• aktualisiert:

    WÜRZBURG

    Der zubetonierte Freistaat

    Mehr als die Hälfte der Siedlungsfläche der Kommunen ist inzwischen überbaut - Unterfranken ist besonders betroffen, zeigt eine neue Studie von Würzburger Geografen.

    Was wäre, wenn die Fläche des idyllischen Ammersees im oberbayerischen Voralpenland komplett unter Beton, Asphalt und Pflastersteinen verschwinden würde? Eigentlich unvorstellbar. Doch seit dem Jahr 2000 ist genau dies in Bayern passiert – in jedem einzelnen Jahr: Exakt 4470 Hektar Landesfläche sind in bayerischen Siedlungsgebieten im Schnitt jährlich neu asphaltiert, betoniert, verdichtet oder wasserundurchlässig befestigt worden.

    Nicht am Stück natürlich, sondern aufgeteilt auf viele kleine Flächen in geschlossenen Siedlungsgebieten in allen Landesteilen. Wie dramatisch der Anstieg der Bodenversiegelung tatsächlich ist, zeigt nun sehr anschaulich eine aktuelle Studie, die der Lehrstuhl für Fernerkundung der Universität Würzburg unter Leitung von Dr. Michael Thiel im Auftrag des staatlichen Landesamtes für Umwelt (LfU) in Augsburg erstellt hat.

    Mit Hilfe von Satellitenbildern aus dem Jahr 2015 ermittelte Thiels Team, wie hoch der Anteil der versiegelten Flächen in den bayerischen Kommunen wirklich ist. Die so gewonnen Daten konnten mit einer ersten Erhebung aus dem Jahr 2007 verglichen werden, die auf Satellitenbilder aus dem Jahr 2000 basierte.

    Das Ergebnis: Waren zur Jahrtausendwende rund 47 Prozent der Siedlungs- und Verkehrsflächen in Bayern versiegelt, stieg diese Quote innerhalb von nur 15 Jahren auf rund 51 Prozent. Oder in realen Zahlen: Waren im Jahr 2000 bereits rund 3570 Quadratkilometer zubetoniert, so stieg dieser Wert binnen 15 Jahren auf 4240 Quadratkilometer – ein Zuwachs von rund 19 Prozent. Der versiegelte Boden entspricht nun in etwa der zusammengerechneten Fläche von Bodensee, Chiemsee und Starnberger See.

    Verbrauch: Täglich 18 Fußballfelder

    Eng verwandt, aber nicht zu verwechseln, ist diese Bodenversiegelung mit dem Flächenverbrauch: Während letzterer die Umwandlung von Ackerland oder Freiflächen in Siedlungs- oder Gewerbeflächen beschreibt, geht es bei der Versiegelung um die tatsächliche Überbauung des Bodens in bestehenden Siedlungsgebieten – also um den Anteil der Flächen, der in Städten und Gemeinden für Gebäude, Straßen oder Parkplätze genutzt wird und nicht für Gärten, Parks oder Friedhöfe.

    Allen politischen Bekundungen zum Flächensparen zum Trotz ist aber auch der Flächenverbrauch in Bayern gewaltig: Mehr als 13 Hektar – oder rund 18 Fußballfelder – Freiflächen verschwinden im Freistaat nach offiziellen Berechnungen jeden Tag unter neuen Wohnhäusern, Gewerbehallen oder Straßen.

    Eine Entwicklung, die sich auch nicht alleine mit dem Bevölkerungswachstum in Bayern erklären lässt: So stieg nach einer Statistik des Bayerischen Umweltministeriums die Einwohnerzahl Bayerns von 1980 bis 2014 um rund 15 Prozent. Die Siedlungs- und Verkehrsflächen legten im gleichen Zeitraum aber um stolze 49 Prozent zu.

    Versiegelung führt zu Aufheizung

    Die wachsende Inanspruchnahme von Flächen habe ökologische, ökonomische und soziale Folgen, warnen die Würzburger Geografen in der aktuellen LfU-Studie: Eine der bedenklichsten Folgen des ungebremsten Flächenverbrauchs „ist jedoch zweifelsohne die stetig fortschreitende Versiegelung fruchtbarer Böden und wertvoller Freiflächen“.

