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    WÜRZBURG

    4. Sinfoniekonzert in Würzburg: Mit dem Mut zur Stille und Reduktion

    Mit Gerhard Stäblers Orchesterkonzert „Ausgewilderte Farben“ lieferte Generalmusikdirektor Enrico Calesso ein klares Statement für die zeitgenössische Kunst.

    Manchmal vergehen drei Stunden wie im Flug. Das Philharmonische Orchester Würzburg präsentierte im gut besuchten Konzertsaal der Hochschule für Musik ein aufregendes Sinfoniekonzert, das zwei Schlachtrössern der deutschen Musiktradition eine hochinteressante Uraufführung gegenüberstellte. Mit Gerhard Stäblers Orchesterkonzert „Ausgewilderte Farben“ schmuggelte Generalmusikdirektor Enrico Calesso kein verschämtes Quotenstück Neue Musik ins Programm, sondern lieferte ein klares Statement für die zeitgenössische Kunst.

    Schon in den ersten Takten von Johannes Brahms? Violinkonzert bündelte das Orchester seine Energien, zeigte sich bestens gestimmt, fokussiert und homogen. Der russische Violinsolist Denis Goldfeld beeindruckte mit gut sitzendem, variablem Ton, der Schmelz und verführerische Süße, aber auch gleißende Schärfe besaß – ein Ton wie durchs Brennglas geschickt. Während der Einstieg ins temperamentvolle Finale vorübergehend etwas nuschelte, agierte Goldfeld in der Zugabe umso zentrierter: In die Wiederholung der Kadenz warf er sich mit bewundernswert ökonomischem Krafteinsatz, gespannt und knackig, doch stets frei schwingend.

    Momente großer Schönheit

    Stäblers Wunsch, Musik mit allen Sinnen erfahrbar zu machen, ging in der Aufführung seines Konzerts uneingeschränkt in Erfüllung. Durch Mut zu Stille und Reduktion konnten hier Momente großer Schönheit und Intensität entstehen. Mit bloßen Händen griffen die Schlagwerker nach raschelnden Papierbahnen, schüttelten, rieben, knüllten sie und machten das gleichsam vertraute wie unerwartet neue Geräusch so mit Augen und Ohren „greifbar“.

    Inmitten reizvoller, oft schonungsloser Aktionen wie dem entfesselnden Heulen der Blechbläser durfte viel verebben und „übrigbleiben“, etwa ein einsames Violin-Solo (Franz Peter Fischer) auf wenig mehr als einem Ton, unterlegt vom uhrwerkartigen Klopfen des Holzblocks. Drei auf der Bühne verteilte Percussion-Gruppen hüllten den Hörer in einen Raumklang, der die Trennung von Musikern und Publikum gänzlich aufzulösen schien. Neben Enrico Calesso fungierten Silvia Vassallo Paleologo und Alexis Agrafiotis als Subdirigenten.

    In der Umbaupause diskutierte das Publikum viel und angeregt, bevor zu später Stunde noch Beethovens Vierte erklang, vital musiziert und mit der rechten Würze.

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