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    NÜRNBERG

    Auch Männer fühlen sich als Opfer sexueller Belästigung

    Männer haben vergessen, über ihre Bedürfnisse nachzudenken. Das hat Matthias Becker in seinem ersten Jahr als Männerbeauftragter in Nürnberg gelernt.

    Matthias Becker ist Männerbeauftragter der Stadt Nürnberg. Foto: dpa

    Seit Mai 2016 ist Matthias Becker Ansprechpartner für Männer im Frauenbüro der Stadt Nürnberg. Als erster Männerbeauftragter der Republik betrat der 53-jährige Sozialpädagoge Neuland. Die Stadt Nürnberg wertet das Experiment als geglückt und die Nachfrage als groß genug. Ab 1. Januar bekommt Matthias Becker deshalb eine feste Stelle als Männerbeauftragter der Stadt.

    Frage: Mit welchen Anliegen kommen die Männer zu Ihnen?

    Matthias Becker: Viele Probleme kreisen um den Beruf. Auch Männer leiden unter Hierarchien, Stress und ihren Chefs. Ein zweiter großer Themenschwerpunkt ist das Vaterwerden und Vatersein. Da geht es oft um die Frage der Elternteilzeit. Welchen Anspruch habe ich als Mann? Und wie bringe ich es meinem Chef bei, dass ich diese Elternteilzeit in Anspruch nehmen möchte? Ein dritter Schwerpunkt sind Trennungen.

    Fühlen sich Männer bei Trennungen rechtlich benachteiligt?

    Becker: Kompliziert wird es, wenn Kinder im Spiel sind. Das klassische Modell ist, dass die Kinder bei ihrer Mutter bleiben, während der Vater für den Unterhalt sorgt und die Kinder alle zwei Wochen am Wochenende zu sich nehmen darf. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen aber, dass für die Kinder beide Elternteile gleichermaßen weiter wichtig sind. Die Gesellschaft hat sich weiterentwickelt und wir benötigen deshalb auch eine Veränderung der gesetzlichen Rahmenbedingungen beim Sorgerecht, beim Unterhaltsrecht und bei den Umgangsregelungen.

    Wenden sich an Sie auch Männer, die von ihrer Partnerin körperlich misshandelt werden?

    Becker: Laut Studien sind in Fällen partnerschaftlicher Gewalt zu 80 Prozent Männer die Täter. Diese Zahl spricht für sich. Das heißt im Umkehrschluss aber, dass in jedem fünften Fall eine Frau ihren Partner schlägt.

    Kennen Sie derartige Fälle aus ihrer eignen Arbeit?

    Becker: Vielleicht einmal im Monat äußert ein Mann in einem Beratungsgespräch erlittene Gewalterfahrungen. Es handelt sich um ein großes Tabu. Viele Männer schämen sich. Von einer Frau geschlagen zu werden, greift massiv ihr Selbstverständnis an.

    Gibt es so etwas wie Männerhäuser, in denen Männer Schutz und Unterkunft finden?

    Becker: Nein. Ich hielte aber für Mittelfranken zum Beispiel ein Haus mit vier Plätzen für einen guten Anfang. Jetzt bleibt mir im Zweifel nichts anderes übrig, als Männer, die von ihrer Partnerin der Wohnung verwiesen worden sind oder die dort Gewalt erleben, zur Obdachlosenhilfe zu schicken.

    In der Me-too-Kampagne brandmarken Frauen sexistisches Verhalten. Verstehen dies alle Männer?

    Becker: In der Kampagne geht es um die Verbindung zwischen Macht und Sexualität im beruflichen Kontext. Ein Kompliment, das sich auf die körperliche Attraktivität einer Frau bezieht, ist im privaten Kontext oft akzeptabel. Im beruflichen ist es das grundsätzlich nicht. Schon wenn ich eine Frau gegenüber Dritten als die schönste aller Kolleginnen vorstelle, überschreite ich eine Grenze. Es kann sein, dass einige Männer diesen Unterschied zwischen beruflichem und privatem Kontext noch besser begreifen müssen.

    Werden umgekehrt auch Männer Opfer sexueller Belästigung?

    Becker: Auch hier sind Männer deutlich öfter Täter als Opfer. Aber ja, es gibt Männer, die sich sexuell belästigt fühlen. Ich selbst erinnere mich an zwei Fälle. Beide Männer hatten ihren Chef erfolglos gebeten, nicht länger mit einer bestimmten Kollegin allein im Büro sitzen zu müssen. In beiden Fällen hatte sich die jeweilige Kollegin dem Empfinden der Männer nach übergriffig verhalten, Komplimente und anzügliche Bemerkungen gemacht oder Massagen angeboten. Und die Frauen haben sich am Kopierer derart eng an ihren männlichen Kollegen vorbeigequetscht, dass ihre Brüste die Männer streiften. Die Männer fühlten sich unbehaglich. Und sie hatten Angst, zum Opfer übler Nachrede zu werden, wenn sie die Avancen der Kolleginnen zurückweisen. Konkret hatten sie Angst, selbst sexueller Übergriffe angeklagt zu werden. Bei mir saß auch schon ein Mann, der sich von Kleidervorschriften diskriminiert fühlte.

    Wie bitte?

    Becker: Sein Arbeitgeber hatte ihm untersagt, bei Publikumsverkehr kurze Hosen und Sandalen zu tragen. Seine Kolleginnen allerdings durften Minirock und Flip-Flops anziehen. Das leuchtete dem Mann nicht ein.

    Zu Recht?

    Becker: Ja. Man kann bei einer Kleiderordnung nicht zwischen Männern und Frauen unterscheiden.

    Ist der Mann nicht ohnehin ein Auslaufmodell? Gesellschaft und Wirtschaft fordern eher den Frauen zugeschriebene Kompetenzen.

    Becker: Der Mann steckt in keiner Identitätskrise, er steht allerdings vor großen Herausforderungen. Er muss sein Rollenbild erweitern. Gerade die neue Arbeitswelt erwartet von den Menschen Kreativität, die Fähigkeiten zur Kommunikation und zum Selbstmanagement. Das alles sind aber Fähigkeiten, die nicht positiv mit dem Mann verbunden sind und die auch Jungs noch immer nicht ausreichend in der Schule vermittelt werden.

    Warum?

    Becker: Weil die Schule Geschlechtertypen reproduziert. Wer ist gefragt, wenn im Klassenzimmer Tische verrückt werden müssen? Die Jungs. Wer, wenn der Klassenraum geschmückt werden soll? Die Mädchen.

    Das Gespräch führte Christoph Hägele

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