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    BAD MERGENTHEIM

    Warum Kinder an Diabetes erkranken

    Fett am Bauch, Zucker im Blut. Immer mehr Kinder und junge Erwachsene erkranken an Diabetes. Thomas Haak, Chefarzt des Diabetes Zentrum Mergentheim, im Interview.

    Eltern sind oft entsetzt, wenn sie hören, dass ihr Kind sogenannten Altersdiabetes hat. Mittlerweile wird diese Diagnose in Deutschland immer häufiger gestellt, auch weil es immer mehr dicke Kinder gibt: 15 von 1000 Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren leiden an Diabetes Typ 2. Warum die Kinder immer dicker werden und was Eltern tun können, darüber gibt Professor Dr. Thomas Haak, Chefarzt der Diabetes Klinik in Bad Mergentheim, Auskunft.

    Frage: Woran liegt es, dass immer mehr Kinder übergewichtig sind?

    Thomas haak: Das liegt daran, dass Kinder immer inaktiver werden: Sie werden mit dem Auto in die Schule gefahren, sie machen wenig oder keinen Sport, stattdessen verbringen sie viel Zeit vor dem Computer. Noch dazu ist Essen heute überall verfügbar und die Lebensmittelindustrie hält viele hochkalorische Lebensmittel bereit, die sehr fett- und zuckerhaltig sind.

    Welche Lebensmittel sind das?

    Haak: Das sind zum Beispiel alle zuckerhaltigen Getränke wie Fanta, Cola, Sprite, Eistee oder Energydrinks. Was viele Verbraucher nicht wissen, in einem Liter dieser Getränke befinden sich zwischen sechs und 13 Stück Würfelzucker. Wenn Sie einen oder zwei Liter davon täglich trinken, reicht das aus, dass Sie übergewichtig werden. Gewöhnt man Kinder sehr früh an Süßgetränke, dann trinken sie später kaum Wasser.

    Die Deutsche Diabetes Gesellschaft fordert jetzt, dass die Politik eingreift. Ist das die Lösung?

    Haak: Es muss ein gesellschaftspolitischer Umbruch hin zu einer gesunden Lebensweise erfolgen, sonst bekommen wir das Thema nicht in den Griff. Die Politik muss zum einen Informationspolitik bei Eltern, Kindergärten und Schulen machen, aber sie muss Lebensmittel, die ungesund sind, anders besteuern. Ideal wäre es, wenn gesunde Lebensmittel wie Obst, Gemüse und Wasser sogar steuerfrei angeboten würden.

    Das klingt gut. Doch davon sind wir weit entfernt.

    Haak: In Deutschland ist die Zuckerlobby irre stark. Das ist schlecht. Wir müssen den Zucker- und den Fettkonsum drastisch reduzieren – und ich denke, das geht auch.

    Und wie?

    Haak: Der Discounter Lidl hat sich selbst auferlegt, dass sie bis zum Jahr 2025 in ihren Eigenmarken den Zucker- und Salzgehalt um jeweils 20 Prozent reduzieren wird. Das ist für mich ein Vorzeigebeispiel, dem viele Supermärkte folgen sollten.

    Ist eine Ampel-Kennzeichnung die richtige Lösung?

    Haak: Wenn Sie zum Beispiel Brot nehmen, so wäre Brot rot gekennzeichnet, weil relativ viel Salz drin ist. Obwohl Brot ein empfohlenes Lebensmittel ist, aber nicht in großen Mengen. Man bräuchte wenn, eine Ampel für die jeweiligen Inhaltsstoffe. Am Beispiel Brot wäre die Ampel nur für den Salzgehalt rot, ansonsten aber grün. Noch einfacher wäre es, wenn die Leute leicht erkennen, was ein gesundes und was ein ungesundes Lebensmittel ist. So könnte an der Obst- und Gemüsetheke stehen: „Hiervon können Sie viel essen“. Oder beim Wasser: „Das ist kalorienfrei“. So finden sich die Menschen besser zurecht, als wenn sie Inhaltsangaben oder eine Ampel studieren müssen.

