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    Digitalisierte Landwirtschaft: Der automatisierte Acker

    Die Digitalisierung verändert auch die Arbeit der Bauern. Smart Farming ist längst schon Alltag auf Frankens Feldern.

    Der Rübenroder pflügt in perfekt berechneten Bahnen über den Acker, seine Fahrtroute ist computergenau und GPS-gestützt vorgeplant. Keine zu große Kurve, kein zu weiter Abstand vom Feldrand und natürlich keine Sekunde zu spät fertig. Eine Zukunftsvorstellung? Mitnichten. Wer Landwirte fragt, wie sie zur Digitalisierung, zur Automatisierung, zu selbstfahrenden Maschinen und Datenanalyse stehen, der bekommt nur ein müdes Lächeln. Nicht etwa, weil die Landwirte glauben es beträfe sie nicht, sondern weil sie schon längst dort angekommen sind. Daten gibt es in der Landwirtschaft, wo man nur hinschaut. Schon vor 30 Jahren, mit der Revolution in der chemischen Industrie, wurden Bodenuntersuchungen in der Landwirtschaft Standard, erzählt Klaus Ziegler vom Verband Fränkischer Zuckerrübenbauern. Das war der Startschuss für eine gewaltige Veränderung auf allen Ebenen. Angefangen bei der chemischen Zusammensetzung des Bodens wurde im Rahmen der Präzisionslandwirtschaft versucht, den Anbau planbar zu machen, zu optimieren und Leistung zu maximieren. „Die GPS-Schlagdaten sind erst in den letzten 10 bis 15 Jahren dazu gekommen.“ Sie werden digital erhoben und geben per GPS genaue Auskunft darüber, wie groß das Feld ist.

    Der letzte Schritt ist in Großbetrieben bereits gegangen worden, halb automatische Erntefahrzeuge, die von einem Mitarbeiter aus dem Cockpit überwacht werden. Die Landwirtschaft ist der Industrie in Sachen Automation und Datennutzung schon eine Nasenlänge voraus.

    Unser Rübenroder fährt derweil weiter seine Runden, doch welche Daten sammelt er dabei eigentlich? Ernst Merz von der Südzucker AG in Ochsenfurt will in der Weiterverarbeitung ganz genau wissen, wo die Erntefahrzeuge zurzeit im Einsatz sind und wann mit der Lieferung zu rechnen ist.

    Er sagt: „Wir müssen wissen wo der Schlag liegt. Dies ist die Grundlage für unsere Anfuhrplanung.“ Mit dem Wort Schlag meint Merz ein Feld. „Die modernen Schlepper haben eine Flächenaufzeichnung und per GPS könnten wir exakt feststellen, wo die Lkws ihre Fracht abholen sollen.“ Doch die Landwirte sind vorsichtig und haben auch Vorbehalte gegenüber allzu vielen Daten. Wernher von Rotenhan aus der Digitalabteilung weiß auch wieso: Aus seiner Sicht war „Know-how pro Quadratmeter bisher das Fachgebiet des Landwirts. Dieses Know-how entgleitet ihm möglicherweise“, wenn alle Daten frei verfügbar sind.

    Hierzu zählen neben der Feldgröße und der Lage auch die Bodenqualität, die Fruchtfolge, der Düngemitteleinsatz und der Ertrag. Aus diesem Grund spielt Anonymität und Datenschutz auch in der Landwirtschaft eine große Rolle. Von Rotenhan erklärt, dass Daten vor allem zur Ernteschätzung und schließlich der Planung der Logistik-Routen genutzt werden. Am Ende wollen die Mitarbeiter in der Südzucker-Fabrik in Ochsenfurt genau wissen, wie viele Rüben zu welchem Zeitpunkt von wo angeliefert werden. Um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten, ist auch die Beratung der Landwirte ein wichtiges Anliegen. Um ihnen die Möglichkeit zu geben, ihren Anbau zu verbessern, werden ihnen die erhobenen Daten in einem Rohstoffportal im Internet zur Verfügung gestellt.

