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    UNTERFRANKEN

    Weniger Einbrecher, mehr Drogendelikte in Unterfranken

    "In Unterfranken leben, heißt auch weiterhin sicher leben", bilanzierte Polizeipräsident Gerhard Kallert. Es gibt weniger Einbrüche, aber mehr Drogendelikte,

    Die unterfränkische Polizei kann sich nicht zurücklehnen, aber zufrieden auf ihre Arbeit im vergangenen Jahr zurückblicken. Das ist das Ergebnis der Sicherheitsbilanz, die Unterfrankens Polizeipräsident Gerhard Kallert am Freitag in Würzburg präsentierte. „In Unterfranken leben, heißt auch weiterhin sicher leben“, bilanzierte er in der Tradition seiner Vorgänger.

    Spitzenwert im Freistaat

    Die so genannte Häufigkeitszahl (Anzahl der Straftaten pro 100 000 Einwohner) gibt Auskunft über die Kriminalitätsbelastung der Bürger. Sie sank 2016 in Unterfranken von 4 818 auf 4 335. Damit unterbot der Bezirk noch die bundesweiten Spitzenwerte des Freistaates. Bei der Aufklärungsquote liegen die Unterfranken dagegen vier Prozent über dem bayerischen Durchschnittswert. Dies belegt weiterhin hohe Sicherheitsstandards in der Region.

    Und dies, obwohl das Jahr 2016 mit einer Fülle schwerer und Aufsehen erregender Verbrechen begonnen hatte.

    Der Chef der rund 3 000 Polizeibeamten in Unterfranken erinnerte an das Tötungsdelikt an der kleinen Janina in der Silvesternacht, das intensive Ermittlungsarbeit nach sich zog. Kurz darauf folgte der Mordversuch zweier junger Männer an einer 22-Jährigen im Schlosspark in Wiesentheid und der Fund einer möglicherweise nach Unfallflucht ums Leben gekommenen toten Frau auf der Straße in Erlabrunn – ebenfalls Fälle, die für Unruhe in der Bevölkerung sorgten du intensive Ermittlungen erforderlich machten. Alle drei Fälle gelten inzwischen bei der Polizei als aufgeklärt. Der Letzte wartet noch auf die juristische Aufarbeitung.

    Weniger Straftaten

    Das Aufsehen erregendste Ereignis war wohl das Axt-Attentat eines 17-Jährigen im Zug von Ochsenfurt nach Würzburg im Juli. Daneben gab es vom sexuellen Übergriff bis zum Drogenhandel, von der Schlägerei bis zum Taschendiebstahl 56 612 Straftaten im vorigen Jahr, 9,5 Prozent weniger als im Jahr zuvor - trotz der hohen Zuwanderung von Flüchtlingen, die mit etwa 12 000 einen Spitzenwert erreichte.

    Auch wenn der subjektiv verunsicherte Bürger möglicherweise einen anderen Eindruck hat: Bei Eigentumsdelikten registriert die Polizei seit zehn Jahren einen fast permanenten Rückgang. Und bei den Wohnungseinbrüchen griffen offenbar die intensiven Präventions- und Fahndungsmaßnahme: Hier gab es einen Rückgang von 29 Prozent von 708 Versuchen pro Jahr auf 504. Besonders erfreulich: In 44 Prozent der Fälle scheitern die Einbrecher inzwischen an guten Sicherungsmaßnahmen der Haus- und Wohnungsbesitzer.

    Senioren besser informiert

    Und dank aufmerksamer Bürger, die schnell die Polizei über Wahrnehmungen informierten, stieg auch die Chance, Täter zu fassen. „Wir hatten in diesem Jahr bereits wieder drei Festnahmen,“ freut sich der für Kriminalitätsbekämpfung zuständige Matthias Weber. Auch beim Enkeltrick zeigen sich inzwischen viele Senioren gut informiert: Immer weniger von ihnen fallen auf die Betrugsmasche mit Anrufen der angeblichen verwandten herein.

    Dagegen bleibt Unterfranken ein beliebtes Tätigkeitsfeld und Durchreiseland für Autodiebe. Die stehlen in der Region sowohl ganze Fahrzeuge (Anstieg um 15 Prozent) als auch gezielt spezielle Teile (Anstieg um 6,2 Prozent). Die Kripo stellte im vorigen Jahr 90 anderswo gestohlene Autos in Unterfranken sicher, die gerade von den Dieben in Sicherheit gebracht werden sollten. Dies ist auch das Ergebnis neuer landesübergreifender Kooperationen der Polizeiorganisationen der Länder.

