es zum Beispiel bei den Kickers am Anfang mit einer Viererkette probiert. Ich fand eine Dreier- oder Fünferkette aber auch schon immer interessant. Als ich Cheftrainer war, haben wir umgestellt, und es ist tatsächlich nicht leicht, gegen uns zu spielen. Das hat hier in Spanien auch eine starke Mannschaft wie der FC Utrecht schon gemerkt.

    Taktik ist das eine, die Mannschaftsführung etwas anderes. Sie haben einige für die betroffenen Spieler harte Entscheidungen getroffen. Den Torwartwechsel von Wolfgang Hesl zu Patrick Drewes zum Beispiel. Man hat aber gerade hier im Trainingslager den Eindruck, dass auch jene Spieler voll mitziehen, die nicht sehr glücklich mit ihrer Situation sein können. Wie bekommt man das hin?

    Schiele: Es gab einige schwere Entscheidungen. Speziell die mit unseren Torhütern. Wolle Hesl hat sich immer absolut vorbildlich verhalten. Ich habe viele Gespräche mit älteren Spielern geführt. Ich versuche, mit allen ehrlich zu sein, jedem klar und deutlich zu sagen, wie die Situation ist. Manchmal gibt es objektive Kriterien, warum einer spielt und ein anderer nicht. Manchmal ist es aber auch so, dass ein paar Akteure auf einer Position spielen könnten. Ich versuche ganz offen mit den Spielern darüber zu sprechen. Jeder weiß auch, dass er nicht nachlassen kann. Wir betonen das in fast jeder Spielersitzung: Das Team steht über allen und diejenigen, die nicht spielen, machen die ersten Elf erst richtig stark. Ich denke, es fühlt sich jeder mitgenommen.

    Mehmet Scholl hat kürzlich die Trainerausbildung in Deutschland und speziell die Arbeit einiger junger Trainer ohne Profierfahrung wie Hannes Wolf und Domenico Tedesco kritisiert. Sie haben erst im vergangenen Jahr Ihre Fußballlehrer-Ausbildung beendet. Wie ist Ihre Meinung dazu?

    Schiele: Als Experte wird man ja dafür bezahlt, Dinge zu sagen, die polarisieren. Hannes Wolf ist in die erste Liga aufgestiegen. Mehmet Scholl hat das als Trainer bisher aber noch nicht nachweisen können. Hochachtung vor dem, was Mehmet Scholl als Fußballer geleistet hat. Er war ein geiler Kicker. Aber es gibt eben auch sehr gute Trainer, die nicht so tolle Fußballer waren. Womöglich hat der ein oder andere junge Trainer auch noch ein bisschen mehr Biss und Ehrgeiz als ein älterer. Ich kann Scholls Kritik nicht ganz nachvollziehen.

    Scholl hat auch gesagt, dass Spieler heutzutage sehr früh in taktische Konzepte gepresst werden und sich dadurch nicht mehr entwickeln können.

    Schiele: Und da gebe ich ihm Recht. Das stimmt. Die Straßenkicker, die Spieler, die das Dribbling suchen, wo sieht man die heute noch? Alles geht über die Mannschaft. Es geht darum, Überzahl herzustellen, es geht um Gruppentaktik.

    Dass aber einer in der Offensive oder auch in der Defensive im Spiel eins gegen eins versucht eine Situation zu lösen, das gibt es immer weniger. Nichtsdestotrotz hat der DFB viele Sachen richtig gemacht, wie es die Erfolge der Nationalmannschaften eindrucksvoll gezeigt haben.

    Wo würden Sie sich als Trainertyp einordnen, als Laptoptrainer oder als einer der alten Schule?

    Schiele: Alte Schule sicherlich nicht. Ich versuche, die Spieler im Training mit Übungen immer wieder zu überraschen.

    In einem Punkt sind Sie aber doch eher ein Anhänger der alten Schule: Sie versuchen nicht, wie manche Kollegen, einfache Dinge mit neuen, scheinbar modernen Ausdrücken zu beschreiben. Sie verwissenschaftlichen den Fußball nicht.

    Schiele: Wissenschaft ist wichtig, wenn es um spezielle körperliche Einheiten geht. Da arbeiten wir nach sportwissenschaftlichen Methoden. Und wenn es um unsere Spielphilosophie geht, dann gibt es auch klare Leitlinien, Prinzipien und klare Kriterien. Da sprechen wir schon in einer Fußballersprache. Aber es stimmt: Ich will mich nicht verstellen. Ich brauche keine komplizierten oder gar englischen Begriffe. Ich rede gerade heraus. Die Spieler sollen genau wissen, was ich meine. Zumindest dann, wenn sie meinen Dialekt verstehen. (lacht)

    In der glattgebügelten Fußballwelt fällt man als Dialektsprecher auf. Haben Sie nicht einmal daran gedacht, das Schwäbische abzulegen und Hochdeutsch zu sprechen?

    Schiele: Das wäre dann nicht ich. Ich will authentisch bleiben. Ich spüre schon, wenn manchmal der Dialekt komplett durchkommt, und die Jungs mich mit Fragezeichen anschauen. Dann weiß ich selbst, dass ich mich noch einmal wiederholen muss. Ich will mich nicht verstellen. Ich will bleiben, wie ich bin.

    Auf welchen Werten fußt für Sie denn die Zusammenarbeit mit Ihrer Mannschaft?

