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    SAMSTAGSBRIEF

    Samstagsbrief: Herr Schmidt, Sie sprengen jeden Ignoranz-Maßstab!

    Christian Schmidt irritierte diese Woche mit seinem Glyphosat-Alleingang bei der EU. Redakteur Frank Weichhan findet deutliche Worte für den Agrarminister.

    _ Foto: Martin Schutt (dpa-Zentralbild)

    Fangen wir mit einem Rätsel an, Herr Schmidt: Welches Wort ist acht Zeichen lang, enthält drei Vokale und fünf Konsonanten? Genau: ignorant. Das dürfte die treffende Bezeichnung für das sein, was Sie bei der Glyphosat-Abstimmung in Brüssel gemacht haben. Einfach mal locker vom Hocker dafür gestimmt, dass das Pflanzengift weitere fünf Jahre in der EU verwendet werden darf. Ohne Rücksicht auf Verluste.

    Dass Sie dabei Ihre Kompetenzen als Landwirtschaftsminister gleich um mehrere Meter überschritten haben – egal! Dass mal eben politische Absprachen vom Tisch gewischt wurden – egal! Dass eines der meistverkauften Unkrautvernichtungsmittel der Welt weiter verwendet werden darf – na und!

    Nur noch mal für Sie zur Erinnerung: Wir reden hier nicht von ein bisschen Düngemittel – sondern von systematischer Vergiftung. Über eine Million Tonnen des Herbizids, das die nicht ganz unbekannte Firma Monsanto erfunden hat, werden jährlich versprüht. Als offener Feldversuch sozusagen.

    Was als Wundermittel startete, wurde längst zur tickenden Zeitbombe. Glyphosat wird mit Krebs, Unfruchtbarkeit, Geburtsfehlern, Schäden des Nervensystems und Nierenerkrankungen in Zusammenhang gebracht. Und das nicht von irgendwem, sondern von der Weltgesundheitsorganisation WHO. Und selbst wenn das Zeug für Menschen unbedenklich wäre, hätten wir immer noch ein Umweltproblem.

    Dabei ist es im Grunde auch völlig schnuppe, ob Glyphosat halb schlimm oder ganz schlimm ist. Allein der Verdacht sollte reichen, um es in die Tonne zu treten. Oder ist es noch nicht genug, dass uns beim Aufschlagen von Eiern Insektenvernichtungsmittel entgegen kommt? Und dass man in Hühnern Mittel findet, die selbst gut bestückte Hausapotheken erblassen lassen?

    Vielleicht haben Sie es noch nicht mitbekommen, Herr Minister: Aber es geht gerade um ziemlich viel. Wenn nicht um alles. Der Landesbund für Vogelschutz spricht bereits vom „stummen Frühling“. Weil das Zwitschern und Pfeifen der Vögel weniger wird. Was wiederum daran liegen könnte, dass längst ein dramatisches Insektensterben eingesetzt hat – Experten gehen sogar von einem Rückgang von 75 Prozent aus. Pflanzenschutzmittel tragen ihren Teil dazu bei.

    Die Veränderungen sind für jedermann spürbar. Das Gebot der Stunde wäre also, radikal gegenzusteuern – falls das überhaupt noch möglich ist. Es geht nicht alleine mehr um Glyphosat. Unkrautvernichter lauern so ziemlich überall.

    Kann man das alles ignorieren? Gäbe es einen Ignoranz-Quotienten, wären Sie, Herr Schmidt, ganz vorne mit dabei. Oder anders gesagt: In dem Buch „Die 20 schlimmsten Wahrnehmungsfehler“ würde sich ein ausführliches Kapitel Ihnen widmen. Samt einer entsprechenden Widmung: Erst wenn der letzte Vogel tot und das letzte Insekt verschwunden ist, werdet Ihr feststellen, wie giftig Glyphosat war!

    In der Psychologie heißt es: Unsere Wirklichkeit ist beobachtungsabhängig. Keine Ahnung, was Sie in Ihrem Ministeramt so alles beobachten. Postkarten-Idyllen? Wobei das dann schon Realitätsverlust wäre. Darauf deutet Ihre Rechtfertigung für Ihr „Ja“-Sagen hin: „Mit der Zustimmung Deutschlands habe ich wichtige Verbesserungen zum Schutz der Pflanzen und Tierwelt durchgesetzt.“

    Was für ein unfassbarer Satz!

    Vielleicht glauben Sie auch einfach nur, sich alles erlauben zu können. Weil Sie einer von denen sind, die ihren Volksvertretungsanspruch aufgegeben haben und lediglich noch aus machtpolitischen Überlegungen heraus handeln. Dann wären Sie ein Kaputtmacher. Ein Zerstörer. Und ein – um auf den Ausgangspunkt zurückzukommen – Ignorant. Durch Entscheidungen wie die Ihre, Herr Schmidt, geht nicht nur die Natur kaputt. Vielmehr werden auch Vertrauen, Glaubwürdigkeit und Integrität zerstört. Kurz: das Miteinander. Was Sie angerichtet haben, ist mehr als ein Flurschaden. Ich frage mich, ob Ihnen das alles klar ist? Und in wessen Namen handeln Sie eigentlich?

    Sie hätten die tickende Zeitbombe nicht nur entschärfen können, sondern müssen. Das war Ihr Auftrag. Stattdessen ein irritierender Alleingang, der gerade mal eine Rüge der Kanzlerin nach sich zog. Eine Rüge! Das ist so, als würde man den Zeigefinger ausstrecken und „Du, du, du“ sagen. Derweil von Ihrer Partei, der CSU, nicht einmal das kam.

    Es reicht also nicht einmal zu einem Rücktritt – was aber irgendwie ins Bild passt. Zumal einiges dafür spricht, dass alles womöglich viel einfacher ist. Es könnte ja sein, dass Sie nur das machen, was Ihnen Umweltministerin Barbara Hendricks vorgeworfen hat: dass Sie schlichtweg „dämlich“ agieren. Woraus sich zwingend die Frage ergibt, was man denn nun dringender verbieten sollte: Glyphosat oder Sie.

    Mit freundlichen Grüßen

    Frank Weichhan, Redakteur

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