    Autoschlüssel im Kühlschrank

    Kopfschüttelnd zitiert der erfahrene Ermittler Weber aber eine ADAC-Studie: Gerade teure Autos mit dem Komfort-Schließsystem „Keyless“ sind zwar bequem für den Besitzer, aber deutlich leichter zu stehlen als Fahrzeuge mit normalem Funkschlüssel. Das zeigt eine Untersuchung des ADAC an über 100 Modellen. Auch in Unterfranken wurden zehn solcher Diebstähle von Fahrzeugen registriert, bei denen der Fahrer zum Öffnen der Tür und zum Anlassen seinen Schlüssel in der Tasche stecken.

    Die Diebe versuchen, das Funksignal abzufangen und zu verstärken und die hochwertigen Wagen dann zu klauen. Die Autobesitzer versuchen sich auf paradoxe Art zu schützen. Die Fahrzeugschlüssel eines 100 000-Euro-Autos werden im Kühlschrank oder einer speziellen Aluminium-Schlüsseltasche aufbewahrt, damit das Funksignal der Schlüssel von Dieben nicht verstärkt werden kann. „Da muss sich die Auto-Industrie schleunigst etwas einfallen lassen,“ mahnt der Kriminalitätsbekämpfer.

    Mehr Drogentote

    Was den Sicherheitsbehörden mehr Sorgen macht, ist ein immenser Anstieg der Drogendelikte um 18,1 Prozent. Man könne fast den Eindruck haben, der Konsum von Marihuana oder Cannabis sei gesellschaftlich in weiten Kreisen mittlerweile akzeptiert, fürchtet Leitender Kriminaldirektor Matthias Weber. Die Polizei registrierte binnen zehn Jahren einen Anstieg von 2900 auf über 4700 Fälle – eine Entwicklung, die nicht nur der Tatsache geschuldet ist, dass im Drogenbereich die Zahlen dann ansteigen, wenn intensiv ermittelt wird.

    Hier gibt es besorgniserregende Entwicklungen, auf die nicht nur die Polizei reagieren muss. So waren unter den 24 Drogentoten in Unterfranken im vorigen Jahr (2016) beispielsweise vier, die den so genannten "Legal Highs" zum Opfer fielen – Drogen, die als Badesalze oder Duftmischungen vorwiegend im Internet verkauft werden und schnell ihre Zusammensetzung ändern, um gesetzlichen verboten zu umgehen – mit dem Risiko, dass kein Konsument dann genau weiß, was er da zu sich nimmt. Ein weiterer besorgniserregenden Aspekt dieser Entwicklung: Während Autofahrer vorsichtiger werden, unter Alkohol Auto zu fahren, steigt der Anteil derer, die sich nach dem Drogenkonsum ans Steuer setzen und zur Gefahr für sich und andere werden. „Die Entwicklung könnte noch dazu führen, dass wir eines Tages weniger Promillesünder als Fahrer unter Drogeneinfluss haben,“ fürchtet Polizeipräsident Kallert.

    Gezielte Bekämpfung von Kriminalität

    Die Zuwanderung von Flüchtlingen hat 2016 in Unterfranken ihren Höhepunkt erreicht von knapp 10 000 Menschen im Vorjahr auf über 12 000. Rechnet man die rein ausländerrechtlichen Verstöße heraus, bleiben 2 676 Straftaten, eine Menge, die laut Kallert „für uns problemlos beherrschbar ist“.

    Regelmäßige Analysen und Erstellungen von Lagebildern geben viele Hinweise zu einer gezielten Kriminalitätsbekämpfung.

    So hat sich beispielsweise die Art der Delikte verlagert. Waren 2015 vor allem Schwarzfahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln und Ladendiebstähle registriert worden, stieg 2016 die Zahl der Körperverletzungen: In Würzburg und Aschaffenburg blieben die Fallzahlen im Vergleich zum Vorjahr fast gleich, in Schweinfurt gab es einen messbaren Anstieg von 474 auf 971 Delikte. Und während die große Mehrheit der Flüchtlinge straffrei blieb, erlaubte das Lagebild der Polizei laut Kallert beispielsweise, sich auf eine Gruppe von 58 Personen in Schweinfurt zu konzentrieren, „die uns immer wieder beschäftigt haben“.

    In dieser Gruppe setzten Polizei und Justiz Zeichen mit schnellen Ermittlungen und Gerichtsverhandlungen binnen 48 Stunden. 13 solcher Fälle gab es allein im Januar und Februar. Allerdings sind dafür nur Delikte mit einfacher Beweislage geeignet – und die Justiz muss mitziehen, wie es in Schweinfurt geschieht.

    Was Kallert Sorgen macht, ist die hohe Zahl von Angriffen auf Einsatzkräfte der Polizei, Feuerwehr und der Rettungsdienste. In 644 Fällen wurden 1 461 Beamte attackiert. Makaber daran: In 67 Fällen begannen Angriffe von unbeteiligten Menschen, denen der ursprüngliche Einsatz gar nicht galt, die sich aber (häufig unter Alkohol- oder Drogeneinfluss) einmischten.

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