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    WÜRZBURG

    Bauernverband will 70 Prozent der Wildscheine tot sehen

    Aus Angst vor der Afrikanischen Schweinepest fordern Bauern mehr Abschüsse. Unterfränkische Jäger halten die Forderung für total unsinnig.

    Jäger blasen ihr Halali zur Wildschweinjagd. Foto: Friso Gentsch/dpa

    Der deutsche Bauernverband hat am Freitag die Tötung von 70 Prozent aller deutschen Wildschweine gefordert. Grund ist die Befürchtung, dass die Tiere die Afrikanische Schweinepest auch nach Deutschland einschleppen. Diese Virusinfektion, die Menschen nicht gefährlich werden kann, Hausschweinen aber sehr wohl, ist derzeit in Polen und Tschechien schon verbreitet. Bauernverbandspräsident Joachim Rukwied zufolge hätte ein Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest „katastrophale Folgen“ für deutsche Schweinehalter. „Die Märkte würden zusammenbrechen“, sagte er der „Heilbronner Stimme“. Deshalb müssten „alle Abwehrmaßnahmen gegen die Tierseuche ergriffen werden“.

    5000 Wildschweine lassen pro Jahr in Unterfranken ihr Leben

    Unterfränkische Jäger können sich über diese Forderung nur wundern – weil sie ihnen nämlich äußerst unrealistisch erscheint. „Das ist eine politische Forderung für den schnellen öffentlichen Effekt, die mit der Lebenswirklichkeit der Jäger nichts zu tun hat“, sagt der Kürnacher CSU-Landtagsabgeordnete Manfred Ländner, der auch Vorsitzender der Kreisgruppe Würzburg des bayerischen Jagdverbands ist. „Die Zahl der Wildschweine in Deutschland, Bayern oder Unterfranken ist ja gar nicht bekannt; kann aufgrund der Wanderungsbewegungen der Tiere gar nicht bekannt sein“, sagt Ländner. „Von daher ist es unmöglich, festzustellen, wieviel Prozent der Tiere man tötet.“ Diese Aussage bestätigt Gertrud Helm, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit beim Bayerischen Jagdverband. Erfassbar ist laut Helm nur die Zahl der erlegten Wildschweine – und das sind in Bayern 60 000 bis 80 000 Tiere und in Unterfranken rund 5000 Tiere im Jahr. „Wir haben unsere Jäger schon aufgefordert, noch intensiver als bisher zu jagen“, sagt Helm. Mehr gehe aber nicht. So lehne der Bayerische Jagdverband es etwa ab, die bisher bestehende Schonzeit zwischen März und Juni aufzuheben, wie es der Bauernverband gefordert habe. „Noch ist die Seuche ja nicht in Deutschland“, sagt Helm.

    Manchmal ist das Schwein für den Jäger zu schlau

    Die Forderung des Bauernverbands, 70 Prozent der deutschen Wildschweine zu töten, hält auch Michael Hein, Jäger in Veitshöchheim und Ausbildungsleiter der Würzburger Kreisgruppe des Bayerischen Jagdverbands, für völlig realitätsfremd. „Wir können die Anzahl der Abschüsse kaum steigern“, sagt er. Warum nicht? „An der Zahl der Jäger liegt es sicher nicht“, sagt Hein; deren Zahl steige seit Jahren. Laut Verband gibt es allein in Unterfranken rund 6000 ausgebildete Jäger. Nein – dass sich die Abschusszahl nicht hochtreiben lässt, liegt am Schwein selbst. „Das ist nämlich schlau“, sagt Hein. Schlau genug, um seinen Lieblingsaufenthaltsort im Wald zu verlassen und an Ortsränder zu verlegen, wenn es kapiert habe, dass es im Wald öfter bejagt werde. Schlau genug, um vom Wald in „aufgelassene, alte Gärten“ umzuziehen und sich da zu verstecken. Schlau genug, um sich in Vollmondnächten nicht groß zu bewegen. „Das Schwein weiß nämlich, dass es genau dann gejagt wird, wenn am meisten Licht ist“, sagt Hein.

    Warum der Vollmond wichtig ist für die Schweinejagd

    Damit ist der Veitshöchheimer Ausbildungsleiter beim Hauptproblem angekommen – dem Problem, dass die Zeiträume für eine Wildschweinjagd nicht beliebig ausweitbar sind. Wildschweine seien, sagt Hein, nämlich nachtaktive Tiere und könnten deshalb auch Nachts am besten gejagt werden. Wer aber nachts jage, brauche Licht. Weil per Jagdgesetz das Jagen mit Nachtsicht-Zielgerät oder mit Lampe verboten sei, müsse es sich bei dem Licht um natürliches Licht handeln. Mithin kämen für die Wildschwein-Jagd nur Vollmondnächte und die Nächte kurz vorher und nachher in Betracht. „Wir haben pro Jahr nur rund 30 Nächte, in denen realistischerweise Wildschweinjagden angesetzt werden können“, sagt Hein. Und selbst wenn die Sichtverhältnisse passten, sei ja der Erfolg noch lange nicht garantiert. Erst im Dezember hat er an einer Wildschweinjagd in Veitshöchheim teilgenommen. Hein: „Ergebnis: Null Schwein“.

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