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    MASSBACH

    Als Kafkas Käfer durchs Bühnengebälk

    Mutig! Das Maßbacher Theater zeigt Franz Kafkas fantastische Erzählung „Die Verwandlung“ - und einer überzeugt.

    Eine Riesenstinkwanze, die durchs Bühnengebälk klettert und die Zuschauer in ihren Bann zieht? Allein das Stirnrunzeln über das neueste Unterfangen der Maßbacher treibt einen dieses Mal ins Intime Theater, um Ingo Pfeiffers Inszenierung von Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ leibhaftig beizuwohnen.

    In Kafkas wohl bekanntester Erzählung geht es um die Metamorphose eines Menschen zum Käfer – ein Albtraum, der im Leben Gregor Samsas Realität zu werden scheint. Der brave und fleißige Junggeselle, Handelsreisender in Sachen feine Tücher, findet sich frühmorgens in seinem Bett in der Hülle eines riesigen Käfers wieder. Die mannigfachen Interpretationsmöglichkeiten der wundersamen Wandlung haben Generationen von höheren Schülern fast zur Verzweiflung getrieben – sofern sie sich nicht schon vor Schulbeginn in Käfer verwandeln und den Prüfungsfragen gelehrter Studienräte entfliehen konnten.

    Wer dazu nicht in der Lage war, dem sei – als später Trost und Vorgeschmack auf die Maßbacher Inszenierung – Jan Böhmermanns Sicht auf die Dinge in seiner literarischen Miniserie „Letzte Stunde vor den Ferien“ empfohlen (zu sehen auf YouTube).

    Überraschen die Maßbacher wieder einmal ihre Zuschauer und ziehen sie so in die Handlung, dass man die gelegentliche Neigung zum eigenen Käfersein sogar leiblich zu spüren glaubt? Ja und nein.

    Familie als prägende Instanz

    Kafka beschreibt in vielen seiner Werke in nüchtern-sachlicher und gerade deshalb Angst erregender Weise die Verlorenheit sensibler Individuen im anonymen Räderwerk eines unbegreifbaren bürokratischen Apparats. In der „Verwandlung“ wird der gesellschaftlichen Macht die Familie als erste prägende Instanz des Untertanengeistes vorgesetzt: bürgerliches Milieu, ein herrschsüchtiger und zu Depressionen neigender Vater, eine fürsorgliche, duldende, aber im Grunde unempathische Mutter, eine verspielte jüngere Schwester, die sich im Lauf der Geschichte zum größten Feind des Bruders entwickelt.

    Der siecht in fortschreitender Verkäferung in seinem Zimmer vor sich hin und wird von der Familie zunehmend als nutzloses „Es“ betrachtet. Und das, obwohl Gregor Tag für Tag für den Unterhalt der Familie sorgte, die er bankrott glaubte.

    Wie also meistern die Maßbacher diesen literarischen Stoff szenisch? Allein das Bühnenbild von Anita Rask Nielsen zieht einen hinein ins Geschehen, als würde man durchs Jahrhundert in die Dachwohnung der Samsas – oder Kafkas – in der Prager Altstadt des Jahres 1912 gesogen. Und dann Benjamin Jorns. Man wollte sich keinen Anderen als Gregor vorstellen. Er mimt seine Nöte und Träume glaubwürdig: diszipliniert, bescheiden, schüchtern. Hin- und hergerissen zwischen Pflichtgefühl und Abscheu gegenüber der allumfassenden Monotonie des Alltags und der Gleichgültigkeit der Menschen. Zwischen Sehnsucht nach Nähe und dem Wunsch nach Freiheit.

    Wie ein Akrobat durchs Gebälk

    Jorns trifft den richtigen Ton in seiner Sprache, die seine Nächsten nicht mehr verstehen. Und, vor allem: Er imitiert das Käfergebaren in erstaunlicher Körperbeherrschung und klettert durchs Gebälk als sei Akrobat sein Zweitberuf. Ohne Netz und doppelten Boden. Wie sich Gregor durch seine Kammer bewegt, wie er einen letzten sehnsuchtsvollen Blick aus dem Dachfenster ins Freie wirft, wie sich seine Seele aus der Wirklichkeit zurückzieht – das berührt.

    Was sich aber im Wohnzimmer der Familie davor ereignet (das parallel bespielt wird), das ist vom Regisseur offensichtlich nicht zu Ende gedacht. Man nimmt Marc Marchand (Vater), Sandra Lava (Mutter), Franziska Theiner (Schwester) und Maßbach-Debütant Lukas Redemann (Prokurist, Bedienerin, Untermieter) nur in Augenblicken das Duckmäusertum und die perfide Kunst subtiler und offener Unterdrückung ab, die Gregor zu dem gemacht haben, was er ist. Das Milieu ist kleinbürgerlich und borniert – ja.

    Zu wenig neurotisches Profil

    Aber die Darsteller gewinnen zu wenig substanzielles neurotisches Profil, um die allumfassende und lebenslange Enge, die einem jegliche Luft zum freien Atmen raubt, in den Zuschauern als Bedrückung und Bedrohung festzusetzen. Manche Szenen wirken so theatralisch überhöht, dass man kurzzeitig und fast wider Willen lacht.

    Die bedrückend dichte Atmosphäre, die sich beim Lesen von Kafkas Geschichten unter der Haut einnistet, erfahren die Zuschauer so nur dann, wenn sie sich mit Herz und Seele in Gregors verwinkelte Kammer verkriechen und an seiner Seite zu Käfern mutieren.

    Weitere Vorstellungen im Intimen Theater freitags und samstags um 19.30 Uhr, sonntags um 19 Uhr sowie auf Gastspielen zu sehen bis 10. Dezember. Infos: Tel. (097 35)235. www.theater-massbach.de

    Von unserem Mitarbeiter Siggi Seuß

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