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    BAD WINDSHEIM

    Ungewöhnliche Schulstunde: Ein Fleckchen Geschichte

    Spaziergang in die Vergangenheit: Dabei trifft man auf Fachwerkhäuser, Mühlenräder und Roggenstrohdächer. Das Museumsdorf haucht bäuerlichen Gebäuden wieder Leben ein.

    Wenn Sigrid Thallmeyer als strenge Lehrerin aus dem 19. Jahrhundert auftritt und Unterricht wie früher hält, ist es mucksmäuschenstill. Schauplatz der ungewöhnlichen Schulstunde: ein fränkisches Schulgebäude, das 1801 erbaut wurde und in dem der Lehrer Johann Witzgall mit seiner Frau und seinen zehn Kindern Anfang des 20. Jahrhunderts lebte. „Die Kinder sind beeindruckt von der Disziplin“, sagt Sigrid Thallmeyer, früher selbst Sportlehrerin. Sie ist eine von 25 selbstständigen Führern, die im Freilandmuseum Bad Windsheim mit zehn Wissenschaftlern offene Sonntagstouren anbieten.

    Im Gänsemarsch über das Gelände

    Damit das Schulhaus mitsamt des Klassenzimmers und der Einrichtung Teil des Museumsdorfs werden konnte, wurde es an seinem ursprünglichen Standort in Pfaffenhofen ab- und in Bad Windsheim wieder aufgebaut. Dafür wurden teilweise ganze Wände eingepackt und nach Bad Windsheim abtransportiert.

    Heute sieht man am Gebäude nichts mehr von der Rekonstruktion. Als Besucher meint man, der ehemalige Lehrer würde gleich um die Ecke in das große, helle Klassenzimmer stolzieren und Strafaufgaben verteilen. Den Stock, mit dem Schülern früher Respekt beigebracht wurde, finden die Kinder heute spannend, erzählt Sigrid Thallmeyer. „Die Leute möchten unterhalten werden“, sagt sie. So auch an diesem sonnigen Sonntag, an dem ihr 30 Besucher, darunter Familien mit Kindern und Fahrradtouristen, im Gänsemarsch über das Gelände folgen. Das Thema der Führung: Wohnen im Wandel der Zeit.

    Über 100 Gebäude gehören zum Museum

    Heimelig wirkende Bauernhäuser aus dem 14. Jahrhundert mit mächtigen Roggenstroh-Dächern machen den Anfang. Auf etwa 43 Hektar stehen Gebäude, die aus ganz Franken zusammengetragen worden sind: sechs Baugruppen zu 700 Jahren fränkischer Alltagsgeschichte. Ein Teil davon befindet sich in der Altstadt von Bad Windsheim. Träger des Museums, das es seit 1976 gibt, ist der Bezirk Mittelfranken. Drei Fördervereine unterstützen die Einrichtung. Das älteste Gebäude auf dem Gelände ist ein Hinterhaus aus Eichstätt von 1322 – der früheste nachgewiesene Stockwerkbau Deutschlands.

    Über 100 Gebäude sollen in Bad Windsheim die Erinnerung an die bäuerliche Vergangenheit Frankens bewahren.

    So auch die mittelalterliche Baugruppe. Mit einem einstöckigen Fachwerkhaus aus Stöckach (Lkr. Fürth) mit Baujahr 1474, einem Garten mit Brunnen und Flechtzaun ist mit dem Bauernhaus auf Höfstetten (Lkr. Ansbach) aus dem Jahr 1367 ein mittelalterlicher Bauernhof entstanden. Ein bisschen erinnern die Häuser dank der winzigen Fenster, der schweren Dächer und der hölzernen Zäune an das gallische Dorf aus den Asterix-Comics. Schwer vorstellbar, dass die Menschen so wirklich gelebt haben.

    Schweine und andere Tiere werden wie früher gehalten

    In den Räumen des Bauernhauses aus Höfstetten ist es stockfinster, die Luft riecht unangenehm nach Rauch. Das liegt an der Konstruktion der Feuerstelle in der Küche, sagt Sigrid Thallmeyer. Diese leite den Rauch des Feuers zwar aus dem kleinen Raum heraus, aber direkt unters Dach. Ein Kamin fehlt. Holzläden und Schweinsblasen verschließen die Fenster und lassen so noch weniger Luftaustausch und Lichteinfall zu. Die Hölzer von damals sind deswegen tiefschwarz eingefärbt. Trotzdem gilt das Haus mit Außenwänden aus Fachwerk und lehmverputzten Holzböden als fortschrittlich: Im Vergleich zu einem Einraumhaus hat es zusätzlich zur Küche noch eine Stube, eine Kammer und einen Stall.