    Schiele: Auf dem Teamgedanken. Die Mannschaft steht über jedem Einzelnen. Das hat am Anfang auch der ein oder andere zu spüren bekommen. Ich will die Mitmenschen so behandeln, wie ich auch selbst behandelt werden möchte. Loyalität innerhalb der Mannschaft ist wichtig. Und es gibt auch eine klare Hierarchie mit unserem Kapitän Sebastian Neumann an der Spitze. Ehrlichkeit ist sehr wichtig. Die Jungs sollen leidenschaftlich bei der Sache sein. Ich verzeihe auch Fehler. Mich ärgert eher, wenn sich jemand versteckt und das Risiko scheut.

    Hatten Sie am Anfang Ihrer Amtszeit nach drei Niederlagen auch einmal Zweifel, auf dem richtigen Weg zu sein?

    Schiele: Ich war überzeugt von den Jungs. Zum Glück habe ich mich nicht zu sehr in die Situation hineingesteigert. Wir haben an ein paar Schrauben gedreht und den einen oder anderen Spieler auf eine andere Position gestellt. Das Halle-Spiel, der erste Heimsieg nach zehn Monaten, war ein besonderes Erlebnis. Gerade weil wir sehr lange in Unterzahl gespielt haben. Danach hat man bei den Jungs die breite Brust gesehen. Da hieß es plötzlich: „Jetzt fahren wir nach Chemnitz und legen dort nach.“ Die Jungs haben gespürt, dass sie fitter werden, dass das Team enger zusammenwächst. Dass es dann tatsächlich sechs Siege am Stück werden, hätte ich nicht gedacht.

    Was ist mit dieser Serie im Rücken in dieser Saison noch möglich?

    Schiele: Ziele haben wir nicht definiert. Wir wollen auf jeden Fall die vorderen Teams ärgern und mit derselben Einstellung in die Spiele gehen, wie wir es zum Ende der Hinrunde getan haben. Wir haben jetzt nach der Winterpause leider zwei Auswärtsspiele vor der Brust. Danach freue ich mich auf das schöne Heimspiel gegen Spitzenreiter Magdeburg.

    Wir haben uns im Vergleich zum Hinspiel weiterentwickelt und richtig Bock darauf, uns mit solchen Mannschaften zu messen. Und dann gucken wir einmal, was im Frühjahr ist, ob wir da noch einmal Ziele festlegen und welche das sind.

    Brauchen Sie für höhere Ziele noch eine Verstärkung? Holen die Kickers in der Winterpause noch einen oder sogar noch mehr Neuzugänge?

    Schiele: Ich vertraue dem Kader. Aber es kann sein, dass noch ein Spieler hinzukommt. Wir müssen auch abwarten, was sich bei unserem Team noch tut. Marvin Kleihs ist schon hier in Spanien nicht dabei. Ihm haben wir die Option gegeben, sich woanders zu präsentieren. Wann die Verletzten Franko Uzelac, Hendrik Hansen und Florian Kohls vollständig einsatzfähig sind, ist derzeit noch nicht exakt absehbar. Es ist unsere Aufgabe, zu jeder Zeit auf alles vorbereitet zu sein. Wir halten die Ohren offen.

    Im Sommer laufen gleich fünf Verträge aus. Vier der betroffenen Spieler waren zuletzt Leistungsträger: Sebastian Neumann, Emanuel Taffertshofer, Felix Müller und Marco Königs. Macht Sie das unruhig?

    Schiele: Nein. Die Spieler wissen um ihren Stellenwert – auch bei mir. Und ich weiß, was ich an ihnen habe. Es werden Gespräche geführt, wo der Weg hingehen könnte. Aber wir lassen uns nicht schon im Januar festnageln. Wir sind mit den Spielern im stetigen und offenen Austausch und planen im Frühjahr eine Entscheidungsfindung.

    Zum Privatmenschen Michael Schiele: Sie haben uns verraten, dass Sie in der kurzen Trainingspause Skifahren waren. Eine große Leidenschaft von Ihnen?

    Schiele: In der Tat. Die Berge, der Schnee, wenn dann auch noch die Sonne rauskommt – das ist einfach toll. Da kann ich abschalten. Von mir daheim auf der Schwäbischen Alb ist es ja nicht weit in die Alpen. Ich war nachdem ich alleine unterwegs war auch mit meiner Familie ein paar Tag im Allgäu. Dort gefällt es mir einfach.

    Sie scheinen ein großer Familienmensch zu sein.

    Schiele: Die Familie ist unheimlich wichtig. Deshalb ist es gut, dass ich von Würzburg aus in anderthalb Stunden daheim bin. Wenn ich zu Hause mal gebraucht werde, bin ich schnell dort. Das ist auch ein Grund, warum ich mich bei den Kickers richtig wohl fühlen kann.

    Was bedeutet Heimat für Sie?

    Schiele: Heimat bedeutet für mich, die ganze Familie zu sehen: meine Eltern, die Schwiegereltern, die Bekannten drumherum. Da kann man mit Bruder oder Schwester auch mal das ein oder andere Gespräch abseits des Fußballs führen, wobei alle sehr interessiert sind und immer wieder ins Stadion kommen. All das bedeutet mir sehr viel.

    Wäre es für Sie dann schwierig, viel weiter als derzeit von der Heimat entfernt zu arbeiten?

    Schiele: Das kann man im Fußballgeschäft nie so festlegen. Ob ich 500, 600 Kilometer von zu Hause weg gehen würde? Das würde mir doch sehr, sehr schwer fallen. Wir haben vereinbart, dass meine Familie in der Heimat bleibt und daher glaube ich nicht, dass ich diese Strecke auf mich nehmen würde. Man kann nie etwas ausschließen. Aber derzeit bin ich bei den Kickers absolut glücklich. Ich hoffe, dass ich noch lange Zeit in Würzburg verleben darf und wir gemeinsam Erfolg haben, denn alleine darauf kommt es im Fußball immer an.

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