    Die Daten sind aufbereitet und erlauben eine Veränderung über Jahre hinweg beobachten zu können. Aus seinen Ertrags- und Qualitätsdaten könne der Landwirt „einen Anbauvergleich einsehen. Das heißt, er bekommt über seine Anbauregion eine Art Benchmark“, also eine Bewertung im Vergleich zur Konkurrenz.

    Doch einfach Technik um jeden Preis einzusetzen, darum geht es in der Landwirtschaft offenbar nicht. Stattdessen sagt Rübenverbandsgeschäftsführer Ziegler: „Es war schon immer ein gewisser Kostendruck da. Man hat sich immer Gedanken gemacht, wie man das rationalisieren kann.“ Rationalisieren, optimieren, konzentrieren: Der Dreiklang begleitet die Landwirtschaft schon seit langem. Merz wünscht sich von den Landwirten mehr Vertrauen, für ihn ist wichtig, „dass die Landwirte offen sind, dass Sie bereit sind, auch Daten preiszugeben“. Er sieht in der Auswertung von Daten eine Win-win-Situation für beide Seiten. Damit spricht Merz wohl auch den Initiatoren der Bitkom-Studie zur Digitalisierung in der Landwirtschaft aus der Seele.

    Der Lobbyverband der Digitalwirtschaft wollte von 521 Landwirten wissen, wie weit sie in der Digitalisierung gekommen sind. 39 Prozent der Landwirte nutzt nach eigener Aussage bereits Landmaschinen die die Bodenbearbeitung, Aussaat, Pflege und Ernte digital aufzeichnen, bei Fütterungseinrichtungen sind es sogar 51 Prozent. Auch wenn es für den Außenstehenden befremdlich wirken mag, selbst die Robotertechnik ist bei 37 Prozent der Tierhalter schon im Einsatz. Neben den mehrheitlich positiven Aussagen der Studie wird jedoch auch die Angst der Landwirte vor einem Ausverkauf ihres Know-hows bestätigt. 42 Prozent sehen die Datensicherheit als ein Problem der Landwirtschaft 4.0 an, 54 Prozent haben sogar Angst vor mehr staatlicher Kontrolle.

    Sebastian Fritsch, Bitkom-Mitglied und Gründer des Landwirtschafts-Start-ups green spin in Würzburg sieht sich bestätigt: „Landwirte sind sehr kritisch, wenn es um Datenschutz geht.“ Trotzdem sehen seine Kollegen und er ihre Aufgabe darin, aus frei verfügbaren Daten einen Mehrwert für die Landwirtschaft zu erzeugen. Frei verfügbar und für jeden zugänglich sind unter anderem Wetterdaten, Geografie und Bodenbeschaffenheit.

    Daraus lassen sich wichtige Erkenntnisse ziehen. Doch auf dem Weg zu einer vernetzten Landwirtschaft sieht Fritsch auch Hindernisse. Es gebe „einfach noch super-viele Insellösungen“. Das heißt, jede Firma entwickelt eigene Systeme, ohne die Fähigkeit zur Kommunikation mit anderen Geräten. Unser Rübenroder hat derweil seine Fahrt beendet, lässt seine Fracht in den Lkw gleiten und schickt per aktivem Transponder seinen digitalen Lieferschein ins Führerhaus. Der Landwirt sitzt derweil nicht auf dem Trecker, sondern daheim am Schreibtisch. Denn wenn wir über Digitalisierung reden, dann reden wir auch über ein verändertes Berufsbild. Wer heute einen landwirtschaftlichen Betrieb übernimmt, der ist Logistiker, Agrartechniker, Biologe und Unternehmer zugleich. Zeit also, sich von alten Vorstellungen zu verabschieden.

    Von unserem Mitarbeiter Sebastian Schug

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