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    „So jemand trägt viel Kaltblütigkeit in sich“

    Ein Bombenattentat aus Habgier: Ist der BVB-Anschlag eine neue Dimension? Wir sprachen mit Kriminalpsychologe Friedrich Lösel.

    Professor Dr. HC Friedrich Lösel,Universität Erlangen, Nürnberg Psychologie 1 Foto: www.frankboxler.de

    Ein Bombenattentat aus Habgier: Ist der BVB-Anschlag eine neue Dimension? Wir sprachen über die  Entwicklung mit Dr. Friedrich Lösel, emeritierter Professor für Psychologie an der Universität Erlangen-Nürnberg und Direktor des kriminologischen Instituts in Cambridge. Der 71-Jährige ist in Forschungsprojekten tätig und befasst sich seit langem mit Gewalt und Kriminalität, derzeit auch mit Terrorismus.

    Frage: Ist diese Tat eine neue Dimension?

    Friedrich Lösel: Aktienspekulationen auf Basis eines Mordversuchs an mehreren Menschen, das ist tatsächlich in Deutschland neu.

    Was ist das Beängstigende daran?

    Lösel: Es ist deshalb so beängstigend, weil es immer wieder Nachahmungstäter gibt. Zum Beispiel Nachahmer, die meinen, sie könnten einen Börsenkurs nach unten treiben, indem sie einer Firma auf diese Weise schaden.

    Wie sehen Sie den mutmaßlichen Täter aus psychologischer Sicht?

    Lösel: Der Mann war offenbar nicht so geschickt, wie er im Nachhinein dargestellt wird. Er scheint ein Elektronikfachmann und Bastler, aber kein Bombenexperte zu sein. Er hat die Put-Optionen für die Aktie erst kurz zuvor und auch noch auf Kreditbasis gekauft, ein Hotelzimmer mit Blick auf den Ankunftsort der Mannschaft reserviert und nach dem Attentat sogar noch ein Steak gegessen, während andere Hotelgäste völlig aufgelöst waren. All dies rückte ihn ins Visier der Ermittler.

    Es ging um die Börsenwette, dass die BVB-Aktie unter einen bestimmten Kurs fällt . . .

    Lösel: Es sind viele Unwägbarkeiten dabei. Das Ganze ähnelt einem Kriminalroman. Der Mann scheint kein Wald- und Wiesen-Krimineller zu sein, die meist impulsiv handeln. Er ging planmäßig vor. Jemand, der für die vage Erwartung eines Millionengewinns skrupellos Menschenleben aufs Spiel setzt, trägt viel Brutalität und Kaltblütigkeit in sich.

    Welche sind die häufigsten Mord-Motive?

    Lösel: Geld, Sex und Eifersucht. Ein Großteil der Tötungsdelikte ereignen sich in der Familie, unter Ehepartnern oder Nachbarn. Im Bandenmilieu sind es oft Leute, die sich kennen. Meist handelt es sich um Impulsivtaten. Natürlich gibt es auch kaltblütig geplante Morde, vor allem in der organisierten Kriminalität wie der italienischen Mafia. Doch dass man eine wildfremde Gruppe junger Fußballspieler zum Zwecke des Aktienkurses umbringen will, so etwas kenne ich nur aus Kriminalromanen oder Filmen.

    Sehen Sie Ähnlichkeiten zu anderen Fällen?

    Lösel: Das Motiv ist das gleiche wie bei den Schiedsrichterbetrügereien und der Wettmafia. Doch Spieler fü einen Aktienkurs zu töten, ist natürlich ein ganz anderes Kaliber.

    Ist es für die Spieler wichtig, nun die Hintergründe der Tat zu kennen?

    Lösel: Für potenzielle Opfer ist es immer gut, wenn eine Tat aufgeklärt ist und die Spekulationen ein Ende haben. Viele sagen, es erleichtere sie, wenn sie wissen, was passiert ist. Vielleicht macht es dem einen oder anderen Spieler auch die Verarbeitung des Anschlags leichter, wenn er weiß, dass es ein Ganove war, der auf Gelderwerb aus war und er nicht im Fokus unberechenbarer Extremisten steht.

    Können die Spieler jetzt abschließen?

    Lösel: Mit einem Anschlag auf Leib und Leben abzuschließen, ist schwierig. Auch wenn diese Sportler vielleicht körperlich harte Männer sind, sind sie nicht unbedingt seelisch hart im Nehmen. Das Gefühl, gerade noch einmal davongekommen zu sein, bleibt. Menschen können posttraumatische Belastungsstörungen entwickeln, auch wenn sie nur dabeiwaren. Manche sind anfällig für Flashbacks, das heißt, dass das Ereignis immer wieder in den Gedanken aufblitzt. Bei Angststörungen ist es hilfreich, sich möglichst rasch wieder seinen Alltagspflichten zu stellen. Manchem Spieler hilft vielleicht eine psychologische Betreuung, wieder anderen der Austausch mit der Freundin oder ein Urlaub.

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