    Zurück unter freiem Himmel atmen die Besucher wieder tief ein. Da stört auch der Schweinestall im Nachbarhaus nicht. Nebenan sitzt eine Frau, die Weidenzweige für den Zaun des Schweinegeheges zuschneidet. Im Museumsdorf werden auch Pferde, Rinder, Ziegen, Schafe und Hühner gehalten – wie früher. Nutzgärten, Felder, Hecken, Wiesen und eine Hopfen- und Weinbaufläche werden ebenfalls authentisch bewirtschaftet. Direkt im Anschluss wird gebaut. 2020 soll dort laut Ute Rauschenbach, Sprecherin des Museums, eines der ältesten Badhäuser Deutschlands aufgestellt werden. In dem Gebäude aus dem Jahr 1450 aus Wendelstein (Lkr. Nürnberg) soll der Badebetrieb „voll funktionsfähig“ mit Schwitzkammer nachgestellt werden. „Das wird spektakulär“, sagt Ute Rauschenbach.

    Vom Schulhaus in den Fertig-Stahlbau aus den 1950ern

    Sigrid Thallmeyer führt derweil in 200-Jahr-Schritten durch Bauernhöfe, Handwerkhäuser und ein Stahlbau-Fertighaus aus den 1950ern. Die Unterschiede der Wohnräume sind enorm: Im Haus eines Webers hindert ein Brett vor dem Fenster das Licht daran, ins Zimmer hereinzukommen. Das Schulhaus aus dem 19. Jahrhundert hat bereits Vorhänge und Fensterläden.

    Die reiche Frau des damaligen Lehrers hat wohl für die kostspielige Einrichtung des Hauses gesorgt. Modern für seine Zeit ist auch die Einrichtung des Stahl-Fertighauses der 1950er aus Nerreth (Lkr. Roth). Mit den kalten Wänden gleicht das Bad dem Inneren eines U-Boots.

    Hier wohnen möchte keiner der Besucher, denn im Haus ist es stickig. „Dann lieber doch das Rauchhaus aus dem Mittelalter“, sagt ein Besucher. Das Haus war Teil einer Serienproduktion der Firma MAN mit einer Auflage von 230 Stück. Heute gibt es noch 40 davon. 1949 wurde es gebaut und sollte das „Neue Bauen“ auf dem Land einläuten. Als einige Besucher ein Original-Radio und einen Plattenspieler finden, erinnert sich ein anderer Besucher: „So ein Gerät hat man früher unbedingt haben müssen.“

    Auch Ideen fürs Renovieren sammeln

    Dass ältere Besucher von ihrer Kindheit erzählen, kommt bei Sigrid Thallmeyers Führungen häufiger vor. 180 000 Menschen besuchten das Freilichtmuseum allein im letzten Jahr. Neben Eltern und Kindern gebe es noch eine andere Gruppe von Besuchern. „Es kommen auch Leute, die sich gerade einen Bauernhof gekauft haben“, sagt sie.

    Die wollen sich hier Ideen fürs Renovieren holen. Im Freilandmuseum wird versucht, das Originale an den Gebäuden zu erhalten. Sigrid Thallmeyer fasst das so zusammen: „Was kaputt ist, wird wieder alt-erneuert.“

    Rund um den Ausflug zum Freilichtmuseum Bad Windsheim

    Führungen:

    An jedem Sonntag geht es um 11 Uhr bei den offenen Sonntagsführungen mit einem Museumsführer durch das Museumsgelände. Um 14.30 Uhr gibt es sonntags eine Führung durch das Museum Kirche in Franken. Zusätzlich gibt es am Sonntagnachmittag ein offenes Kinderprogramm, in den Schulferien auch dienstags, donnerstags und samstags.

    Für Erwachsene bietet das Museum außerdem Themenrundgänge und Führungen, auch durch das Museum Kirche in Franken, an. Für Kinder gibt es Themenführungen mit oder ohne Mitmachprogramm und Angebote in den Werkstätten. Die Sonderführungen können terminunabhängig entweder online im Anmeldeformular oder unter Tel. (0 98 41) 6 68 00 gegen einen kleinen Unkostenbeitrag gebucht werden.

    Öffnungszeiten:

    Die Baugruppen auf dem Freigelände sind den Sommer über täglich von 9 bis 18 Uhr geöffnet (von 29. Oktober bis 17. Dezember von 10 bis 16 Uhr).

    Die Baugruppe „Stadt in der Altstadt“ mit dem Museum Kirche in Franken, dem alten Bauhof und einer Kräuter-Apotheke sind bis

    28. Oktober von 10 bis 18 Uhr geöffnet (im Winter von 11 bis 16 Uhr).

    Eintrittspreise für das gesamte Museum:

    Erwachsene zahlen 7 Euro, ermäßigt 6 Euro.

    Kinder unter sechs Jahren haben freien Eintritt, eine Familienkarte kostet 17 Euro.

    Infos: www.freilandmuseum.de

    „Was kaputt ist, wird wieder alt-erneuert.“
    Sigrid Thallmeyer, Führerin im Freilandmuseum

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