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    MÜNCHEN

    Wohin kommt der neue Nationalpark?

    Das dritte bayerische Schutzgebiet: In Unterfranken sind dafür Rhön und Spessart im Gespräch. Und jetzt bringen Experten wieder den Steigerwald ins Spiel.

    Um zusammenhängendeWaldflächen geht esbei der Nationalpark-Suchein der Rhön.Foto: Sonja Demmler

    Wo sollte – wenn überhaupt – der von Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) versprochene dritte Nationalpark in Bayern entstehen? Wer eine mehr als vierstündige Expertenanhörung im Landtag aufmerksam verfolgte, der konnte zu dem Schluss kommen, dass zumindest die Nationalpark-Befürworter ausgerechnet das einzige Waldgebiet in Bayern, das von dem derzeit laufenden Auswahlprozess ausdrücklich ausgenommen ist, für am besten geeignet halten: „Ich kann nicht verstehen, dass gerade der Steigerwald ausgeschlossen ist“, wunderte sich etwa Manfred Großmann, Leiter des Nationalparks Hainich in Thüringen.

    Auch die jahrelangen heftigen Proteste in der Steigerwald-Region gegen einen Nationalpark können Großmann nicht beeindrucken: „Ich kenne keinen Nationalpark, der ohne Diskussionen ausgewiesen worden wäre.“ Auch in Thüringen habe es massiven Widerstand gegeben. Nur fünf Jahre später seien 90 Prozent der Anwohner für das Schutzgebiet: „Das ist eine Zustimmungsquote, die nicht einmal die CSU in Niederbayern erreicht“, scherzte Großmann.

    Wirklich lösen konnte aber auch die Landtagsanhörung die Kontroverse zum Thema Nationalpark nicht: Während Naturschützer, Tourismusexperten oder die Leiter der Nationalparks im Bayerischen Wald und in Berchtesgaden den Plan massiv unterstützten, bekräftigten Vertreter von Bauern, Waldbesitzern oder Förstern ihre Bedenken: Ministerpräsident Horst Seehofer habe mit seinem Plan gar die bis dato gute Zusammenarbeit zwischen Forstleuten und Naturschützern ohne Not zerstört, klagte Josef Ziegler vom Waldbesitzerverband: „Weil er damit ein Fass aufgemacht hat, das den gesellschaftlichen Frieden vergiftet.“

    „Einen Nationalpark muss man als Sechser im Lotto verstehen.“
    Susanne Wagner, Tourismusexpertin aus dem Bayerischen Wald

    Auch Bernhard Weiler, unterfränkischer Bezirkspräsident des Bauernverbandes, malte im Falle eines neuen Nationalparks ein düsteres Zukunftsbild: „Es gibt im Spessart junge Leute, die sitzen schon auf gepackten Koffern“, warnte er: „Und die gehen, wenn der Nationalpark kommt.“

    Derzeit gilt der Spessart als Favorit im Vorauswahlprozess. Denn die Rhön und zwei Auwaldgebiete an der Donau, die ebenfalls im Verfahren sind, haben aus einhelliger Sicht der Experten den entscheidenden Nachteil, dass dort kein zusammenhängendes Schutzgebiet möglich ist.

    Der Münchner Rechtsexperte Josef Geislinger machte allerdings deutlich, dass einem Spessart-Nationalpark mit den jahrhundertealten Holzrechten der Spessart-Bewohner ein mächtiges Hindernis im Weg stehe: Eine Ablösung oder Verschiebung der Rechte sei zwar theoretisch möglich – aber nur mit der aus heutiger Sicht eher unwahrscheinlichen Zustimmung der Rechtler. Man müsse in einer sachlichen Diskussion eine freiwillige Lösung finden, räumte auch Bund-Naturschutz-Chef Hubert Weiger ein: „Sonst gibt es da erhebliche Probleme.“

    Ebenfalls ein Aufreger-Thema im Spessart ist die Zukunft der Spessart-Eiche, die nach Meinung von Experten in einem Nationalpark von der Buche verdrängt werden würde: „Buchennaturwald oder Eichenkulturwald – das ist letztlich eine politische Entscheidung“, sagte der Nationalpark-Kritiker Professor Reinhard Mosandl.

    Befürworter des Spessart-Schutzgebietes wie Karl Friedrich Sinner verwiesen dagegen darauf, dass nur 6,4 Prozent des Spessart-Gebietes als möglicher Nationalpark vorgesehen sind – und das restliche Gebiet sowohl genug Raum zum Eichenschutz wie auch zur Kompensation des Buchen- und Eicheneinschlags biete. „Die Spessart-Eiche würde im Nationalpark-Gebiet zurückgehen, aber nur dort“, räumte letztlich auch Mosandl ein: „Und sie würde mit Sicherheit nicht aussterben.“

    Streit zwischen den Experten gab es auch über den wirtschaftlichen Nutzen eines Nationalparks: „Man sollte für eine Nationalpark-Region nicht das Blaue vom Himmel versprechen“, kritisierte etwa Waldbesitzer-Chef Ziegler. So sei etwa der wirtschaftliche Verlust der Holzindustrie durch Gewinne im Tourismus nicht zu kompensieren. Eine Auffassung, der die Vertreter der bestehenden Nationalparks vehement widersprachen: „Einen Nationalpark muss man als Sechser im Lotto verstehen“, findet Susanne Wagner, Tourismusexpertin aus dem Bayerischen Wald. Und Michael Vogel, Leiter des Nationalparks Berchtesgaden, verwies für seine Region auf einen jährlichen Netto-Nutzen von zuletzt 47,5 Millionen Euro.

    Positive Erfahrungen dort könnten nicht einfach auf Spessart oder Steigerwald übertragen werden, warnte dagegen Experte Mosandl – und plädierte dafür, anstatt auf einen großen Nationalpark besser auf viele kleine Naturschutzgebiete in Bayern zu setzen.

    Weitgehender Konsens unter den Experten herrschte immerhin in der Forderung nach klaren Fakten durch konkrete Machbarkeitsstudien zu den möglichen Nationalpark-Standorten: „Nur so ist ein realistischer Abwägungsprozess möglich“, glaubt selbst Bauernvertreter Bernhard Weiler.

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