    So verringere die Versiegelung nicht nur die natürliche Verdunstung und die Versickerung von Niederschlägen, was das Hochwasserrisiko erhöhe. „In den Städten führt die Versiegelung zur Aufheizung, zu einer Verringerung der Luftfeuchte, zu einer verstärkten Staubentwicklung und somit zu einer Verschlechterung des lokalen Klimas“, heißt es in dem Papier.

    Überdurchschnittlich stark betroffen von der Bodenversiegelung ist Unterfranken: Etwa ein Drittel der Gemeinden mit dem bayernweit höchsten Versiegelungsgrad von über sechzig Prozent finden sich in der Region – der Bayern-Schnitt liegt bei 50,9 Prozent. Unter den Landkreisen hat der deutsche Hitze-Rekordhalter Kitzingen mit 58,9 Prozent den höchsten Versiegelungsgrad – der Landkreis Starnberg in Oberbayern kommt auf nur 29,5 Prozent. Die Stadt Schweinfurt ist mit 56,7 Prozent deutlich stärker versiegelt als etwa die Metropole München mit rund 46 Prozent.

    Auch beim Vergleich der Versiegelung der bayerischen Planungsregionen liegt Unterfranken weit vorne: Mit 56,1 Prozent in der Region Würzburg, 55,2 Prozent in Main-Rhön und 54,4 Prozent am Untermain kann nur noch die nördliche Oberpfalz (55,7 Prozent) mithalten. Südbayerische Ballungsräume wie München (46 Prozent), Augsburg (48,8 Prozent) oder Regensburg (52,5 Prozent) schneiden besser ab.

    Zweifellos gibt es auch historische Gründe für den hohen Versiegelungsgrad in Unterfranken – etwa eine dichtere Bebauung als Folge der fränkischen Realteilung. Bayernweit auffällig sei allerdings, dass die Zunahme der Bodenversiegelung vor allem die Regionen betrifft, in denen der Baugrund noch relativ günstig ist, glaubt der Grünen-Fraktionschef im Landtag Ludwig Hartmann.

    „Baugrund billiger als Parkettfußboden“

    „Wenn der Quadratmeter Baugrund billiger ist als ein Quadratmeter Parkettfußboden, gibt es für Investoren wenig Grund zum Flächensparen“, kritisiert Hartmann. Die Grünen sehen die LfU-Daten deshalb als Bestätigung für ihr Vorhaben, ein Volksbegehren gegen Flächenfraß zu starten.

    Seit 2003 setzt die CSU-Staatsregierung mit einem breiten „Bündnis zum Flächensparen“ auf freiwillige Selbstbeschränkung beim Flächenverbrauch. Ein Konzept, das gescheitert ist, findet Hartmann: „Der Flächenverbrauch ist sogar völlig losgelöst von der Bevölkerungsentwicklung und der Konjunktur.“

    Auf 4,7 Hektar pro Tag wollen die Grünen per Volksgesetzgebung den Flächenverbrauch beschränken. Damit sei noch immer der Neubau von Wohnungen und wirtschaftliches Wachstum möglich. Man müsse dann allerdings „nachdenken, bevor der Bagger kommt“, fordert Hartmann: So könne ein Baumarkt oder ein Möbelhaus seine Verkaufsfläche auch über einen Parkplatz bauen, anstatt die Stellplätze großzügig neben dem Gebäude zu verteilen.

    CSU setzt auf Freiwilligkeit

    CSU-Umweltministerin Ulrike Scharf setzt dagegen weiter auf freiwillige Lösungen wie dem „Bündnis zum Flächensparen“ oder auf eine Datenbank, die Gewerbeflächen im Innenbereich einer Gemeinde erfasst: „Unser Ziel ist es, den Flächenverbrauch im Freistaat zu senken“, teilte sie auf Nachfrage dieser Redaktion mit. Dazu sei mehr Zusammenarbeit zwischen Kommunen oder mehr Flächenrecycling nötig: „Wir wollen langfristig eine Flächenkreislaufwirtschaft ohne Flächenneuverbrauch.“

    Weitere Artikel

    Kommentare (1)

    Kommentar Verfassen

    Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!