    Wann fängt gesunde Ernährung an?

    Haak: Gesunde Ernährung fängt damit an, dass Eltern sie ihren Kindern richtig vorleben. Denn dicke Eltern haben dicke Kinder, das kann man überall beobachten. Schon die Hebamme sollte den Eltern gleich bei der Geburt klarmachen, wie gesunde Ernährung funktioniert. Weiter muss Ernährung auch Thema in der Kindergarten- und Schulverpflegung sein. So haben Limonaden in der Schulverpflegung nichts verloren. Kinder sollten in Kitas und Schulen ausschließlich Wasser oder ungesüßten Tee angeboten bekommen.

    Die Zahl der Diabetiker hat sich seit 1980 fast vervierfacht. Wird Diabetes immer mehr zum Problem?

    Haak: Jeden Tag kommen 800 bis 1000 Neudiagnosen in Deutschland hinzu, das ist viel. Man muss zwischen Typ 1- und Typ 2-Diabetes unterscheiden. Typ 1-Diabetes ist schicksalhaft. Typ 2-Diabetes ist eine Erkrankung, die eine Folge von zu wenig Bewegung und einer hochkalorischen Ernährung ist. Im Unterschied zu früher, wo meist Menschen im Alter von über 60 Jahren an Typ 2-Diabetes erkrankten, leiden heute schon Kinder und junge Erwachsene an dieser Krankheit. 95 Prozent der Diabetes-Erkrankten sind Typ 2-Diabetiker.

    Kann Übergewicht Diabetes auslösen?

    Haak: Übergewicht allein ist noch keine Ursache, an Diabetes zu erkranken. Wenn der Mensch nicht die genetische Vorbelastung für Diabetes hat, wird er keinen Diabetes bekommen. Erst, wenn er genetisch vorbelastet ist, spielt das Gewicht eine Rolle: Die Gene lösen dann Diabetes Typ 2 aus, wenn ein gewisses Körpergewicht überschritten ist.

    Kann Diabetes geheilt werden?

    Haak: Es gibt viele Erwachsene und auch Kinder, die durch eine Lebensstiländerung ihren Diabetes wieder verlieren.

    Und wie ändert man seinen Lebensstil?

    Haak: Anordnen kann man das nicht. Man muss für sich die Entscheidung treffen, dass man seinen Lebensstil ändern will. Dann wird zunächst der Gesamtenergiebedarf ermittelt. Wenn jemand gesund abnehmen will, muss er etwa 500 Kalorien weniger essen als sein Grundbedarf an Energie ist. So verliert er alle zwei Wochen etwa ein Kilogramm Fett. Auch Apps können beim Abnehmen helfen.

    Welche Apps empfehlen Sie?

    Haak: Es gibt einige kostenlose Apps, wie zum Beispiel „FatSecret“, das ist eine schnelle und einfache Kalorienzähler-App. So sehen Sie auf einen Blick, dass zwei Wiener Würstchen genauso viel Kalorien haben wie acht Kartoffeln – nur acht Kartoffeln würden Sie niemals essen.

    Was würden Sie sich nach September von der neugewählten Bundesregierung wünschen?

    Haak: Ich halte es für notwendig, dass die Industrie die Inhaltsstoffe von Lebensmitteln deutlicher kennzeichnet.

    In Bad Mergentheim befindet sich das größte deutsche Diabeteszentrum, es behandelt pro Jahr 4000 Patienten stationär und 16 000 ambulant. Chefarzt ist seit 2000 Professor Dr. med. Thomas Haak (Jahrgang 1959). Der Facharzt für Innere Medizin und Diabetologe ist auch Chefredakteur des Diabetes Journals und Mitglied zahlreicher medizinischer Gremien.

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