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    MEININGEN

    Auf der Suche nach Sehnsuchtsorten: Festwoche in Meiningen

    Ungewöhnlich frischer Wind wehte durch die Theaterflure und Säle. Aber so recht wusste der Besucher nicht, ob er die Vorstellungen einem Leitmotiv zuordnen sollte

    Wenja (Reinhard Bock) wird weder Petuschki noch irgendeinen Augenblick gelebter Glückseligkeit erreichen – er wird an de... Foto: Foto Ed

    Großes Aufatmen. Nach langer Zeit endlich wieder eine Festwoche am Meininger Theater. Neben einigen Eigenproduktionen gab es Gastspiele berühmter Ensembles zu bewundern, die einem die Pulsfrequenz in die Höhe trieben.

    Mit dem Dirigenten Teodor Currentzis und seinem Orchester Music-Aeterna aus dem russischen Perm, mit den Solistinnen Nuria Rial (Sopran) und Paula Murrihy (Mezzosopran) und Pergolesis „Stabat Mater“ – eine Passionserleuchtung. Mit dem Berliner Ensemble und Philip Tiedemanns vorbildlicher Inszenierung von Siegfried Lenz' Roman „Deutschstunde“. Mit einem Meisterkonzert Mozart-Strauss – einem Gastspiel des Schweizer klangart-Bläserensembles in Kooperation mit der Meininger Hofkapelle. Mit einer von Ansgar Haag auf die Bühne gebrachten „Meistersinger“-Inszenierung (wir berichteten), die mit unerwarteten Wendungen nationale Überheblichkeit gegenwärtig ins Bild rückt.

    Und mit einer Premiere in den Kammerspielen, die gnadenlos die Verlorenheit der Menschen im sowjetischen Alltag der 1960er Jahre beleuchtet – aus der Sicht eines genialen Säufers und intellektuellen Außenseiters, in einer Bühnenfassung von Wenedikt Jerefejews Poem „Moskau–Petuschki“.

    Die Frage nach einem Leitmotiv

    Ungewöhnlich frischer Wind wehte also in der vergangenen Woche durch die Theaterflure und Säle. Aber so recht wusste der Besucher nicht, ob er die Vorstellungen einem Leitmotiv zuordnen sollte. Ein offizielles Motto gab es nicht. So musste man sich auf individuelle Rote-Faden-Suche begeben und fand ihn denn auch – zum Beispiel in den unterschiedlichsten Ausprägungen provinzieller Enge, in der unangepasste Künstler gegen den Strom schwimmen und gegen die Unbilden des allseits proklamierten Normalen ankämpfen. Haag lässt das ewiggestrig Kleinmütige in Gestalt der AfD aufmarschieren. In Lenz' norddeutschem Dorf Rugbüll resümiert der junge Erzähler nach Ende der Naziherrschaft: „Nicht einmal das Ende ändert euch.“

    Und dann Currentzis und sein Opernorchester aus Perm. Selbst Jahrzehnte nach der Öffnung der in der Sowjetunion verbotenen Stadt am Uralgebirge scheint sie dem Betrachter – wenn er die erhellende TV-Dokumentation „Der Klassikrebell“ sieht (in der arte-Mediathek abrufbar), öd und trist. Wenn da nicht der griechische Dirigent und seine vielen Mitstreiter beweisen würden, dass sich gerade in der Ödnis die fantastischen Blüten klassischer Musik tagaus tagein der unendlichen Tristesse entgegenzustrecken vermögen.

    Engel, Obdachlose, Mörder

    Tagaus tagein – so glaubt der versoffene Wenja in Jerofejews Poem – blüht auch in Petuschki der Jasmin und erquickt der Vogelsang unentwegt die Menschheit. Zwölf Mal war er dort, an seinem im Suff schöngeredeten Sehnsuchtsort, um seine Geliebte und seinen Sohn zu sehen. Beim dreizehnten Mal wird er zwar im Zug sitzen, aber nie in dem Kaff – das auch Perm heißen könnte oder Rugbüll – ankommen.

    Er wird seltsamen Gestalten, Engeln, Obdachlosen, Mördern begegnen. Er wird die russischen Geistesgrößen Revue passieren lassen und sie – hymnisch verzweifelt – mit dem Widerspruch zwischen Anspruch und Realität konfrontieren: Tschechow, Puschkin, Gogol, Turgenjew, Bulgakow, Gorki. Er wird sich immer wieder fragen, warum die Augen seiner Mitbürger so teilnahmslos blicken. Und er wird gefragt werden, warum in seinen Augen so viel Traurigkeit liegt, bei so viel Erkenntnis. Eben wegen der Übermacht der ihn umgebenden dumpfen Gleichgültigkeit.

    Die Ödnis des Sowjetalltags

    So entstehen in der Inszenierung von Martina Gredler zutiefst depressionsfördernde Einsichten in den sowjetischen Alltag jener Zeit. Reinhard Bock (als Wenja), Christine Zart, Meret Engelhardt und Peter Liebaug (in den verschiedensten Rollen) spielen sich die Seele aus dem Leib und lassen die Zuschauer, trotz des minimalistischen Bühnenbilds von Anna-Luisa Vieregge Enge und Kälte leibhaftig spüren.

    Die sehnsuchtsvollen russischen Klänge, die Antonia Dering und Kevin mit Akkordeon und Kontrabass entgegenhalten, machen die Widersprüche noch schmerzhafter. Wenja wird weder Petuschki noch irgendeinen Augenblick gelebter Glückseligkeit erreichen – er wird an der Dumpfheit seiner Mitmenschen, an sich selbst und seinem Jammer endgültig zerbrechen.

    Gegen die allgemeine Verödung der Seele

    Das ist eine Botschaft, die in der dargebotenen Absolutheit den Leitfaden zur Gegenwart der Theaterbesucher leider fallen lässt. Schade, dass er wie ein Relikt aus verlorener Zeit auf den Bühnenbrettern liegenbleibt. Da halten wir uns doch lieber an die Leidenschaft, die Currentzis und seine Musiker der allgemeinen Verödung von Seelenlandschaften entgegensetzen. Das wäre doch ein schönes Leitmotiv für die nächste Festwoche.

    Nächste Vorstellung von „Moskau–Petuschki“ am 29. April um 20 Uhr. Karten: Tel. (0 36 93) 45 12 22. www.das-meininger-theater.de

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